Leben mit Querschnittlähmung: „Wenn ich eines weiß, dann, dass sich von einer Minute auf die andere alles im Leben ändern kann!“

Nadiia Doloh stammt aus Uzhhorod im Westen der Ukraine (Nähe Slowenien) und ist seit ihrem elften Lebensjahr querschnittgelähmt. Heute ist die 36-Jährige eine der erfolgreichsten Rollstuhl-Fechterin der Welt. Seit Kriegsbeginn lebt sie in Süddeutschland.

Rollstuhlfechterin Dohlo bei internationalen Erfolgen.

Am 24. Februar 2022 begann Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits zwei Tage später macht sich Nadiia Doloh mit ihrem damaligen Lebensgefährten (ebenfalls Rollstuhlfahrer) und dessen Schwester im eigenen Auto auf nach Deutschland. Ihr größter Wunsch dabei war, ihren Sport, bei dem sie ihr Land auf internationalen Wettkämpfen vertritt, auch weiterhin ausführen zu können. Denn in der umkämpften Ukraine konnte sie keine Zukunft für sich sehen.

„Das Rollstuhlfechten ist meine Leidenschaft. Ich hatte vorher natürlich schon andere Rollstuhlsportarten ausprobiert – während meiner allerersten Reha 2012 versuchte ich es z. B. mit Gewichtheben – , doch das Fechten hat mir von Anfang an besonders gut gefallen. 2015 fing ich damit an und schon ab 2016 nahm ich an nationalen und internationalen Meisterschaften teil.“ Doloh schwärmt über ihren Sport: „Beim Fechten wird man in allen Bereichen gefordert. Man muss schnell, stark und schlau sein. Man muss praktisch vorausahnen, was der Gegner als nächstes tun wird. Dass ich darin ein gewisses Talent habe, erkannte mein Coach von Anfang an. Um dann die internationalen Siege erringen zu können, brauchte es dann „nur“ noch Training. Davon allerdings eine ganze Menge. Sich auf Tourniere vorzubereiten ist ein Vollzeitjob. Es ist ja nicht nur das Fechttraining an sich; der Aufbau und Erhalt der Muskeln in Arme und Rücken ist genauso wichtig.“

Eine Rückkehr in ihre Heimat kommt für Doloh derzeit noch nicht in Frage. „Ich bin nach Deutschland gekommen, um weiterhin Fechten und weiterhin als Teil des ukrainischen Nationalteams zu Wettkämpfen reisen zu können. Beides kann ich nicht, wenn ich nach Hause gehe. In der Region, in der ich lebe, ist es zwar relativ sicher, doch in allen Sporthallen leben geflüchtete Menschen aus dem Osten. Das Training, das ich absolvieren muss, um auf Wettkampfniveau zu bleiben, ist da unmöglich. Es gibt keinen Platz, keinen Trainer und keine anderen Fechter, mit denen ich üben könnte. Deshalb bin ich sehr froh darüber, die Chance zu haben, hier bei den Vereinen in Sindelfingen und Heidelberg zu fechten.“

Die Situation von Menschen mit Querschnittlähmung in der Ukraine

Über die Situation von Menschen mit Querschnittlähmung in der Ukraine erzählt Doloh: „In den letzten zehn, fünfzehn Jahren hat sich einiges verändert! Mit der Hilfsmittelversorgung sah es früher nicht wirklich gut aus. Als ich nach dem Unfall nach Hause entlassen wurde, hatte ich zwei Monate lang gar keinen Rollstuhl und meine Familie musste mich tragen. Dann bekam ich einen Rollstuhl vom Roten Kreuz. Er war viel zu breit und schlecht zu fahren, aber ich habe mich sehr gefreut, wegen der relativen Unabhängigkeit, die er für mich bedeutete. Rehazentren gibt es in der Ukraine zwar, doch die meisten Querschnitt-Patienten wurden – so wie ich auch – nach ein paar Wochen im Krankenhaus einfach nach Hause geschickt. Heute sieht das zum Glück etwas anders aus.“

Auch dass ein Kontakt zu anderen Menschen mit Querschnittlähmung kaum möglich war, bedauert Doloh. „Ich hatte keine Vorbilder, denen ich nacheifern konnte. Ich wusste gar nicht, was man als Rollstuhlfahrerin alles erreichen kann. Wie man das macht. Wo die Grenzen liegen. Aber dann wurde ich schwer krank. Ich hatte eine Dekubitus Grad Vier und eine daraus resultierende Blutvergiftung. Mein Fieber war so hoch, dass alle dachten, ich würde sterben. Freunde kamen, um sich von mir zu verabschieden. Aber ich überlebte zum Glück und dann stellte sich mir zum ersten Mal die Frage, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Ich beschloss, ein Studium der Sozialarbeit anzufangen. Ich  dachte, früher oder später würde sich ja zeigen, ob ich das schaffe oder nicht.“

Als ich von zuhause ausziehen wollte, war das größte Problem die Frage nach der Barrierefreiheit an der Universität. Man wollte mir zunächst kein Zimmer im Wohnheim geben, denn das war nicht rollstuhlgerecht. Es gab damals nicht einmal einen Aufzug. Aber damit hätte ich meinen Traum vom Studium begraben müssen. Erst als ich versicherte, dass es überhaupt kein Problem für mich wäre, die Treppen zu meinem Zimmer hoch und runter zu rutschen, stimmte die Universität zu.“ Doloh lacht. „Heute ist die Situation für Rollstuhlfahrer viel besser. Öffentliche Gebäude sind von Interessengruppen und der Regierung dazu angehalten so gut es geht auf Barrierefreiheit zu achten und ich sehe diese Veränderung. Zumindest in Städten. Auf dem Land sieht es immer noch nicht so gut aus …“

„Ich plane nicht allzu langfristig.“

Hier sieht Doloh eine berufliche Chance für sich sobald ihrer Karriere als Rollstuhlfechterin sie nicht mehr erfüllt. Mit ihrer Qualifikation als Sozialarbeiterin und ihren internationalen Kontakten, möchte sie zum Ausbau der Strukturen für Menschen mit Behinderung in der Ukraine beitragen.

Auf die Frage nach etwaigen konkreten Zukunftsplänen erwidert Doloh verhalten: „Ich plane nicht allzu langfristig. Denn wenn ich eines weiß, dann dass sich von einer Minute auf die andere alles im Leben ändern kann! Je weniger ich plane, desto leichter fällt es mir auf die Veränderungen zu reagieren.“



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