Leben mit Querschnittlähmung: „Wir sind die Menschen, die mit Barrieren leben müssen und wir sind daher die Menschen, die gegen Barrieren vorgehen müssen.“

Dass ein querschnittgelähmter Mensch Landtagsabgeordneter wird, ist nun wirklich keine Meldung wert. Wieso sollte er das nicht? Der-Querschnitt.de bat Dennis Sonne dennoch um ein Interview. Sonne – als Rapper Sittin‘ Bull auch über seinen Heimatkreis hinaus bekannt – sitzt seit Juni 2022 im nordrhein-westfälischen Landtag. Dort gab es bis dato keine Abgeordneten mit einer vergleichbaren Behinderung – und damit auch niemanden, der sich authentisch für Barrierefreiheit, Vielfalt und Beteiligung hätten einsetzen können.

So sieht ein Kämpfer aus: Als Politiker engagiert Sonne sich für die konsequente Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention.

 
Der-Querschnitt.de: Sie setzen sich seit Jahren für Inklusion, Barrierefreiheit und die konsequente Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ein. Seit Neuestem auch im NRW-Landtag. Dazu sagen Sie, dass „zahlreiche positive Veränderungen und Initiativen auf kommunaler Ebene erst dann wirksam werden können, wenn wir auch die bundes- und landesweit geltenden Rahmenbedingungen verändern.“ Ist das Schaffen neuer Rahmenbedingungen für das Miteinanderleben Ihre größte Motivation, um sich hauptberuflich in der Politik zu engagieren?

Dennis Sonne: Tatsächlich ist es eine meiner größten Motivationen, dabei zu helfen, neue Rahmenbedingungen für das Miteinanderleben zu schaffen. Unsere Gesellschaft ist geprägt von Vielfalt in allen Bereichen. Doch bisher wird diese Vielfalt zu wenig berücksichtigt und teils sogar kaum wertgeschätzt. Diesen Umstand zu verändern, motiviert mich in meiner nun täglichen Arbeit. Durch Veränderungen beziehungsweise Schaffung von politischen Rahmenbedingungen soll das gerechte Miteinanderleben in unserer vielfältigen Gesellschaft gefordert und gefördert werden.

Der-Querschnitt.de: Könnten Sie einige Ihrer Ziele konkreter benennen? Gibt es Ziele, die Ihnen besonders am Herzen liegen, z.B. weil Sie als Rollstuhlnutzender die bisher bestehenden Barrieren (baulich, aber auch gesellschaftlich) aus eigener Erfahrung kennen?

Dennis Sonne: Es gibt eine Menge Dinge, die ich hinsichtlich Barrierefreiheit, Inklusion und der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention verändern und verbessern möchte. Dazu gehören beispielweise: flächendeckend barrierefreier Verkehr in ganz NRW, Bildungsgerechtigkeit, eine Verbesserung des Werkstattsystems für Menschen mit Behinderungen, mehr Spiel-, Sport- und Freizeitangebote für Menschen mit Behinderungen, ein barrierefreies Gesundheitswesen, um nur einige Punkte zu nennen.

Da wir uns im Koalitionsvertrag mit der CDU darauf verständigt haben einen interministeriellen Ausschuss für Inklusion einzurichten, der als Schnittstelle zwischen allen Bereichen fungieren wird, blicke ich zuversichtlich auf die soeben begonnene Legislaturperiode.

Zur Person


Moderator, Musiker und Aktivist Sonne ist seit einem Unfall im Jahr 2004 querschnittgelähmt. Bis zu seiner Wahl war er hauptberuflich als Finanzwirt beim Finanzamt Lüdinghausen tätig.

Familie und „persönliche Erfahrungen haben meinen Willen, mich für Veränderung und Verbesserung einzusetzen, verstärkt“, sagt Sonne über sich. 2011 wurde er Mitglied bei den Grünen. Seit rund zehn Jahren engagiert er sich als Lokalpolitiker und weltweit für Inklusion, Barrierefreiheit und die konsequente Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (siehe auch Beitrag Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen). Unter seinem Künstlernamen Sittin‘ Bull veröffentlichte er zahlreiche Songs und zwei Alben, in denen es ebenfalls häufig um Themen wie Inklusion und Vielfalt geht – zum Beispiel: „Du bist perfekt“.

Der-Querschnitt.de: Wie schätzen Sie generell die sog. „Behindertenpolitik“ ein – und ihre Macher: Wird da noch zu viel über die Köpfe derer hinweg entschieden, um die es eigentlich geht? Falls ja: Woran liegt das? Engagieren sich zu wenige Leute mit Behinderung politisch? Sollten die
mehr Flagge zeigen?

Dennis Sonne: Es wird immer noch zu viel über die Köpfe von Menschen mit Behinderungen hinweg entschieden, wobei genau dies laut UN-BRK eigentlich nicht mehr passieren darf. Wir – und damit meine ich uns alle – als Menschen mit Behinderungen, müssen aktiv werden. Ohne uns geht es nicht. Wir sind die Menschen, die mit Barrieren leben müssen und wir sind daher die Menschen, die gegen Barrieren vorgehen müssen. Wir müssen sichtbarer werden und uns Gehör verschaffen.

Es gibt diverse Gesetze, Richtlinien, Aktionen, wie den europäischen Protesttag oder den Pride-Month. Mischen wir als Menschen mit Behinderungen doch auch an den Stellen mit, an denen konkret entschieden wird, wie es in Zukunft aussieht. Dies sind unter anderem politische Gremien. Wer nicht in eine Partei eintreten möchte, kann sich aber auch in anderweitig engagieren wie beispielsweise in Verbänden oder Organisationen.

