Elf Fragen rund um die Verwendung von Kathetern bei Querschnittlähmung

Bei den meisten Menschen mit Querschnittlähmung ist die Blasenfunktion beeinträchtigt, d. h. die Blase muss unter der Verwendung von Hilfsmittel entleert werden. Folgende Fragen und Antworten zum Verwenden von Kathetern sollten Betroffene kennen.

Wie funktioniert die Blase und was ist bei Querschnittlähmung anders?

Die ableitenden Harnwege sorgen im menschlichen Körper dafür, dass aufgenommene Flüssigkeiten wieder ausgeschieden werden können (siehe: So funktioniert die Urinausscheidung). Bei Querschnittlähmung können die Funktionen der Harnblase und des Schließmuskels sowie das Sammeln und die willkürliche Entleeren des Urins, beeinträchtigt sein, da die Signalwege zwischen Blase und Gehirn unterbrochen sind.

Diese neurogene Dysfunktion des untern Harntrakts kann zur Folge haben, dass die Gesundheit von Harnblase und Nieren gefährdet ist (siehe: Blasenfunktion bei Querschnittlähmung). Für beide Formen der Blasenstörung – die „schlaffe“ und die „spastische“ Blase – wird, sofern möglich, der Intermittierende Selbstkatheterismus (ISK) als Möglichkeit einer kontrollierten und vollständigen Entleerung empfohlen (Goldstandard), wenn dies nicht möglich ist, können Dauerkathetern oder suprapubischen Blasenfisteln, sowie Urinalkondome zum Einsatz kommen..

Was ist ein Blasenkatheter und wofür wird er verwendet?

Ein Blasenkatheter ist ein Kunststoffschlauch (meist aus Vollsilikon oder Latex), der in die Harnblase eingeführt wird, und über den der Urin (in einen Auffangbeutel oder in die Toilette) abgeleitet. Verwendet wird er von Menschen, die Aufgrund einer Querschnittlähmung (siehe oben) oder aus anderen Gründen (z. B. wegen einer Verengung der Harnröhre) nicht eigenständig urinieren können.

Welche Arten von Kathetern gibt es?

Der transurethrale Blasenkatheter wird über die Harnröhre in die Blase eingeführt, während der suprapubische Blasenkatheter durch die Bauchdecke in die Blase eingebracht wird.

Eine weitere Unterscheidung ist die Verweildauer in Harnröhre und Blase. Während beim intermittierenden Katheterismus der Katheter eingeführt, die Blase entleert und der Katheter wieder entfernt (und dann entsorgt) wird, verbleibt der Blasendauerkatheter in der Blase, sodass ein ständiges Abfließen des Urins in einen Urinbeutel möglich ist (siehe auch: Ableitende Kontinenzhilfsmittel).

Zudem haben verschiedene Katheter (herstellerabhängig) unterschiedliche Spitzen. Verfügbar sind z. B.:

  • Nelaton-Katheter (stumpfe Spitze, meist bei Frauen verwendet)
  • Tiemann-Katheter (konisch zulaufende, gebogene Spitze, gut geeignet für schwierige Katheteranlagen)
  • Mercier-Katheter (ähnlich dem Tiemannkatheter)
  • Sauer-Katheter (Kugelkopf)
  • Stöhrer-Katheter (flexible Spitze)

Der Außendurchmesser des Blasenkatheters wird in Charrière (Ch) angegeben. Dabei entspricht ein Charrière etwa einem Drittel Millimeter. Gebräuchliche Stärken bei Männern sind 12 oder 14 Ch.

Welche Risiken und Komplikationen kann es geben?

Beim Verwenden eines Katheters können Keim in die Harnwege eingebracht werden, die Infektionen verursachen können, die schlimmstenfalls zu einer Blutvergiftung führen können. Hände- und Körperhygiene (siehe: Infektionen vermeiden durch die richtige Händehygiene) sowie der einwandfrei hygienische Zustand sowie das Handling von Katheter und Zubehör sind das A und O für Nutzer von Kathetern.

Ein suprapubischer Katheter birgt ein geringeres Infektionsrisiko als ein transurethraler. Allerdings kann es hier in seltenen Fällen beim Einstechen zur Verletzung von Bauchorganen oder Gefäßen kommen.

Beim Einführen eines Katheters durch die Harnröhre, kann diese verletzt werden. Beim Einbringen des Katheters darf daher keinesfalls mit Gewalt vorgegangen und mit übermäßigem Druck gegen etwaige Barrieren reagiert werden. Dies ist vor allem für Menschen mit Sensibilitätsstörungen bei Querschnittlähmung wichtig, da ein wichtiges Warnsignal des Körpers – nämlich Schmerz – außer Kraft gesetzt ist.

Nach dem Abheilen der Verletzung kann die Harnröhre verengt sein.

Können intermittierende Katheter wiederverwendet werden?

Intermittierende Katheter sind für den einmaligen Gebrauch bestimmt. D.h. die Zulassung im deutschsprachigen Bereich lässt eine Mehrfachverwendung nicht zu.

Verursacht das Verwenden eines Katheters Schmerzen?

Das Verwenden eines Katheters sollte keine Schmerzen verursachen – und tut dies auch nicht, wenn man es richtig macht. Sollte beim Einführen Schmerzen auftreten, ist dies ein Warnsignal des Körpers, auf das unbedingt geachtet werden muss, um Verletzungen zu vermeiden.

