Haltung und Atmung im Rollstuhl: Den Körper wie ein Sportler aktivieren

Permanentes Sitzen im Rollstuhl beeinflusst (Ober-)Körperhaltung und Atmung. Die Folge: Es wird nur ein Bruchteil des Atemvolumens genutzt, zudem drohen Haltungsschäden. Dirk Lösel, Physiotherapeut, Buchautor und Athletiktrainer der Deutschen Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft der Herren, stellt in diesem Fachbeitrag sein S.A.M-Konzept („ Sensibilisieren – Aktivieren – Mobilisieren“) vor, mit dem Menschen mit Querschnittlähmung und andere Rollstuhlfahrer die eigene Atemtechnik verbessern, ihre Position im Rollstuhl optimieren und Körper und Geist aktivieren können.

Mit einfachen Übungen aus dem Profi-Lager lassen sich Atmung und Haltung positiv beeinflussen

Für diesen Fachbeitrag wurden einige Elemente aus dem größeren S.A.M.-Athletikkonzept, das Lösel entwickelt hat, ausgeklammert. Das Gesamtkonzept dient als Start in ein sehr sportliches Training im Rollstuhl. Dabei zielt das Sensibilisieren auf die Rezeptoren in unseren Gelenken ab, das Aktivieren auf Auge und Atmung und das Mobilisieren in der Folge als Verletzungsprävention für die großen Gelenke – mehr dazu im Beitrag Athletikkonzept für Rollstuhlfahrer und -sportler.

Einige Übungen aus dem S.A.M.-Konzept können jedoch auch separat angewandt werden, zum Beispiel um sich nach dem Aufwachen, nach längeren Ruheperioden oder einfach mal zwischendurch etwas mehr Luft zu verschaffen und die Sitzposition gezielt zu ändern.

Haltung kann verändert werden

Da sich das Becken, die Wirbelsäule, die Blickrichtung und das Gleichgewicht gegenseitig beeinflussen, beginnt jedes Training mit einer „guten Haltung“ bzw. stabilen und aufrechten Ausgangsposition, aus welcher die Übungen durchgeführt werden sollten. Im Idealfall bilden Nase, Brustbein und Bauchnabel sowie beide Schultern eine Linie. Nicht immer wird man dies erreichen, aber es sollte als Ziel definiert werden, um durch ein ausgewogenes Maß an Mobilität und Stabilität die „persönliche Idealposition“ zu finden.

Die „persönliche Idealposition“ sollte Ziel sein.

Menschen im Rollstuhl können ihre Haltung über zwei Übungen gut beeinflussen. Dabei versucht die Übung „Becken kippen/ aufrichten“ ein Gefühl des möglichen Bewegungsausmaßes zu vermitteln um dann in eine „mittlere Beckenstellung“ zu führen, die als gute Ausgangsstellung für Training genutzt werden sollte.

Die eigenen Möglichkeiten respektieren – und erkunden


Alle Übungen in diesem Expertenbeitrag können unter fachkundiger Führung durch einen Trainer oder Therapeuten von Menschen mit Querschnittlähmung ausgeführt werden. Aber: Nicht jeder kann jede Übung durchführen.

Als Beispiel sei die erste Übung „Becken kippen/aufrichten“ genannt, die Baustein einer „aufrechten“ Körperposition ist. Kann diese nicht aktiv verändert werden, besteht die Möglichkeit, sich passiv zu mobilisieren. Legt man die Hände auf die Oberschenkel, so kann man sich dadurch nach „vorne oben“ ziehen. Kann man eine solche Position nicht einnehmen, so trainiert man aus der „bestmöglich eigenen aufrechten“ Körperposition. Aber zumindest sollte in einem Trainingskonzept das Ziel „der Aufrichtung“ prinzipiell definiert sein.

Beckenkippung und -aufrichtung.

Mit der Übung „Chin Tuck“ und der damit verbunden Streckung der Halswirbelsäule in der Endposition leitet man eine Streckung des Oberkörpers ein, der durch ein nach vorne oben Schieben des Brustbeins und einer Außenrotation der Schultern noch verstärkt werden kann.

Zwei Phasen der Chin Tuck-Übung.

