Meine Querschnittlähmung und ich: Einfach unvergleichlich

Manchmal kann es ganz schön frustrierend sein, wenn Leute, die die gleiche Lähmungshöhe haben wie ich, Sachen machen können, von denen ich nur träumen kann. „Inkomplett“ heißt das Zauberwort und sich mit anderen zu vergleichen, ist ein zweischneidiges Schwert.

Ich meide es, meine jetzige Situation mit der vor meinem Unfall zu vergleichen – und zwar wie der Teufel das Weihwasser. Der Vergleich mit anderen Leuten mit Querschnittlähmung ist da schon eine andere Nummer, denn er kann zu zweierlei führen: Frustration aber auch Motivation.  

Selbst wenn zwei Menschen, die gleiche Diagnose haben, ist jede Querschnittlähmung immer anders. Ich bin inkompletter Tetraplegiker. Haben Sie eine Ahnung, wie viele inkomplette Tetraplegiker da draußen unterwegs sind, die mehr (oder weniger) können als ich? Es gibt so viele Einflussfaktoren! Ausmaß und Stelle der Verletzung im Rückenmark, Körpertyp, Größe, Alter, Gesamtzustand. Das ist alles gar nicht zu vergleichen! Nun ist das Vergleichen aber eben ein sehr menschliches Verhalten. Nach Eintritt einer Querschnittlähmung müssen die allermeisten von uns neu lernen, wer wir sind. Und allzu oft beurteilen wir uns selbst danach, wie wir im Vergleich mit anderen dastehen (oder auch nicht), und bewerten so unsere Leistung und unseren Platz in der Welt.

Als ich in der Rehaklinik war, sagte man mir als erstes: „Vergleich dich nicht mit den Paras. Die tun so, als hätten sie gar keine Querschnittlähmung und sausen mit ihren Tieflehnern durch die Gegend, als würden sie fliegen.“

Ich versuchte also, zu vermeiden mich mit Paras zu vergleichen und beschränkte mich aufs Beneiden. Was hätte ich nicht alles für eine erhaltene Handfunktion gegeben… Andere Tetras boten, was Neid anging, aber durchaus auch Raum. Bruno, etwas älter als ich und bei einem Badeunfall verletzt, war so wie ich C 5/6 inkomplett. Nur war sein inkomplett eben so inkomplett, dass er am Ende seiner Reha mit Gehhilfen aus der Klinik spazieren konnte. Das übte er schon, da war ich noch froh, wenn ich es schaffte, aufrecht im Rollstuhl zu sitzen, ohne mich übergeben zu müssen. Lange wartete ich darauf, dass meine Funktionen im selben Maße zurückkehren würden – vergebens. Ich musste mich mit dem arrangieren, was ich hatte. Und dabei half mir der Vergleich mit Theo.

„Er führt ein Leben wie alle anderen…“

Theo, genannt der Tetra-Theo, war damals schon ein alter Hase im Rollstuhl und er kam manchmal in die Klinik, um mit Frischverletzten zu sprechen. So lernte ich ihn kennen. Er rollte in mein Zimmer, und er war der erste Besucher an meinem Bett, der zwar freundlich war, sich aber nicht vor Mitleid überschlug.

Ebenfalls ein Pluspunkt: Er stellte keine Fragen. Kein „Wie geht es dir?“, „Was sagen die Ärzte?“, „Wann darfst du nach Hause?“ oder (der Horror schlechthin) „Wie soll es jetzt weitergehen in deinem Leben?“. Eigentlich musste ich gar nicht viel sagen, wenn Theo da war. Er übernahm das Reden und erzählte mir von sich. Von seinem Unfall, seinem Alltag, seiner Frau und Kinder („Drei Töchter in Teenageralter. Ich bin froh, wenn ich mal raus komme…“), seinem Teilzeitjob in einem Sanitätshaus. Er zeigte mir, was er mit seiner eingeschränkten Handfunktion alles machen konnte. Und relativ häufig kreuzte er in Trainingsklamotten auf, weil er mit dem Handbike gekommen war oder nach dem Besuch bei mir noch zum Rugby wollte.

„Ah“, dachte ich. „Dieser Typ ist Tetraplegiker wie ich. Und er führt ein Leben wie alle anderen.“ Zudem sah er damals noch halbwegs gut aus (sorry, Theo, du weißt, wie es ist…), und die Teile von ihm, die er trainieren konnte, hielt er gut in Schuss.

Für mich galt also Folgendes: Wenn Theo Sport machen kann, kann ich das auch. Wenn Theo allein transferieren kann, dann kann ich das auch. Wenn Theo sich ohne fremde Hilfe anziehen kann, dann kann ich das ja wohl, verdammt nochmal, auch. Erst später fand ich heraus, dass seine Lähmungshöhe tiefer ist als meine. Aber da war es schon zu spät.

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Ich finde es sehr, sehr wichtig, dass Leute mit Querschnittlähmung sich vernetzen und ihre Erfahrungen teilen. Zu wissen, dass ich nicht allein mit diesem Sch***-Schicksal war, und zu sehen, wie andere es schaffen ein ganz normales Leben zu führen, hatte mir damals die Hoffnung und Motivation geben, die ich gebraucht hatte, um bei halbwegs klarem Verstand durch die Reha zu kommen.

Außerdem war es (zumindest für mich) eine Frage des Selbstvertrauens, d. h. das Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Die Ärzte wussten nicht, was sie von mir zu erwarten hatten. Ich selbst wusste es noch weniger. Aber der Vergleich mit Leuten mit ähnlichen Lähmungshöhen, motivierte mich dazu Dinge auszuprobieren und meine Grenzen auszuloten. Fast artete das Ganze in eine Art Wettstreit aus. Wer konnte die verlorene Funktion X am besten mit Strategie Y ausgleichen? Manchmal gewannen die anderen, manchmal gewann ich. Manchmal zogen wir gleich.

Herausforderung vs. Überforderung

Natürlich kann dieser Wettbewerbsgedanke auch ein Schuss sein, der nach hinten losgeht, nämlich dann, wenn man sich überfordert. Ich bezahle für sowas gewöhnlich mit Spastik und neuropathischen Schmerzen, die mich wenn’s schlimm kommt, tagelang ausknocken können. Und einmal hab ich mir ein Veilchen geholt, als ich was von ganz oben und hinten aus dem Kühlschrank holen wollte und nach vornüberkippte. (Ja. In den Kühlschrank. Zum Glück bremste die Butter meinen Fall.)

Nach all den Jahren im Rollstuhl, weiß ich heute, was ich kann und was nicht, was ich mir zumuten kann und was nicht, und wo die Grenze zwischen Herausforderung und Überforderung liegt. Ich kann das, was andere erreichen, immer noch als motivierend empfinden und versuchen ihnen nachzueifern. Ich kann aber inzwischen auch zugeben, dass es manche Dinge gibt, die für mich einfach nicht in Frage kommen.

Ich habe heute andere Prioritäten als vor zehn Jahren (mein Sohn und meine Frau lassen grüßen) und es liegt in meiner Verantwortung, zu entscheiden, welche Opfer ich bereit bin zu bringen, um meine Ziele zu meinen Bedingungen zu erreichen. Am Ende des Tages, finde ich, habe ich viel Grund dankbar zu sein, und ich stehe – mit oder ohne Vergleich mit anderen – richtig gut da. 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit querschnittgelähmten Menschen. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leserschaft von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteurinnen gerne an dieser Stelle auf.

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