Bei Menschen mit einer Lähmungshöhe von oberhalb Th 6/7 kann es beim Verwenden von Kathetern (aber auch bei einer vollen Blase) zum Auftreten einer autonomen Dysreflexie kommen. Zu den Symptomen einer autonomen Dysreflexie können hämmernde Kopfschmerzen gehören, die von einem noxischen Reiz unterhalb der Lähmungshöhe hinweisen. Solch ein Reiz können z. B. Dauerkatheter, Verletzungen der Harnröhre und Harnwegsinfektionen gehören (siehe: Was geschieht bei einer autonomen Dysreflexie?).

Wie wird ein Katheter richtig und sicher verwendet?

Betroffene sollten das Verwenden eines Katheters unter Anleitung erlernen. Da die Katheter und Kathetersysteme (Katheter mit angekoppeltem Urinbeutel) unterschiedlich in der Anwendung sind, sollte die Entscheidung zusammen mit einer erfahrenen Fachperson getroffen werden, mit welchem Katheter- oder system begonnen wird. Entsprechende Anleitungen bieten z. B. Pflegefachpersonen z.B. in Querschnittzentren aber auch Uro-Therapeuten. Mit wachsender Erfahrung sollten Betroffene die Möglichkeit haben, weitere Systeme auszuprobieren. Häufig versenden die verschiedenen Anbieter Probematerial auf Anfrage. Mithilfe von Ergotherapeuten kann auf dem Markt erhältliches Material ggf. adaptiert werden.

Was sich am Anfang wahnsinnig kompliziert anhört oder liest, gelingt mit der Zeit i.d.R. immer besser, routinierter und schneller. Hilfsmittel können das Verwenden von Kathetern erheblich vereinfachen.

Was man bei der Verwendung von Kathetern bei der Vorbereitung und Durchführung beachten muss, beschreibt folgender Beitrag: Intermittierender Katheterismus: Standards und Hilfsmittel.

Welche Hilfsmittel stehen rund um das Verwenden von Kathetern zur Verfügung?

Insbesondere bei eingeschränkter Handfunktion oder mangelnder Beweglichkeit im Bereich der Beine oder des Beckens bieten verschiedene Hilfsmittel wie Kissen, Spiegel und Stützhilfen eine gute Unterstützung. Speziell für Männer gibt es z. B. Penis-Stützen, für Frauen z. B. Bein-Spreizer und für beide stehen z. B. Ableitungssets und Auffangbeutel zur Verfügung. Für Details siehe: Hilfsmittel für den intermittierenden Selbstkatheterismus (ISK).

Wie sorgen Hersteller dafür, dass Katheter keimfrei sind?

Damit Harnwegskatheter für den Nutzer kein gesundheitliches Risiko darstellen, müssen sie steril, d. h. frei von gesundheitsschädlichen Keimen sein. Erreicht wird dies durch eine Behandlung mit Wasserdampf, Gas oder bestimmten Strahlen. Für Details siehe: Blick hinter die Kulissen: So werden Katheter keimfrei gemacht.

Seit wann gibt es Harnwegskatheter?

Schon vor 3.500 Jahren verwendete man Katheter zum Entleeren der Blase. Gefertigt waren sie aus Pflanzenfasern oder Metallen.

Im 18ten Jahrhundert fertigte Benjamin Franklin den ersten flexiblen Harnkatheter und nach dem Zweiten Weltkrieg führte Sir Ludwig Guttmann das Konzept des sterilen intermittierenden Katheterismus bei Patienten mit Rückenmarksverletzungen ein, was ab den 1940er-Jahren in England für eine drastische Senkung der Sterblichkeit bei Männern mit Rückenmarksverletzungen sorgte. Zuvor war die häufigste Todesursache bei Menschen mit Querschnittlähmung Nierenversagen aufgrund der neurogenen Dysfunktion des unteren Harntraktes gewesen. Siehe: Die Geschichte des Harnwegskatheters.

Kann man mit einem Katheter auf Reisen gehen?

Alle mitgeführten Katheter gehören ins Handgepäck. Dies ist vor allem dann wichtig, wenn das Gepäck (auf Flugreisen) eingecheckt wird. Koffer können verloren gehen und im Zielland besteht u. U. nicht die Möglichkeit adäquaten Ersatz für verschüttgegangene Katheter zu beschaffen.

Besonders bei Langstreckenflügen stellt sich die Frage nach dem Verwenden von Kathetern während der Reise. Einige Fluggesellschaften haben eigens konstruierte Rollstühle, die den Transport von gehbehinderten Passagieren bei den beengten Verhältnissen in der Kabine erleichtern und so einen Besuch der Waschräume ermöglichen sollen. Zumindest in der Theorie. In der Praxis sind die Toiletten oft so beengt, dass weder mit noch ohne Hilfspersonen ein Transfer möglich ist. Einige Nutzer von Kathetern nehmen Kapuzenjacken oder Handtücher mit und Katheterisieren am Platz. Der Urin fließt in einen Urinbeutel ab und kann dann von einer Begleitperson oder dem Kabinenpersonal entsorgt werden.

Noch ein kleiner Hinweis: Katheter und Co. im Handgepäck können dem Sicherheitspersonal bei der Gepäckkontrolle an Flughäfen schon mal verdächtig vorkommen. Nicht jeder weiß, wozu diese Medizinprodukte im Handgepäck transportiert werden müssen. Eine kleine Karte kann beim Sicherheitscheck hilfreich sein. Siehe: Flugreisen mit Katheter und Co.


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