Molekulare Signaturen in Haut und Blut: Indikatoren für individuelles Dekubitusrisiko bei Querschnittlähmung

Ein Forschungsprojekt der Werner Wicker Klinik verspricht neue Behandlungskonzepte bei der Prävention von Dekubitus. Die Frage hinter der Forschung: Warum leiden manche Menschen mit Querschnittlähmung häufiger an Dekubitus als andere – und wie kann ihnen geholfen werden? Die Antwort könnten molekulare Signaturen in Haut und Blut geben.

Die Hoffnung: Mithilfe der Molekular-Medizin könnte das Dekubitus-Risiko individuell bestimmt werden. – und damit auch vorbeugende Therapien.

Federführend bei dem Forschungsprojekt der Werner Wicker Klinik Bad Wildungen sind PD Dr. Thomas Meiners, Chefarzt des Zentrums für Rückenmarkverletzte und der Molekularbiologe Bad Wildungen, und Dr. rer. nat. Georg Brunner, wissenschaftlicher Leiter am Zentrum für Rückenmarkverletzte. Den aktuellen Stand ihrer Forschungsarbeit („Molekulare Charakterisierung der Querschnittlähmung zur Entwicklung innovativer Konzepte personalisierter Patientenbehandlung“) stellten sie auf der 35. Jahrestagung der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegiologie e. V. in Bad Wildungen vor. Der Kongress hatte „Spätfolgen der Querschnittlähmung – Prävention und Therapie“ zum Thema, molekularbiologische Forschung im Hinblick auf die Ursachenbehandlung von Dekubitus war ein wichtiger Schwerpunkt.

Molekularbiologische Methoden werden in der modernen biomedizinischen Forschung angewandt, um beispielsweise Genmutationen in Zusammenhang mit Tumorerkrankungen zu analysieren. Gleichzeitig können mit der molekularen Medizin auch Krankheitsdiagnosen und Risikoverläufe individuell präzisiert sowie neue und moderne Arzneistoffe entwickelt und zielgerichteter angewendet werden.

Ziel der Studienverantwortlichen ist es, die Behandlung von querschnittgelähmten Menschen, die unter Dekubitus leiden, besser, individueller und damit noch effektiver gestalten zu können. Es sei eine der häufigsten Komplikationen, so Dr. Meiners. Sie wollen aufklären, warum manche Menschen mit Querschnittlähmung häufiger an Druckgeschwüren leiden als andere – und wie ihnen geholfen werden kann.

Wie kommt es überhaupt zu einem Druckgeschwür? Was passiert unter der Haut? Wer ständig liegt oder sitzt, ohne sich zu bewegen, belastet bestimmte Körperstellen mit viel Druck. Das Hautgewebe wird gequetscht und kann absterben, wodurch schmerzhafte und schwer heilbare Wunden entstehen.

Zudem wurde in einem weiteren Forschungsprojekt der Werner Wicker Klinik herausgefunden, dass das Bindegewebe in der Haut von querschnittgelähmten Menschen geschwächt und dadurch besonders empfindlich ist. Durch die dauerhafte Druckbelastung werden außerdem die Blutgefäße komprimiert, sodass die Zellen nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden und Blutplasma ins Gewebe austritt. Das führt zu einer Entzündungsreaktion, die auf der Haut zunächst als Rötung sichtbar wird.

Die Druckbelastung ist aber nicht alleinige Ursache für Dekubitus. Dr. Meiners und Dr. Brunner gehen bei den Betroffenen von einer gestörten Nervenaktivität und demzufolge einem veränderten Genaktivitätsmuster in gelähmter Haut aus, dem eine genetische Prädisposition für Dekubitus zugrunde liegen könnte.

„Die Haut ist in ständiger Alarmbereitschaft, sodass es eher zur Ausbildung von Wunden kommt“, erläutert Dr. Brunner. Mit dem Einverständnis der querschnittgelähmten Patienten werden seit 2020 Gewebsproben entnommen, untersucht und ausgewertet. Durch Blutuntersuchungen sollen auch individuelle Risikofaktoren aufgespürt werden.

Bis Ende 2022 will das Projektteam die Ergebnisse weiter belegen und auf andere Gewebe erweitern. Ziel ist es auch, individuelle Risikofaktoren im Blutbild aufzuspüren. Anhand solcher molekularer Signaturen in der Haut und im Blut könnte, so die Ansicht von Dr. Meiners und Dr. Brunner, das Dekubitus-Risiko von Patienten klassifiziert, eine Prognose erstellt und eine vorbeugende Therapie geplant werden.