Politik und Musik sind zwei von Sonnes Leidenschaften.

Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen in Gremien, wie in einem Inklusionsbeirat, engagieren, um so ihre Anliegen und Erfahrungen in die Kommunalpolitik einzubringen. So kann jede*r Flagge zeigen.

Der-Querschnitt.de: Spielt bei Ihrer Entscheidung, sich landespolitisch zu engagieren auch ein bisschen Frust eine Rolle darüber, dass man auf lokaler Ebene kaum etwas in Sachen Gleichstellungspolitik erreichen kann? Oder ist es eher das Gegenteil: Im Lokalen geht schon viel – im Überregionalen aber
noch viel mehr? Anders gefragt: Würden Sie andere Menschen in ähnlicher Situation dazu ermutigen, sich in ihrem nahen Umfeld zu engagieren und für die eigenen Rechte einzutreten?

Dennis Sonne: Ich kann mit Frust persönlich nicht viel anfangen, auch wenn ich auf kommunalpolitischer Ebene nicht immer erfolgreich Anträge einbringen konnte. Frust ist kein positiver Motivator und passt daher weniger zu meiner persönlichen Einstellung. Den Entschluss, mich landespolitisch zu engagieren, habe ich gefasst, da ich davon überzeugt bin, dass unser Land zukunftsgewandter und vielfältiger sein kann und sollte, als es bisher in manchen Bereichen der Fall war. Und dazu braucht es Menschen, die motiviert und engagiert die Zukunft NRWs gestalten wollen. Ich halte es für wichtig, dass eine vielfältige Gruppe von Menschen unsere Gesellschaft politisch vertritt. Ich denke unsere Fraktion zeigt die Vielfalt NRWs.

Ich würde alle Menschen, die sich für ihre Rechte engagiert einsetzen möchten, ermutigen, dies zu tun. Gerade hinsichtlich Barrierefreiheit und Inklusion (bzw. die Erfüllung ihrer Rechte) in ihrem näheren Umfeld, da die Menschen die nähere Umgebung in ihrem Umfeld besser kennen als ein*e Landespolitiker*in, welche*r nur kleine Einblicke erhält.


Der-Querschnitt.de: In einem Interview mit der dpa (Deutsche Presse-Agentur) sprachen Sie die Situation behinderter Kinder, beziehungsweise Schüler an. Müsste es beim Thema Chancengleichheit in der Schule noch deutliche Verbesserungen geben? Und: Gibt es Ihrer Einschätzung nach auch Grenzen der gemeinsamen Beschulung?

Dennis Sonne: Ziel von Schule und Bildung im Allgemeinen sollte es nicht sein, Ungleiches gleich zu behandeln, sondern es sollte in Bildung darum gehen, allen Menschen die gleichen Chancen einzuräumen durch eine nachhaltige individuelle Förderung. So wird Chancengerechtigkeit erreicht. Jedoch sehe ich zum jetzigen Zeitpunkt die Chancengerechtigkeit an Schulen noch nicht zu Ende gedacht, geschweige denn umgesetzt. Lernende stehen in unserem modernen Land noch immer vor Barrieren aufgrund ihrer Herkunft, ihres Sprachniveaus, Lernschwierigkeiten, Begabungen oder Behinderungen. Dabei sollte das Wohl der Lernenden der Grundsatz der Bildungspolitik sein. Für Lernende mit Behinderungen und ein inklusives Schulangebot sind Veränderungen unabdingbar. Der geplante „Aktionsplan Inklusion“ stellt hier einen ersten wichtigen Schritt dar (für mehr Informationen siehe z.B. Neuer Aktionsplan „NRW inklusiv“ 2022 | Arbeit.Gesundheit.Soziales (mags.nrw).

Der Politiker ist als Rapper „Sittin´ Bull“ auch über seinen Wahlkreis hinaus bekannt.

Da, wie bereits erläutert, immer das Wohl der Lernenden im Fokus der Bildungsgestaltung stehen sollte, sind meiner Einschätzung nach Grenzen gemeinsamen Lernens dort, wo das Wohl und die individuelle Förderung der Lernenden nicht sichergestellt ist. Eine allgemeine Grenze sehe ich demnach nicht.


Der-Querschnitt.de: Noch eine kurze Frage zu Ihrer Musikkarriere: Wird es die weiterhin geben – oder sind Musik und Videos nun nur noch ein Hobby, für das Sie vermutlich nur noch wenig Zeit haben werden?

Dennis Sonne: Musik war immer mein Hobby sowie eine Art Therapie für mich. Ein wenig Gitarre oder Klavier spielen oder ein paar Zeilen ins Textbuch schreiben entspannt mich und bringt mich vom trubeligen Arbeitstag wieder runter. Ich denke andere Musiker*innen verstehen was ich meine. Ob ich weiterhin Zeit habe, um selbst zu produzieren, wird sich zeigen. Über Anfragen zu Live-Auftritten freue ich mich weiterhin, denn die Songs, die ich habe, könnte ich im Schlaf abrufen und freue mich immer wieder meine Live-Performance zu zeigen.


Die Fragen zum Interview wurden Dennis Sonne per E-Mail übermittelt, der Politiker beantwortete sie ebenfalls in E-Mail-Form. Der Politiker und Musiker unterhält einige eigene Internetauftritte, u.a. Dennis Sonne | Facebook, Dennis Sonne – Ihr Landtagsabgeordneter für NRW (dennis-sonne.de oder auch dennis – Sittin‘ Bull (sittin-bull.de)