Leben mit Querschnittlähmung: „Hüftaufwärts geht alles. Kopf, Herz und Seele funktionieren, für mich war klar, dass ich den Job machen kann.“

„Die Frage, wie es mit mir beruflich weitergehen soll, kam erst relativ spät“, erinnert sich Tina Schmidt-Kiendl, die durch eine Entzündung am Rückenmark querschnittgelähmt wurde. Als sie bereit war, die neue Lebenssituation zu akzeptieren, war für sie auch der Zeitpunkt gekommen, den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben zu planen. Schmidt-Kiendl entschied sich für die Lösungsvariante „Machen!“ und erfand für sich ein neues Betätigungsfeld beim alten Arbeitgeber.

Schmidt-Kiendl ist ein aktiver Mensch. Auch den beruflichen Wiedereinstieg ging sie mit Verve an.

„Ich habe wahrscheinlich das Glück, dass ich schon in die Wiege einen unverbesserlichen Optimismus gelegt bekommen habe. Das hat mir sehr geholfen, als all die Weichenstellungen anstanden“, sagt die heute 46-Jährige.

Die Wirtschaftsingenieurin arbeitete seit 2002 bei einem bayerischen Automobilhersteller als Projektleiterin für Kundensportfahrzeuge, zusätzlich führte sie seit 2003 in dessen Auftrag als Instruktorin Fahrsicherheitstrainings durch.  Als Folge einer Bandscheiben-OP wurde sie 2017 querschnittgelähmt. „Kein Kunstfehler“, betont sie, „eine Entzündung hinter der Wirbelsäule hat das Rückenmark geschädigt. Da kann vermutlich keiner was dafür.“

Die ersten Monate im Krankenhaus verbrachte sie in der Hoffnung, dass die Diagnose „Querschnittlähmung“ vielleicht doch nicht endgültig war: „Ich habe immer gedacht: Heute finden sie was! Heute finden sie raus, was los war und dann kannst Du bald wieder laufen. Mein Job und die Frage, ob ich jemals wieder Autofahren kann und was aus meinen geliebten Trainings wird, waren da nicht relevant. Ich war in einem Strudel gefangen. Mich hat nur interessiert, wann ich endlich wieder gehen kann“.

Fahrsicherheitstrainings? „Damit ist es ja jetzt wohl vorbei!“

Arbeitsplatz Cockpit.

Elf Monate war sie im Krankenhaus, die letzten drei davon in einem Querschnitt-Zentrum. „Erst relativ spät kam für mich die Frage auf: Wie soll es nach dem Krankenhaus weitergehen?“ Dass sie zurück zu ihrem Arbeitgeber wollte, war ihr klar, wie ihr Arbeitsprofil künftig aussehen sollte, noch nicht.  Als eine Freundin sie direkt auf einen Aspekt ansprach („Was ist jetzt mit deinen Fahrertrainings?“), war für Schmidt-Kiendl die Antwort zunächst klar: „Damit ist es ja jetzt wohl vorbei!“

Aber: Resignation ist nichts für die Münchenerin. Schon bald klemmt sie sich wieder hinter ein Lenkrad. Und ihr stellt sich die Frage: „Wenn ich lernen konnte, mit einem adaptierten Fahrzeug souverän zu fahren, wieso sollten das andere nicht auch können?“

Eine Idee, die sie bald auch ihrem Arbeitgeber vorstellt: „Wie schauts aus? Wäre das nicht auch was für uns? Wir könnten Fahrsicherheitstrainings für Menschen mit körperlichen Behinderungen anbieten.“ Rasch findet sie neben der Chefinstruktorin im Unternehmen Schirmherren, die ihre Pläne unterstützten. Zwar bremst die Corona-Krise die Umsetzung zunächst aus, aber 2021 kann sie schließlich das erste Fahrertraining für Rollstuhlnutzende und Menschen mit anderen Körperbehinderungen durchführen: „Das war klasse, weil ich als Instruktorin tatsächlich mit den Teilnehmern auf Augenhöhe bin.  Wenn ich ein Training durchführe, bin ich abends einfach happy und energiegeladen …“

Inzwischen ist das Projekt in Stufe 2 gegangen: Nun können auch Personen, die mit körperbehinderten Menschen zusammenarbeiten oder – leben das Training absolvieren. „Das machen wir auch, um das Bewusstsein für die Situation behinderter Menschen zu schärfen“, sagt Schmidt-Kiendl. „Jeder, der trainieren möchte, kann bei uns mitmachen. Gefahren wird mit unseren speziell umgerüsteten Fahrzeugen mit Handbediengeräten, einem tollen Fahrzeug-Potpourri, quasi quer durch den Gemüsegarten und dadurch kann man auch unterschiedliche Autos ausprobieren.“ Sie selbst fährt privat übrigens ein recht sportliches Modell ihres Arbeitgebers, das vermutlich schon öfter für irritierte Blicke Richtung Behindertenparkplatz gesorgt hat.

