Themen, über die wenige Menschen mit Querschnittlähmung sprechen

Moritz Brückner ist seit einem Unfall Tetraplegiker. Über einige Aspekte einer Querschnittlähmung, die für die meisten Betroffenen ein Thema sein dürften, spricht er in folgendem Beitrag.

Es ist eklig – es ist unangenehm – und es ist einfach peinlich über diese Themen zu sprechen, weil man durch sie immer wieder daran erinnert wird, dass doch was mit einem nicht stimmt.

Um diese drei Themen können die wenigsten Rollstuhlfahrer einen Bogen machen, denn Sie gehören einfach jetzt mit zu unserem Leben. Das ist so und egal wie oft man schimpft – davon wird’s einfach nicht besser. Die Frage ist nur: Wie gehen wir damit um?

Schieben wir diese drei Brocken unser gesamtes Leben nur vor uns her und machen die Augen zu, in der Hoffnung, dass diese Probleme nicht existieren? Oder befassen wir uns einmal richtig mit ihnen, um das Thema mal wirklich für uns verstanden zu haben. Jeder hat seine eigene Technik und findet seinen eigenen Weg der Bewältigung. Deshalb müssen wir uns unbedingt gegenseitig helfen und kommunizieren!

Inkontinenz – Sexualität – Psyche

Ich selber sitze erst seit drei Jahren im Rollstuhl, bin noch lange kein Experte und habe auch an manchen Tagen mit diesen Themen zu kämpfen. Aber mein Glück ist, dass ich so extrovertiert bin, dass ich selbst damals im Krankenhaus manche Altverletzte mit den Worten: „Hallo, ich bin Moritz! Und wie gehst du eigentlich aufs Klo?“ angesprochen habe. Und nicht einer hat mich schief angeschaut, weil wir alle wissen, wie komplex, anstrengend und belastend diese Themen sind. Deshalb versuche ich euch im Anschluss mal meine Tipps, Techniken und Sichtweisen zum Thema Inkontinenz darzustellen, mit denen ich bis jetzt mal ganz gut gefahren bin. Die anderen beiden Themen kommen in der nächsten Ausgabe

Noch kurz: Ich erzähle hier von meiner nicht wissenschaftlich geprüften Erfahrung mit meinem Körper mit einem kompletten Querschnitt sub C7. Viele Rollstuhlfahrer sehen bestimmt Punkte oder machen Techniken anders. Nehmt euch bitte aus dem Artikel genau das mit, was euch mit eurer Behinderung, in eurer Situation am meisten hilft und gebt dann gerne eure eigenen Tipps und Erfahrungen weiter.

Inkontinenz

Schließmuskeln werden genau wie unsere Oberschenkelmuskeln über unsere Nerven gesteuert. Wenn man da jetzt nicht inkomplett ist und auch diese Prise Glück nicht hatte, um sich diese Funktionen zu bewahren, wird man somit auch die Kontrolle über den Darm/Blasenmuskel nicht haben. Und das hat einen großen Einfluss auf die Psyche, weil du ja ständig Angst haben musst, dass irgendwas in die Hose geht. Ich persönlich bekomme Gänsehaut, sobald sich aufs Klos muss oder sich ein Schließmuskel von selbst öffnet. Generell können wir an der nervlichen Situation nichts ändern – aber an allem drumherum schon!

Fangen wir an mit der Kleidung

Wenn man sich gerade eh in einer kritischen Blase/Darmsituation befindet, würde ich für einen Ausflug/Event dunkle Hosen empfehlen, weil man da den Unfall einfach nicht so schnell sieht. Eine hellgraue Hose wird mit genug Feuchtigkeit zu einer dunkelgrauen Hose, wohingegen eine schwarze Hose schwarz bleibt. Somit seid ihr vermutlich auch die ersten, die den Unfall bemerken, und könnt dann selbst als erstes reagieren, ohne dass das irgendjemand mitbekommt. Letztendlich zieht ihr aber bitte immer das an, worauf ihr Lust habt, denn das entscheiden wir – nicht unsere Blase!

Moritz Brückner


Wer mehr über Moritz Brücker erfahren will, kann das unter anderem auf einem seiner Internet-Auftritte: Entweder auf seiner Website Moritzbrueckner.de: Querschnitt sehen – hören – verstehen oder auf seinem Instagramm-Account Wheelchair Dude • Moritz (@moritzbrueckner).

Vorbereitung ist alles

Eine gute und ausreichende Vorbereitung gibt dir im Alltag einfach eine Sicherheit. Ihr wisst, dass ihr alles dabeihabt und dass ihr jederzeit bei einem Malheur eingreifen könntet. Packt also in euren Rucksack immer genug eures Pflegebedarfs ein, dass ihr da schonmal auf der sicheren Seite seid. Ich persönlich packe mir für Blasenprobleme natürlich immer genug Katheter – aber vor allem zwei-drei Saugkompressen ein, denn die kommen dann einfach in meine Unterhose und dienen so als „erste Instanz“, die mich vor einer nassen Hose bewahrt. Sollte was daneben gehen, tausche ich die Kompresse und kann dann wieder zurück auf den Dancefloor und das Tanzbein schwingen.

