Seid ihr schon interabled, oder lebt ihr einfach nur so zusammen?

„Interabled couples“ – zumindest mir war dieser Ausdruck neu. Er bezeichnet im angelsächsischen Sprachraum, vielleicht ja auch bald im deutschen, Paare, bei denen ein Mensch mit und ein Mensch ohne Behinderung lebt. Also ganz so, wie bei meinem Herzblatt und mir. Klappt prima, auch wenn wir bisher noch gar nicht wussten, dass es für unser gemischtes Doppel eine schicke und noch dazu politisch korrekte Bezeichnung gibt.

Tja, manchmal weiß man, was man antworten will, aber es fehlen die rechten Worte …

Nun bin ich nicht der große Verfechter einer bis in die letzte Haarspitze überlegten und korrekten Ausdrucksweise – darüber habe ich mich ja schon einmal ausgelassen:  Meine Querschnittlähmung und ich: Das Buhai um die Ausdrucksweise. Aber dieses „interabled“ gefällt mir irgendwie. Vor allem, weil ich es nicht ganz verstehe und weil ich es liebe, auf solchen Worten rumzuhirnen.

 „Interabled“ …

Ist damit die Verbindung zwischen zwei Menschen gemeint, die beide irgendwie auf ihre ganz eigene Art „able“ sind? Das Wörterbuch bietet für „able“ einen ganzen Strauß an Übersetzungsmöglichkeiten an: Geeignet, fähig, imstande, tüchtig, potent, begabt, befähigt, talentiert, kompetent, berechtigt, geschickt, arbeitsfähig, kräftig, und so weiter und so fort. Passt alles zu mir und meinem Herzblatt. Also sind wir wahrscheinlich „abled hoch zwei“. Bestenfalls enablen wir uns sogar gegenseitig, indem wir mit Freude annehmen, was der/die andere zu geben hat (ein Part kann ganz besonders gut den lästigen Papierkram erledigen, der andere Part ganz besonders gut Kartoffeln schälen) – und uns vielleicht sogar das ein oder andere abgucken und so gegenseitig enablen? Schöner Gedanke, der ja eigentlich für jede Form von Partnerschaft passt.

Oder ist mit „interable“ das Gegenteil gemeint? Links außen „ability“, also Fähigkeiten und Können, rechts außen auch jede Menge „ability“ – und man selbst dümpelt als Paar mit all seinen Unzulänglichkeiten irgendwo dazwischen? Auch das würde vermutlich auf alle passen.

„Interabled“ …

Ist´s ein Wortspiel aus „disabled“ (endlich ein Wort, das ich ganz offiziell kenne) und … äh … abled? Kann ja nicht sein. Das würde latent suggerieren, dass nur ein Part wirklich lebensfit ist. Mein Lieblingsübersetzungsprogramm hilft mir auch nicht weiter. Es bietet als deutsche Übersetzung für „interable“ lediglich „Drehmoment zwischen Kabeln“ an. Was nicht stimmt, denn zumindest ich würde mich nie als kabeldünn vorstellen. Wie´s bei meinem Herzblatt aussieht, dazu möchte ich mich weder öffentlich noch privat äußern.

Und wo ich gerade drüber nachdenke: Wie lösen eigentlich Paare, bei denen beide behindert sind, das Bezeichnungsproblem? Sind die dann „double abled“? „double interabled“? Oder gar „double disabled“? Schwierig. Sehr schwierig. Auch wenn ich kein Sprachwissenschaftler bin, scheint mir gerade die letzte Variante sprachlich nicht ganz korrekt zu sein.

„Interabled“ …

Kennt man den Begriff erst einmal, drängt sich die Frage auf: Was ist die deutsche Entsprechung? Im Internet bin ich auf die Bezeichnung „halb-behindertes Paar“ gestoßen. Arrgh. Weg damit. Mir fällt auf die Schnelle nur etwas wie „zwischenbefähigt“ ein, was aber ebenfalls doof klingt – „Drehmoment zwischen zwei Menschen“ aber auch. Also werde ich eventuell vielleicht sogar das englische „interabled“ in meinen Wortschatz aufnehmen. Du so, ich so – und dazwischen eine Partnerschaft.

Zahlreiche interabled Paare zeigen übrigens im Internet gerne, wie ihre Beziehung funktioniert. Im Netz wimmelt es nur so von entsprechenden Vlogs und Videos – man muss nur die Begriffe „interabled“, manchmal auch „inter-abled“ und „paraplegic“ eingeben. Eine kleine Auswahl an englischsprachigen Kanälen und Videos:

Da wären zum Beispiel „Cole & Charisma“ – ein Paar aus den USA. Er seit einem Tauchunfall Tetraplegiker, sie Fachkraft in der Klinik, in der er zur Reha war. Seither verbringen sie ihr Leben gemeinsam – und teilen das Erlebte auf einem eigenen YouTube-Kanal: Roll with Cole & Charisma – YouTube.

Oder „The Fosters“, ein Ehepaar, das in dem fast 26-minütigen YouTube-Film „Journey With The Fosters“ etliche Fragen rund um die Partnerschaft beantwortet, wenn einer eine Tetraplegie mit Lähmungshöhe C5/C6 hat: Q&A with an Interabled Couple- C5/C6 Quadriplegic – YouTube

Kevin und Kassandra sprechen in einem Video sehr offen über ihre Emotionen und Enttäuschung sprechen, weil sich ihr Kinderwunsche vielleicht? vermutlich? nicht erfüllen wird: We Want A Baby But My Husband Is Paralyzed | LOVE DON’T JUDGE – YouTube. Die beiden haben übrigens auch einen eigenen YouTube-Kanal: Kevin and Kassy – YouTube.

Einen eigenen YouTube-Kanal hat auch Brittney Neunzig: Empowered Para – YouTube. Auch sie geht sehr offen mit allen (beziehungsrelevanten) Fragen um, in Videos wie „Sex positions with paralys“ oder „Canyou have an orgasm when you´re paralyzed?“ Aber natürlich geht es nicht nur um Sex, sondern auch um die Beziehung zu ihrem Ehemann Joe, mit dem sie ein sehr nettes, langes Interview zum Thema führte: Candid Tell-All Interview About Life as an Inter-abled Couple//How I Found Love in a Wheelchair – YouTube.

Natürlich gibt es auch zahlreiche deutsche interabled Paare, die zusammenleben und das manchmal auch im Internet teilen. Allerdings findet man die – noch – nicht, wenn man das entsprechende Stichwort in die Suchmaschine tippt.

Da wären zum Beispiel Anouk und Lukas. In ihrem Blog „TH10“ thematisiert die Paraplegikerin vieles rund um die  Beziehung – und auch im Video sprechen sie und ihr Partner offen Liebe, Sex und Vorurteile: Ihr habt Sex? | Vorurteile bei Behinderung | 100percentme – YouTube.

Und auch Der-Querschnitt.de hat einige Paare portraitiert, zum Beispiel in den beiden Beiträgen Leben mit Querschnittlähmung: „Geschoben habe ich ihn noch kein einziges Mal.“ und Leben mit Querschnittlähmung: Fünf positive Lebensstrategien.

Und so könnte ich jetzt wahrscheinlich noch Stunden im Internet in das Leben anderer Menschen eintauchen. Mach ich aber nicht. Stattdessen rolle ich lieber zu meinem Herzblatt und enable sie dazu, mir meinen Lieblingskuchen zu backen.


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit querschnittgelähmten Menschen. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leserschaft von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteurinnen gerne an dieser Stelle auf.

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