Gelesen: „Ungebremst“ – gut gemachter Roman für Teenager und besorgte Eltern

Wie mache ich meiner Mutter klar, dass ich kein Baby bin, um das man sich ständig sorgen und kümmern muss? Und wie soll ich das mit dem Leben und der Schule auf die Reihe bekommen? Mit diesen Fragen der 13-jährigen querschnittgelähmten Protagonisten beschäftigt sich „Ungebremst“, ein gelungener Kinder- und Jugendroman von Ruth Anne Byrne.

Die 13-jährige Nina entdeckt Rollstuhl-Skaten – und das Leben.

Mit „Ungebremst“ hat Ruth Anne Byrne ein Mutmacher-Buch geschrieben. Tenor: Mach dein Ding, auch wenn die anderen es dir nicht zutrauen. Auf den ersten Blick geht es um die alltäglichen Herausforderungen, denen sich die querschnittgelähmte Nina stellen muss. Barrieren auf dem Weg zur Schule, Ausgeschlossen-Sein in der Schule. Wenig Freizeit, weil Therapien und Stehtraining viel Raum beanspruchen. Zoff mit der besten Freundin. Und natürlich der Junge, den sie erst ziemlich doof findet, und dann …

„Keine Topfpflanze“

Klassische Zutaten also für einen Schmöker für Jugendliche (der Verlag empfiehlt das Buch für Leserinnen und Leser ab 11 Jahren). In diesem sehr schön geschriebenen Buch kommt jedoch noch eine Meta-Ebene hinzu: Der Konflikt mit einer überbesorgten Mutter – eine der größeren Barrieren in Ninas Leben. Sie behandele sie „wie eine Topfpflanze“, lässt Autorin Byrne ihre 13-jährige Protagonistin sagen. „… mehr, als in der Ecke stehen und lieb aussehen darf ich nicht. Bloß nicht bewegen – sonst könnte ja gleich wieder was passieren! … Seit dem Unfall kriegt Mama sich überhaupt nicht mehr ein.“ Alles sei zu gefährlich, ständig solle sie warten, bis ihre Mutter ihr hilft und (zu) oft bekomme sie zu hören, dass sie etwas nicht könne.

Beim Anziehen, beim Wechsel in den Stehtrainer, beim Transfer ins Auto: Immer sind Mamas helfende Hände zu schnell zur Stelle. Byrne schildert viele solcher Situationen und die inneren Dialoge ihrer fiktiven Hauptperson mit angenehmer Sachlichkeit, weit entfernt von Mitleidheischerei. Stattdessen gelingt es ihr, in kleinen Momentaufnahmen die Querschnittlähmung ihrer Protagonistin und die Folgen für deren (Seelen-)Leben spürbar werden zu lassen: Ihr Flashback, wenn sie eigentlich genervt an die Decke starren will, sich dabei aber an die langen Wochen in der Reha erinnert. Die Hand der Mutter, die tröstend auf ihrem Knie liegt, die sie aber nicht spüren kann. Der Versuch, sich zu erinnern, wie es sich anfühlt, kalte Füße zu bekommen.

Start in neue Freiheit

Ninas Abnabelungsprozess von den besorgten Eltern wird begleitet und beschleunigt von einem neuen Hobby, das – wenig überraschend – bei den Eltern nicht gerne gesehen ist: WCMX. Auf dem Skateplatz startet die 13-Jährige eine neue Freiheit … ausgebremst nur noch durch emotionale Achterbahnfahrten und die Frage, wie sich eine Familie einen teuren Aktivrollstuhl für die Tochter leisten soll.

Auch WCMX-Pionier David Lebuser empfiehlt das Buch. Zitat: „Skaten im Rollstuhl bedeutet Freiheit und hat mir nach meinem Unfall sehr geholfen. Ich glaube, dass dieses Buch auch anderen helfen kann, den Rollstuhl zu akzeptieren.“ Vielleicht ja nicht nur den Menschen im Rollstuhl, sondern auch sein Umfeld …


Autorin Ruth Anna Byrne.

Ungebremst

Ruth Anne Byrne
184 Seiten
Format 14,8 x 21 cm
15,00 €
ISBN 978-3-86429-541-6
Siehe auch: Ungebremst – Tulipan Verlag (tulipan-verlag.de)