Schmerzen und Querschnittlähmung: Die Psyche spielt eine wichtige Rolle

Forschungsergebnisse zur Schmerztherapie klingen häufig vielversprechend, sind jedoch in den aktuellen Therapien nur selten oder gar nicht anwendbar. In der Regel werden in den Querschnittgelähmtenzentren die Empfehlungen der Leitlinie umgesetzt, indem die Schmerzen bereits frühzeitig mit Medikamenten und auch ergänzenden Therapien (Physio-, Ergo- und Sporttherapie) behandelt werden. Leider häufig mit nur geringem Erfolg.

Schmerz ist ein komplexes Sinnes- und Gefühlserlebnis, welches individuell in der Wahrnehmung, der Bewertung und im Umgang erfolgt. Insofern reicht es nicht aus, dass die Behandlung lediglich auf der körperlichen Ebene erfolgt. Inzwischen spricht man bei Schmerzen von einem bio-psycho-sozialem Gesamtphänomen. Das Betroffene sich ihrer Verletzung, die zur Querschnittlähmung führte, bewusstwerden und wie sie damit umgehen, ist ein psychischer Prozess. Wenn wegen der Schmerzen jedoch auch private und auch berufliche Kontakte eingeschränkt oder diese sogar völlig abgebrochen werden, sind dies soziale Auswirkungen.

Schmerztherapie

In der Schmerztherapie sollten also auch all diese Aspekte berücksichtigt werden. Die Behandlung von anderen chronischen Schmerzerkrankungen (wie etwa Rückenschmerzen und Rheumaschmerzen) erfolgt schon seit Jahren in stationären multimodalen Schmerztherapien. Hier erhalten die Betroffenen zumeist für drei bis vier Wochen in intensiven Einzel- und Gruppentherapien Informationen sowie Trainings bzgl. Edukation, Umgang und Bewältigung. Im Bereich der Querschnittlähmung gibt es solche standardisierten stationären Therapien in Deutschland noch nicht, jedoch erfolgt dies nach Möglichkeit individuell im Rahmen der psychologischen Mitbehandlung.

Am Anfang stehen immer eine ausführliche Diagnostik und eine Klärung des Therapieziels. Chronische Schmerzen können nicht „wegtherapiert“, sondern „nur“ gelindert werden.

Falsche Hoffnungen sollten zu keinem Zeitpunkt geweckt werden. Häufig stellt sich die Frage, welche Rolle der Schmerz im Leben des Betroffenen spielt. Was wird durch den Schmerz beeinflusst? Bekommt der Betroffene etwa von der Familie und den Freunden mehr Zuwendung (Krankheitsgewinn) oder zieht er sich eher zurück? Nicht selten erleben die Betroffenen den Schmerz als Belastung, wenn diese zu groß ist, sogar in Form von permanenter Anspannung und Stress. Dies wiederum kann zu psychoreaktiven Störungen wie Depression, Ängsten oder auch zu Suchterkrankungen führen. Letztendlich beeinflusst chronischer Schmerz immer die Lebensqualität und stellt unter Umständen auch die Frage nach dem Lebenssinn.

Keine Angst vor der Psychotherapie

Im Rahmen der Psychotherapie können ganz gezielte individuelle Interventionen hinsichtlich der herausgearbeiteten Probleme erfolgen. Häufig besteht das Ziel darin, sich nicht mehr dem Schmerz ausgeliefert zu fühlen, ihn nicht mehr als bedrohlichen Feind zu erleben, sondern (leider) als ständigen Begleiter wahrzunehmen, der auch durch Imaginationen oder hypnotherapeutische Verfahren in den Hintergrund treten kann, bestenfalls sogar für einige Zeit nicht mehr spürbar ist.

Hilfreich ist das Führen eines
Schmerztagebuches. Es zeigen sich
Muster von Einflussfaktoren, die
Schmerzen verstärken oder auch
lindern können.