Haltung, Atmung und Rumpfaktivierung beeinflussen sich gegenseitig

Neben der Haltung sollte ein großer Fokus auf der Atmung liegen. Sitzen verhindert eine optimale Aktivierung des Zwerchfells. Durch die Enge zwischen Brustbein und Schambein nutzt man nur einen Bruchteil des Atemvolumens. Dies hat eine unzureichende Belüftung aller Lungenareale zur Folge. Hier gilt es betroffene Strukturen gezielt zu aktivieren. Das Aktivieren  ist Teil der Bausteine S.A.M. – Sensibilisieren – Aktivieren – Mobilisieren.

Die eigene Atmung im Sitzen oder Liegen erspüren.

Um die Atmung nachhaltig zu beeinflussen, macht es Sinn, im Sitzen oder Liegen zunächst die Atmung zu erspüren, um dann den Fokus auf die Bauchatmung zu lenken. Das Einatmen erfolgt durch die Nase, das Ausatmen durch den Mund. Je nachdem, ob man eher den Sympathikus oder den Parasympathikus beeinflussen möchte, arbeitet man mit einer forcierten oder verlängerten Ausatmung.

Die Aktivierung der Atmung vor sportlicher Aktivität – oder im Alltag – erfolgt in drei Schritten:

Zunächst wird das Zwerchfell stimuliert, indem man in einer Auf- und Abwärtsbewegung das Brustbein abreibt. Eine leichte Wärmeentwicklung unter der Hand ist erwünscht.

Abreiben des Sternums (Brustbein).

Im zweiten Schritt werden die Rippen abgehoben und der Rippenbogen von innen nach außen ausgestrichen. Somit werden die Strukturen rund um das Zwerchfell auf die folgende tiefe Einatmung unter Belastung vorbereitet.

Final erfolgen 4-5 tiefe Atemzüge mit einer vertieften Einatmung und forcierten Ausatmung.

Visuelles System aktivieren

Als weiterer Schritt kann die Aktivierung der Augen erfolgen. Unser visuelles System gehört  als letzter Baustein zum Prozess der Aktivierung. Dabei ist gutes Sehen weit mehr als nur die reine Sehschärfe. Insbesondere die Verarbeitung der Reize, die unser visuelles System erhält, ist von entscheidender Bedeutung. Hier arbeiten wir mit zwei Übungen.

Bei der Übung „Blick folgen“ wird aus einer aufrechten Position heraus ein Arm nach vorne gestreckt und der Daumen abgespreizt. Der Blick ist nach vorne auf den gestreckten Daumen gerichtet. Arm und Hand bewegen sich nun zur Seite, während der Blick dem Daumen folgt. Der Kopf bewegt sich nicht mit. Den Arm nur so weit und schnell bewegen, dass man den Daumen noch scharf wahrnehmen kann. Die Übung beidseits ausführen.

Die Pupillen wandern lassen.

Die Übung „Pencil Push Up” dient ebenfalls der Aktivierung des visuellen Systems. Dabei wird aus einer aufrechten Haltung ein Arm mittig auf Nasenhöhe mit erhobenem Zeigefinger nach vorne gestreckt. Die Hand wird nun langsam in Richtung Nase geführt, während der Finger mit den Augen fixiert wird. Die Bewegung wird nur soweit ausgeführt, wie der Finger noch scharf zu erkennen ist. Im Anschluss den Arm wieder strecken und den Blick beibehalten.

Statt des namensgebenden Bleistifts arbeitet man beim Pencil Push Up mit dem Finger.

Einen weiteren wichtigen Baustein seines Aktivierungskonzept – das Sensibilisieren der Gelenke – und das darauffolgende komplette athletische Haltungstraining stellt Lösel in einem weiteren Fachbeitrag auf Der-Querschnitt.de vor: Athletikkonzept für Rollstuhlfahrer und -sportler.

Weiterführende Informationen findet man in Lösels Buch „Stark im Rollstuhl“ und auf seiner  Internetseite: www.fitimrollstuhl.de.   

Bei Fragen kann der Physiotherapeut und Trainer auch direkt per E-Mail kontaktiert werden: info@dirk-loesel.de


Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch medizinische Fachpersonen.