„Dass der Para Sport so eine untergeordnete Rolle spielt, ist inakzeptabel“

Volle Wettkampfstätten, tolle Stimmung, großartige Erfolge sowie begeisterte und begeisternde Athletinnen und Athleten – die European Championships in München werden in Erinnerung bleiben als wunderbares Sportevent. Mehr noch: Es war sogar eine inklusive Veranstaltung mit den Europameisterschaften im Para Kanu und Para Rudern. Nur leider hat das in der Öffentlichkeit kaum jemand wahrgenommen.

Die Leistungen von Paraspitzensportlern wie Edina Müller wurden in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen.

Die deutschen Parasportler haben zwar mit sechs Medaillen zum offiziellen Medaillenspiegel beigetragen und damit die Spitzenposition Deutschlands in der Endabrechnung gestützt haben. Nur: „In den Medien und damit auch in der öffentlichen Wahrnehmung hat der Para Sport kaum eine Rolle gespielt“, bemängelt Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, in einer Pressemeldung.

Der neue DBS-Generalsekretär Stefan Kiefer erklärt: „Es war ein schönes Signal, dass erstmals zwei Para Sportarten Bestandteil der European Championships waren und der Veranstaltung damit einen inklusiven Anstrich verliehen haben. Die Berichterstattung hatte jedoch leider größtenteils einen exklusiven Charakter“, betont Kiefer und fügt an: „Wenn unsere Para Ruderer zwei Drittel der deutschen Medaillen im Rudern bei den European Championships gewinnen und im Resümee einer großen deutschen Tageszeitung mit nur einem Halbsatz erwähnt werden, dann habe ich dafür wenig Verständnis. Auf vielen Social-Media-Seiten von Sportredaktionen wurden die EM-Medaillen, die Titel und auch die Athlet*innen gebührend gefeiert, nur die des Para Sports nicht. Das grenzt fast an Nicht-Berücksichtigung und ist weit davon entfernt, was ich mir unter einer angemessenen Berichterstattung vorstelle.“

Natürlich könne er nachvollziehen, sagt Friedhelm Julius Beucher, dass andere Schlagzeilen angesichts der Vielzahl an spektakulären Erfolgen der Leichtathlet*innen, Bahnradfahrer*innen oder Tischtennisspieler*innen dominierten und der Platz in Zeitungen sowie die Sendezeit begrenzt seien. Aber: „Dass der Para Sport so eine untergeordnete Rolle spielt, halte ich für inakzeptabel. Unsere Wettkämpfe und Erfolge waren die ersten, die hinten runtergefallen sind. Das empfinde ich als ungerecht gegenüber unseren Athletinnen und Athleten, die bei der Heim-EM in München fantastische Leistungen gezeigt haben und auch zum hervorragenden deutschen Gesamt-Abschneiden im Medaillenspiegel beigetragen haben. Dafür verdienen sie Respekt, auch in Form von öffentlicher Wahrnehmung“, betont Beucher.

Die Aktivensprecherin im DBS, Rollstuhlbasketballerin Mareike Miller, erklärt: „Ohne meine Verbindung zum Para Sport hätte ich trotz des Anschauens der sonstigen Wettkämpfe in großem Umfang wohl eher nicht wahrgenommen, dass in München überhaupt Para Sport stattgefunden hat. Das ist nicht nur sehr bedauerlich und schwer hinzunehmen, sondern wird den Leistungen der Para Sportler*innen auch nicht gerecht.“

Der DBS-Präsident ist sich sicher, dass der Para Sport in München und durch die European Championships viele neue Fans gewonnen habe. „Es ist ganz bestimmt nicht meine Absicht, diese tolle Veranstaltung schlechtzureden und die erfreuliche Euphorie zu schmälern. Als Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes kann ich jedoch nicht nur Beifall klatschen. Mit Blick auf den Para Sport wurde aus mehreren Perspektiven eine Chance liegen gelassen“, sagt Friedhelm Julius Beucher und fordert für künftige Veranstaltungen dieser Art: „Es braucht attraktivere Wettkampfzeiten für den Para Sport und es braucht eine angemessene Berichterstattung, damit dieser begrüßenswerte und richtige Schritt nicht zu einem Inklusions-Alibi verkommt. Zudem erwarte ich, dass nach diesem Auftakt künftig weitere Sportarten zum Programm der European Championships gehören. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass die Zehntausenden Zuschauer im Münchener Olympiastadion auch unsere Para Leichtathlet*innen Markus Rehm, Niko Kappel, Johannes Floors oder Irmgard Bensusan lautstark angefeuert und ihnen zugejubelt hätten. Unsere Sportler*innen haben diese Aufmerksamkeit und diese Bühne mit ihren Weltklasse-Leistungen ebenfalls verdient.“

Auch aus gesellschaftlicher Perspektive sei eine Ausweitung von inklusiven Veranstaltungen von großer Bedeutung. „Immer da, wo es möglich ist, sollte die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung möglich gemacht und gefördert werden. Der Sport bietet dafür große Potenziale, erst recht bei solchen Multi-Events wie den European Championships. Mit Blick auf die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention liegt jedoch noch viel Arbeit vor uns, sowohl in Deutschland als auch in Europa und weltweit“, sagt Friedhelm Julius Beucher. „Mittendrin statt später dran“ lautete eine Schlagzeile auf der Webseite eines TV-Senders mit Blick auf den inklusiven Charakter der European Championships. DBS-Präsident Beucher: „Zwar haben die Para Wettbewerbe tatsächlich zur gleichen Zeit am gleichen Ort stattgefunden – doch mittendrin waren sie dabei nur bedingt. Leider hat sich gezeigt, dass der Para Sport in den vergangenen zwei Wochen am Ende der medialen Wahrnehmungsskala stand.“