Auch der Umgang mit dem „veränderten“ Körper spielt eine Rolle. Angesprochen werden beispielsweise auch die Ernährung sowie körperliche und psychische Belastungen, die letztendlich häufig zu Schmerzverstärkungen führen können. Sie sollten gemeinsam mit einem Psychologen/Psychotherapeuten erkannt werden.

Was sehr hilfreich ist: Das Führen eines Schmerztagebuches. Bereits nach wenigen Wochen zeigen sich Muster von Einflussfaktoren, die Schmerzen verstärken oder auch lindern können. Neben dem Schmerzverhalten spielen auch die kognitiven Bewertungen des Schmerzes eine Rolle. Der therapeutische Ansatz liegt hierbei im Rahmen des kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatzes im Vermitteln/Erarbeiten von angemessenen Strategien im Umgang mit den Schmerzen. Es wird nach Ressourcen geschaut, die sowohl positive Ablenkung als auch Kraft bieten, nach Aufgaben im Alltag, durch die Betroffene wieder Wertschätzung und Sinnhaftigkeit erleben. All dies führt langfristig zu mehr Lebensqualität und somit auch zu mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Schmerz.

Belastend sind für die Betroffenen auch die schmerzbedingten Ein- und Durchschlafstörungen. Jeder weiß: Wer schlecht geschlafen hat, kann Belastungen weniger gut meistern, nach einer erholsamen Nacht jedoch erträgt man unangenehme Dinge leichter. Daher wird psychologisch auch an der Schlafqualität gearbeitet.

Grenzen und Möglichkeiten der Schmerztherapie

Im klinischen Alltag sind leider nur wenig Betroffene selbstreflektorisch und voller Eigenverantwortung. Oft testen die Schmerzgeplagten immer neue Medikamente oder lassen sich sogar erneut operieren, immer in der Hoffnung, endlich weniger Schmerzen erleiden zu müssen. Ärzte wollen helfen und lassen sich immer wieder in diesen Kreislauf hineinnehmen. Sie verschreiben erneut Medikamente oder erhöhen die Dosis immer weiter, selbst wenn sich abzeichnet, dass dieser Behandlungsansatz bei einem Betroffenen wenig zielführend ist. Auch wenn eine psychologische Behandlung für viele Menschen nicht mehr ganz so abwegig und „verrufen“ erscheint – bezogen auf die Schmerzbehandlung steht sie weiterhin nicht an erster Stelle. Erst wenn Ärzte definitiv keine Behandlungsansätze mehr verfolgen und die Betroffenen hören, sie seien bezüglich der Schmerzen „austherapiert“, wird eventuell eine schmerzpsychologische Behandlung empfohlen oder sie finden vielleicht allein den Weg zum Psychologen.

Häufig stellt sich die Frage, welche
Rolle der Schmerz im Leben des
Betroffenen spielt. Was wird durch
den Schmerz beeinflusst?

In den Querschnittgelähmtenzentren arbeiten hierfür ausgebildete Psychologen/Psychotherapeuten. Leider gibt es in der ambulanten Behandlung noch immer viel zu wenige Psychotherapiepraxen, die barrierefrei zu erreichen sind. Selten verfügen die niedergelassenen Therapeuten über das zusätzliche Fachwissen hinsichtlich der Querschnittlähmung.

Ich wünsche mir für die Betroffenen im stationären Setting die schnellstmögliche Einbindung von Psychologen in die Schmerzbehandlung und zudem den Ausbau von barrierefreien Psychotherapiepraxen. Damit die niedergelassenen Psychotherapeuten über das nötige Wissen über Querschnittlähmung verfügen, soll es in absehbarer Zeit eine Zusatzausbildung in diesem Bereich geben.


Der Text von Barbara Schulz wurde in Ausgabe 3/2022 der Zeitschrift „Der Paraplegiker“ erstveröffentlicht. Die Redaktion von Der-Querschnitt.de bedankt sich herzlich für die Zustimmung zur Zweitveröffentlichung.