Leben mit Querschnittlähmung: „Mein linker Oberschenkel ist wie ein Sensor für meine Blasensituation.“

Corina Mersmann* aus Münster ist Physiotherapeutin, Ehefrau, Mutter und Großmutter. Seit 30 Jahren lebt sie mit einer Querschnittlähmung. Spastik und Kontrakturen erschweren ihren Alltag im Rollstuhl, doch die 50-Jährige ist einfallsreich.

Corina Mersmann war Sportstudentin als sie sich 1991 bei einem schweren Autounfall eine inkomplette Querschnittlähmung zuzog. Die Rückenmarksschädigung blieb anfänglich unerkannt und erst neurologische Auffälligkeiten führten zu einer Behandlung in einem Querschnittzentrum.

Zunächst war Mersmanns Gehfähigkeit erhalten, doch fast 30 Jahre nach Eintritt der Querschnittlähmung kam es zu weiteren Funktionsausfällen, so dass sie schließlich in den Rollstuhl einstieg. Sie sagt: „Die Sensibilität war ja schon immer eingeschränkt gewesen, aber dann fiel auch die Motorik aus und ich hatte überhaupt keine Kraft mehr in den Beinen.“ Eine schwierige Situation, doch Mersmann betrachtet sie mit einer positiven Grundeinstellung: „Es ist okay, dass ich jetzt Rollstuhlfahrerin bin. Ich bin dankbar für die Jahre, die ich noch gehen konnte. Und jetzt kann ich es eben nicht mehr.“

Nach 30 Jahren der Einstieg in den Rollstuhl

Fast zeitgleich kam es zu einer drastischen Veränderung der Spastik. „Keine Therapie hat funktioniert. Und ich habe wirklich alles versucht. Komischerweise hilft mir Botox beim Blasenmanagement, aber auf die Spastik hat es keinen Einfluss.“ Schließlich kam es aufgrund der Spastik zu solch massiven Kontrakturen, dass sie 2018 zunächst die Füße und 2019 auch die Knie nicht mehr beugen konnte. Mit gestreckten Beinen sitzt sie in einem Rollstuhl, der nicht an diese Voraussetzungen angepasst ist.

„Der Rollstuhl war ja noch recht neu, und man wollte mir nicht schon wieder einen anderen finanzieren. Aber so wie es ist, habe ich nur wenig Stabilität im Rollstuhl. Ein wenig Erleichterung schafft ein spezielles Sitzkissen, das die Haftpflichtversicherung meines Unfallgegners mir auf gerichtliche Verordnung finanzieren musste.“

Der Alltag im Rollstuhl sieht in dieser Position schwer aus. Mit gestreckten Beinen ist das Navigieren und das Unterfahren von Möbeln kaum möglich. Mersmanns Lösung: Sie sitzt seitlich neben den Möbeln und hat Tischplatten installieren lassen, die sie über den Schoß klappen kann, wenn sie z. B. Gemüse für das Abendessen schneidet.

Das Problem mit dem Treppenlift

Als Mersmann mit ihrer Familie in die zweistöckige Wohnung einzog, in der sie noch heute wohnt, war ihre Gehfähigkeit noch erhalten. Die Eingangstür ihres Wohnhauses ist zwar ebenerdig, doch zu ihrer Wohnungstür führen Stufen und auch innerhalb der Wohnung gelangt man nur durch eine Treppe ins Obergeschoss. In beiden Fällen ist ein Treppenlift keine Lösung. Mit den gestreckten Beinen ist das Fahren mit dem Rollstuhl im Treppenlift zu gefährlich; für einen Treppenlift, in dem man steht, fehlt Mersmann die Kraft in den Beinen.

Die 50-Jährige löst das Problem, indem sie auf einem Kissen die Treppen hoch- bzw. hinunterrutscht. Sie zieht sich dabei mit den Armen am Geländer von Stufe zu Stufe. Mit etwas Übung gehe das ganz gut, sagt sie, wenn sie allerdings z. B. einen Wäschekorb dabei habe oder auf dem Weg in die Wohnung den Rollstuhl hinter sich her wuchten müsse, dauere das Ganze deutlich länger. Sie und ihr Mann seien auf der Suche nach einem kleineren, rollstuhlgerechten Heim, doch dies sei in Münster und Umgebung kein einfaches Unterfangen.

Blasenentzündungen und Spastik: Sensor im linken Oberschenkel

Neurologischen Beobachtungen zufolge (siehe auch: Sieben Faktoren, die das Auftreten von Spastik bei Querschnittlähmung begünstigen können und wie man sie vermeidet), kann es bei Menschen mit Spastik zu einer Verschlimmerung der Symptome kommt, wenn eine Infektion vorliegt. Das kann jede Art von Infektion sein, aber Harnwegsinfektionen und Infektionen der Atemwege sind die häufigsten Auslöser.

Mersmanns Erfahrungen bestätigen diese Beobachtung. „Blasenentzündungen habe ich immer mal wieder. Ich kenne kaum jemanden mit Querschnittlähmung, dem das nicht auch so geht. Und da kommt mir die Spastik dann schon ein bisschen gelegen. Ich spüre eigentlich nichts, wenn es losgeht mit der Harnwegsinfekt, aber mein linker Oberschenkel ist wie ein Sensor für meine Blasensituation. Wann immer der anfängt heftigst zu zucken, weiß ich, dass ich die Blase auf einen Harnwegsinfekt checken lassen muss. Dann kann ich gegensteuern, komm mit Cranberrys und Meerrettich vielleicht sogar um Antibiotika drumherum – und wenn die Entzündung zurückgeht, verbessert sich auch die Spastik.“

Das Glück im Leben

Nach dem Unfall musste Mersmann ihr Sportstudium aufgeben, doch in anderer Hinsicht verlief ihr Leben so wie das anderer junger Frauen. Sie machte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin, spielte Basketball, fand die Liebe, und brachte mit Anfang 30 ihren Sohn (via Kaiserschnitt) zur Welt. Zuvor war sie schon Mutter: Ihr Mann hatte zwei Töchter mit in die Ehe gebracht, die inzwischen schon selbst Kinder haben und Sonnenschein ins Herz der Familie bringen.

Trotz der schweren Momente, ist Mersmann ein glücklicher Mensch. „Es gibt so viele Dinge, die mir Kraft geben. Meine wundervolle Familie, mein stabiler Freundeskreis, tolle Ärzte, die mich sowohl moralisch als auch fachlich unterstützen. Das ist ein ganz wichtiger Faktor. Ernst genommen zu werden, ohne dass der Arzt oder Therapeut schon eine vorgefasste Meinung hat, ohne mich vorher überhaupt gesehen zu haben.“

„Wichtig ist für mich auch unser jährlicher Urlaub am Meer. Jahrelang fahren wir schon auf die Insel Langeoog. Und wenn gerade keine Urlaubszeit ist, dann sind es Spaziergänge in der Natur, die mich glücklich machen. Es gibt immer etwas. Man muss es nur finden.“

*Name von der Redaktion geändert


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