Gelesen: Gefesselt ans Leben

Nina und Liam kennen sich seit der Schulzeit, doch als sie sich Jahre später wieder treffen, sitzt Liam im Rollstuhl. Hat ihre Liebe trotzdem eine Chance? Ein Roman mit Protagonist mit Querschnittlähmung – diesmal für jüngere Leser.

Aus dem Inhalt

„Ich hab’s mir nicht ausgesucht zu überleben. Und jetzt sitze ich hier, gefesselt an diesen beschissenen Rollstuhl. Gefesselt an dieses scheiß Leben.“

Ninas Leben ist ruhig und geordnet. Während andere in ihrem Alter Party machen, geht die schüchterne Auszubildende ihrer Arbeit nach und widmet sich in ihrer Freizeit der Fotografie. Ihr Leben kommt von diesen ruhigen Pfaden ab, als sie eines Tages im Park einen jungen Mann im Rollstuhl beobachtet, der in aller Öffentlichkeit sein Leben lautstark verflucht. Der Rollstuhlfahrer entpuppt sich als ihr ehemaliger Mitschüler Liam. Doch Liam ist nicht mehr der Junge aus ihrer Erinnerung. Seine ganze Welt hat sich durch einen verhängnisvollen Tag verändert.

Die Begegnungen der beiden häufen sich und lassen Nina nicht mehr los. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle beginnt.

… soweit der Klappentext.

Wenn der Rollstuhl nicht wäre, könnte man meinen, Liam hätte gar keine Querschnittlähmung…

Die Darstellung von Liams neuer Lage, ist vielleicht nicht ganz optimal beschrieben: Nina und Liam begegnen sich in einer Praxis für Physiotherapie, in der sich kein Mitarbeiter explizit mit Querschnittlähmung auskennt. Da Liam ohnehin dorthin gefahren werden muss (weil man ihn quasi zur Therapie hin prügeln muss) – wäre es nicht sinnvoller gewesen, ihn gleich zum Experten zu bringen? Wo hat Liam seine Erstrehabilitation gemacht? Und hatte man ihm dort keine Anweisungen hinsichtlich Folgetherapien erteilt? Ein interessanter Aspekt, da für Menschen mit Querschnittlähmung die Behandlung in einem Querschnittzentrum (im Vergleich zu einem nicht-spezialisierten Krankenhaus) einen erheblichen Unterschied bei der Rehabilitation und bei der Gewöhnung an ein neues Leben machen kann. Da keine Allgemeinklinik dazu verpflichtet ist, Patienten mit Querschnittlähmung in ein Querschnittszentrum zu überweisen, kann man hier Schmu vermuten… das Thema wird aber nicht weiter verfolgt.

Die Mobilitätseinschränkung in einer nicht barrierefreien Umwelt und das (vermeintliche) soziale Stigma scheinen die einzigen Probleme zu sein, die Liam mit seiner Querschnittlähmung hat. Spastik, Schmerzen, eingeschränkte Blasen- und Darmfunktion… all diese Themen erwähnt die Autorin nicht. Und die Frage nach der Sexualfunktion stellt sich erst gar nicht, da Liam und Nina – beide Anfang Zwanzig – zwar romantisches, aber keinerlei sexuelles Interesse aneinander zu haben scheinen. (Wer dieses Thema näher beleuchtet haben möchte, interessiert sich vielleicht für „Bevor wir fallen“ oder „Harter Fall. Weiche Landung.“ von Sarina Bowen.)

Trotzdem ist es ausgerechnet die Querschnittlähmung, die der aufkeimenden Beziehung Steine in den Weg legt. Findet Liam jedenfalls. Er benutzt seine Gehbehinderung und die depressiven Phasen, die sich daraus ergeben, als Grund Nina den Laufpass zu geben, bevor sie überhaupt ein Paar sind. Leser, die selbst querschnittgelähmt sind, finden sich in Liam hinsichtlich seiner Zweifel u. U. wieder. Aber da „Ans Leben gefesselt“ aus Ninas Sicht erzählt wird, kann man die Entwicklung, die in Liam im Laufe der Geschichte vorgeht, und die Entscheidungen, die er trifft, nicht wirklich gut nachvollziehen.

Wie liest es sich?

Wenn man darüber hinwegsieht, dass einige der älteren Erwachsenen in „Ans Leben gefesselt“ erstaunlich unreflektiert sind, und sich die jüngeren Erwachsenen erstaunlich oft in  Klischees ausdrücken, hat man eine flüssig geschriebene Liebesgeschichte: Die Heldin muss sich verschiedenen Herausforderungen stellen, bevor sie sich – zwischen zwei Verehrern hin und hergerissen – für ein Happy End qualifiziert. Und das liest sich locker, leicht und vergnüglich an ein, zwei Nachmittagen weg. Für Urlaub auf Balkonien oder eine lange Bahnfahrt genau das Richtige.

Das Buch

  • Gefesselt ans Leben
  • Von: Nicole Scheidler
  • Seiten: 306
  • ISBN: 9 783 967 3322 23
  • Preis: 13,50 Euro (Stand: Juli 2022)

Für weitere Beispiele für Romane, in denen die Protagonisten querschnittgelähmt sind, siehe: Lesestoff : Zwölf Bücher mit Romanfiguren mit Querschnittlähmung