Safety Trainings


Schmidt-Kiendl führt in Maisach Trainings durch.

Die Safety Trainings für Menschen mit Behinderung der BMW-Driving Academy finden im Bayerischen Maisach statt. Nähere Informationen gibt es auf der (externer Link) Homepage des Anbieters: BMW academy.

Die Teilnehmerzahl ist jeweils auf 8 Personen begrenzt, gefahren wird auf aktuellen, umgerüsteten Modellen der Bayern (und Briten). 

Interessierte können sich per E-Mail (drivingexperience@bmw-m.com) auf eine Warteliste setzen lassen. 

Kosten pro Person: 150 Euro.

Entscheidung für Vollzeit-Job

Schmidt-Kiendl selbst hat für sich die Frage, wie viel sie arbeiten will, ganz klar beantwortet: Weiter Vollzeit. Für diese Entscheidung brauchte sie Zeit, erst etwa ein Jahr, nachdem sie die Klinik verlassen hatte und sie ihre berufliche Wiedereingliederung begonnen hatte, wusste sie, was sie will und was sie sich zutrauen kann. „Sagen wir mal so: einige Dinge dauern einfach länger … was ich merke: Ich habe mein fixes Programm, nehme meine Therapien und wöchentliche Arzttermine wahr – das geht von meiner Freizeit ab.“

Dass durch den Vollzeit-Job ihre Tage sehr lange werden, ist der Preis, den sie gerne zahlt: „„Auch wenn es hüftabwärts nicht mehr so funktioniert: hüftaufwärts geht alles. Kopf, Herz und Seele funktionieren, für mich war es klar, dass ich den Job machen kann“, sagt sie heute. „Für mich war das wahnsinnig wichtig, ich arbeite sehr gerne, mir macht das unheimlich Spaß. Und in Summe ist das eine ganz tolle Kombination. Das Gros meiner Arbeitszeit verbringe ich mit meiner Arbeit im Projektgeschäft, steht ein Fahrertraining im Terminkalender, habe ich mit Menschen zu tun, die, wie ich gerne Auto fahren. Überhaupt arbeite ich gerne mit Menschen zusammen.“

Geholfen hat ihr sicher auch, dass ihr Arbeitgeber stets signalisierte: „Egal, wie du zurückkommst – Hauptsache, Du kommst zurück. Der Rest findet sich.“

Rückkehr in den Job – 6 Tipps für Arbeitgebende


Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung hat in der Juni-Ausgabe ihres Gönnermagazins „Paraplegie“ für einen geplanten Wiedereinstieg ins Berufsleben eine  Liste mit Tipps für Arbeitgeber veröffentlicht, die sicherlich auch für die Betroffenen selbst einige wichtige Anregungen enthält. Hier eine leicht gekürzte Version:

  1. Machen, machen, machen: Probieren Sie es aus und begeben Sie sich auf den Weg der Integration.
  2. Offen kommunizieren: Reden Sie offen über alles, sprechen Sie Unklarheiten an, stellen Sie Ihre Fragen.
  3. Pensum anpassen: Passen Sie die Arbeitsbelastung an die körperlichen Möglichkeiten an. Ein Vollzeitpensum überfordert häufig.
  4. Ressourcenorientiert denken: Legen Sie den Arbeitsfokus auf Kompetenzen und Stärken, nicht auf Fragen der Mobilität.
  5. Ressourcen schonen: Passen Sie den Arbeitsplatz und die Arbeitsinstrumente rollstuhlgängig an – zum Beispiel bezüglich der Höhe und Zugänglichkeit. (Siehe u.a. Beitrag Checkliste: Barrierefreiheit im Arbeitsleben)
  6. Coaching nutzen: Nutzen Sie das Angebot einer Begleitung durch Fachpersonen. Dies hilft allen Beteiligten, und oft trägt (in der Schweiz, Anmerkung der Redaktion) die Invalidenversicherung (IV) die Kosten der Maßnahme.

In der Schweiz bietet ParaWork als Teil der Schweizer Paraplegiker-Stiftung landesweit entsprechende Job-Coachings an (Mehr zu diesem Angebot zur beruflichen (Wieder-) Eingliederung: ParaWork | Schweizer Paraplegiker-Zentrum). In Deutschland gibt es – noch – kein vergleichbares Angebot. Die Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland (FGQ) plant für 2023 die Schaffung eines ähnlichen Modells der Beratung und Begleitung. In größeren Betrieben können auch derzeit schon die Schwerbehindertenvertretungen Ansprechpartner sein.


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