Auch der Darm muss vorbereitet werden. Darminkontinenz kommt bei mir zwar seltener, aber trotzdem vor. Und hier kann ich persönlich einfach wenig bis gar nicht eingreifen. Wenn es kommt, kommts. Ich kann nur versuchen, mich gut vorzubereiten und dann eventuell auch flexibel zu sein. Vor jedem größeren Event gehe ich einfach nochmal den Darm entleeren, denn wenn nichts drin ist, kann auch nix kommen. Man sollte auch immer bisschen im Auge habe, was man die Tage vorher grob gegessen und mit welcher Konsistenz man später auf der Schüssel somit zu rechnen hat. Falls es beispielsweise Omas guten Sauerkrauteintopf gab, sollte man vielleicht noch einmal mehr in sich hineinhören

Zum Thema Konsistenz noch kurz

Eine leicht festere Konsistenz ist gar nicht verkehrt, denn wenn man nun mal mitten auf der Autobahn, mit noch einer Stunde auf dem Navi, Gänsehaut bekommt, muss man das einfach aussitzen. Klar könnt ihr auf eine Autobahnraststätte gehen… aber da sitze ich es ehrlich lieber aus. Ich hätte aber im Auto auch immer eine Toilettensitzerhöhung, dass ich mich in solchen Fällen theoretisch auf jede Toilette, die rund und nicht eckig ist, transferieren und dann abführen könnte.

Ein paar kleine Punkte

1. Blase und Darm hängen meiner Meinung irgendwie zusammen. Wenn das eine Organ etwas spinnt, geht’s dem anderen auch nicht gut. Achtet also auf beides!

2. Geht regelmäßig aufs Klo und zögert es nicht zu lange heraus nur, weil man gerade keinen Bock hat. Eine „Überlaufblase“ könnte das Resultat sein und bei mir speichert die für die kommenden 2-drei h so gut wie keinen Urin mehr.

3. Supplements: Arbeitet mit ein oder zwei Nahrungsergänzungsmitteln wie Cranberry und Apfelessig für die Blase und Floh/Leinsamen für den Darm.

Mein persönlicher Tipp


Ein Glas mit einem Bodendecker Honig füllen, einen Schluck heißes Wasser zum Lösen dazugeben, zwei bis vier Schluck Apfelessig einschütten und dann mit kaltem Wasser verdünnen. Es schmeckt mäßig, beruhigt aber eine gestresste Blase recht schnell und verwandelt einen trüben Urin wieder in einen klaren. Probiert es gerne auf eigene Gefahr aus.

Abschließend zum Inkontinenzteil noch der wichtigste Punkt:

Die Psyche

Wie geht man selbst oder mit anderen in solch einer intimen und dann doch peinlichen Situation um? Fakt ist: Um diese Unfälle kommen wir egal wie sehr wir uns vorbereiten und anstrengen einfach nicht herum. Sie werden vielleicht mit mehr Erfahrung über uns selbst seltener – werden aber nie ganz verschwinden.

Und da war schon Punkt 1

Lernt aus eueren Situationen und lernt in euch hineinzuhören. Habt ihr vielleicht einen Harnwegsinfekt, unzureichend abgeführt, weshalb gerade einfach Stress im Unterbauch herrscht, oder gibt es einen weiteren Grund? Lernt euch selber noch besser kennen und achtet körpereigenen Signale und Zeichen.

Geratet auch nicht in Panik

Auch wenn vielleicht sogar noch Freunde dabei sind – bleibt cool. Denn deine Unsicherheit und „Panik“ spiegelt sich dann bei euren Kollegen in eventueller Peinlichkeit und Scham wider und das wiederum reflektiert sich auf euch. Wenn ihr aber präzise, ruhige Ansagen bringt, wie man euch helfen kann, wirkt die Situation eher „alltäglich“ und unter Kontrolle. So seid ihr vermutlich schneller am Ziel und könnt wieder in Ruhe aufatmen. Nebenbei beruhigt ihr auch dadurch euren Körper, der dann vielleicht auch weniger gestresst ist und den Schließmuskel erstmal wieder schließt.

Und steigert euch nicht zu sehr rein. Klar ist: So ein Unfall überhaupt nicht geil! Aber je schneller ihr das psychisch abhaken könnt, desto schneller habt ihr genug Zeit, sie in wirklich wichtige Dinge und Momente zu stecken. Und lasst euch bloß nicht daran hindern.

Nicht durch Inkontinenz – Nicht durch eure Behinderung – Nicht durch andere Menschen

Denn ihr definiert euch selbst – nicht die nasse Hose


Der Text von Moritz Brückner wurde in Ausgabe 3/2022 der Zeitschrift RehaTreff erstveröffentlicht. Der-Querschnitt.de bedankt sich ganz herzlich für die Zustimmung zur Zweitveröffentlichung.



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