Altern mit Querschnittlähmung: Auswirkungen auf den Darm

Altern ist die zeitabhängige Veränderung von Strukturen bzw. die Summe aller Veränderungen, die in einem Organismus während seines Lebens auftreten. Auch vor dem Organsystem „Darm“ machen diese Veränderungen nicht Halt. Was bedeutet dies bei Querschnittlähmung?

Mit dem Alter verändern sich die Funktionen vieler Organsysteme. Altersbedingte Veränderungen an Herz, Lunge und Gefäßen haben direkten Einfluss auf alle anderen Funktionen des Körpers. Dabei sind der Abbau von Muskelmasse und ein allgemeiner Rückgang der Leistungs- und Erholungsfähigkeit der Organe die Grundlage der altersbedingten, wenig beeinflussbaren Veränderungen. Teilweise wird altern als „Verschleiß“ wahrgenommen, wobei dieser auch durch eine Überbeanspruchung der betroffenen Strukturen frühzeitig auffällig werden kann. Bei Menschen mit einer Schädigung des Rückenmarks müssen verlorene Restfunktionen, wenn möglich durch die verbliebenen Funktionen kompensiert werden, was zu einer atypischen und unphysiologischen Belastung führt und einem frühzeitigen Verschleiß Vorschub leistet, wie zum Beispiel Schulterbeschwerden.

Was bedeutet das für den Darm?

Die Auswirkungen des physiologischen Alterungsprozesses und der Überbeanspruchung gehen unscharf ineinander über, sodass eine Kombination aus beiden Faktoren nötig ist, um die spezifischen Verschleißprozesse im Querschnitt abschätzen zu können. Der alternde Darm ist in der Gesamtfunktion des Darmtraktes als funktionelle Einheit zu betrachten, wobei zusätzlich zur vorbestehenden neurogenen Darmfunktionsstörung der alternde Darm hinzukommt und die Problematik verschlechtern kann. Die Veränderungen im Alter führen am Darm zu einer Abnahme der Transportfähigkeit sowie zunehmenden Schwäche des Beckenbodens. Gleichzeitig sinkt Appetit und Durstgefühl sowie die Möglichkeit des Körpers, sich auf die Belastungen durch Hunger- oder Durstphasen einzustellen. Hinzu kommen ein Abfall der Insulinwirkung, eine verminderte Produktion von Verdauungsenzymen sowie Veränderungen der Darmflora, die sich gegenseitig beeinflussen mit der Folge einer geänderten Nahrungsverwertung. Im Alltag führt dies oft zu Verstopfun[1]gen, Blähungen und Bauchschmerzen.

„Die Veränderungen im Alter führen am Darm zu einer Abnahme der Transportfähigkeit sowie zunehmenden Schwäche des Beckenbodens.“

Was tun?

Für Menschen mit einer Schädigung des Rückenmarks ist in der Regel eine willkürliche Kontrolle über die Schließmuskelfunktion nicht möglich. Stuhlkontinenz wird über ein antrainiertes Darmmanagement erreicht. Da stets eine gestörte Nervenversorgung des Beckenbodens vorliegt, wird die für den Querschnitt nachgewiesene Verlängerung der Stuhlpassagezeit im Dickdarm, eine Obstipationsneigung, Blähungen sowie die Entstehung eines verlängerten Sigma mit zunehmenden Alter verstärkt. Während nicht gelähmte Menschen versuchen, diese Problematik durch häufigere Toilettengänge zu lösen, ist das dem Querschnittgelähmten, wegen des Aufwandes, kaum möglich. Hier gilt es die Möglichkeiten des Darmmanagements anzupassen. Eine regelmäßige bewusste Ernährung und Bewegung sind zu beachten, eventuell müssen Medikamente erhöht werden. Wichtig ist es, die Trinkmenge zu kontrollieren, da sich auch das Durstgefühl verändert und die Blasenkapazität ab[1]nimmt. Sollte so keine angemessene Stuhlkontrolle erreicht werden, ist eine weitere Diagnostik sinnvoll. Hier können behandelbare Ursachen festgestellt und beseitigt und die Kontrolle der Darmfunktion erreicht werden. Gelegentlich wird jedoch nur ein gesunder, aber deutlich verlängerter Dickdarm (Sigma) festgestellt.

Besserung funktioneller Probleme

Für den Rückenmarkgeschädigten können funktionelle Probleme durch ein Abknicken der verlängerten Darmanteile entstehen und sich in einer unvollständigen oder fraktionierten Darmentleerung zeigen, die eine wiederholte und damit langdauernde Darmentleerung nötig machen und mit den konservativen Möglichkeiten des Darmmanagement nicht kompensiert werden können. Eine operative Maßnahme im Sinne eines Colostomas gilt dann als Standard.

Eine operative Wiederherstellung einer „normalen“ Sigmalänge im Sinne eines „Bowel Reshaping“ könnte in solchen Fällen dazu führen, dass die zuverlässige und vollständige Darmentleerung mit den Möglichkeiten des konservativen Darmmanagements wieder erreicht wird. Im klinischen Alltag muss sich noch zeigen, inwieweit durch eine chirurgische Korrektur die funktionellen Beschwerden und damit dieser Aspekt des Alterungsprozesses mit erheblicher Auswirkung auf die Lebensqualität gebessert werden kann.


Der Text von Veronika Geng und Heiko Lienhard wurde in Ausgabe 3/2019 der Zeitschrift „Der Paraplegiker“ erstveröffentlicht. Die Redaktion von Der-Querschnitt.de bedankt sich herzlich für die Zustimmung zur Zweitveröffentlichung.