Meine Querschnittlähmung und ich: „Sie Betrügerin, Sie!“

Es gibt viele Gründe, wieso Menschen im Rollstuhl unterwegs sind. Eine Querschnittlähmung ist einer davon. Eine Querschnittlähmung bedeutet allerdings nicht notwendigerweise, dass man sich nicht aus dem Rollstuhl erheben und den einen oder anderen Schritt machen kann. Letzteres ist für manche Mitmenschen ganz besonders schwer zu begreifen…

Meine Freundin Ela hat eine relativ tiefe, inkomplette Querschnittlähmung. Das Ding ist: Tief und inkomplett querschnittgelähmt ist immer noch querschnittgelähmt. Ihre Oberflächen- und Tiefensensibilität sind unterhalb der Lähmungshöhe eingeschränkt, ebenso wie ihre Blasen- und Darmfunktion. Sie ist meistens im Rollstuhl unterwegs, weil ihre Gehfunktion zwar erhalten ist, sie das Gehen aber unglaublich anstrengt. Sie hatte nach ihrem Unfall mehrere Jahre versucht Fußgänger zu bleiben, mit dem Ergebnis, dass ihre Handgelenke schmerzten, wenn sie sich lange auf die Gehhilfen stützen musste, ihre verbleibenden Muskeln oft vor Erschöpfung zitterten und sie nach einem langen Tag auf den Beinen abends zu nichts mehr zu gebrauchen war und eigentlich nur auf der Couch rumlag. Kein Leben, fand Ela, und stieg in den Rollstuhl um.

Damit ging es ihr körperlich besser, aber es fingen auch Probleme an, mit denen sie ums Verrecken nicht gerechnet hätte: „Ich wollte einkaufen gehen und parkte auf dem Sonderparkplatz direkt vor der Tür. Ich stieg aus und hielt mich am Dach fest auf dem Weg zum Kofferraum, um meinen Rollstuhl auszuladen. Und da hörte ich, wie jemand ganz fürchterlich schimpfte. Ich wäre eine Betrügerin und sollte mein Auto gefälligst wo anders abstellen und den Parkplatz den Leuten lassen, die ihn bräuchten. Ich habe versucht zu erklären, dass ich diesen Parkplatz durchaus bräuchte, aber der Mann ließ mich gar nicht zu Wort kommen. Ich habe dann einfach meinen Rollstuhl ausgepackt. Dann war er ruhig, aber eine Entschuldigung gab es auch nicht. Wahrscheinlich war er sich nicht sicher, ob ich den Rollstuhl überhaupt brauche…“.

„Ich weiß jetzt, dass ich mich nicht entschuldigen muss!“

Dieses Erlebnis sensibilisierte Ela für die Blicke anderer und sie stellte fest: „Es ist wirklich so. Die Leute starren. Sie starren dich an, wenn du behindert bist, und wenn du etwas machst, was nicht ihren Erwartungen entsprichst, dann werden sie grantig. Die meisten sagen nichts, aber die Gesichter sprechen Bände… Neulich wieder in der Uni-Bibliothek, da stand ich auf, um ein Buch aus einem der oberen Regale zu nehmen, und das Mädchen neben mir verzog ganz böse den Mund. Hochgezogene Brauen, schmale Augen, Kopfschütteln… Kenn ich alles.“

Am Anfang war Ela so verunsichert, dass sie ihre verbleibenden Fähigkeiten versteckte. „Ich hab echt versucht nicht aufzufallen. Und das tatsächlich auch in Situationen mit anderen Rollstuhlfahrern. Denn da hat mir mal jemand gesagt, er wäre froh, wenn er noch laufen könnte und ich wäre ja wohl eine ganz schöne Versagerin, wenn ich es nicht mal versuche, und eine andere meinte, dass ich eigentlich gar nicht richtig querschnittgelähmt bin, weil ich ja laufen kann.“

An dieser Stelle im Gespräch nehme ich Ela bei den Schultern und erkläre ihr mit aller Weisheit, zu der ich mit meinen 40 Jahren plus fähig bin, dass das Leben mit Querschnittlähmung kein Kindergeburtstag sei und sie sich nicht dafür schämen müsse, dass sie ein paar mehr Funktionen hat als andere und auch nicht dafür, wie, wann und ob sie diese Fähigkeiten einsetzt. Zum Glück lacht sie. „Schon klar! Ich weiß jetzt, dass ich mich nicht entschuldigen muss!“

Eine Querschnittlähmung mit erhaltener Gehfunktion ist immer noch eine Querschnittlähmung.

Ich befürchte, dass einige Menschen mit inkompletter oder sehr tiefer Querschnittlähmung ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie Ela. Neid ist unglücklicherweise durchaus ein Aspekt, mit dem sie kämpfen müssen. Dies gilt besonders dann, wenn die Gehfunktion erhalten ist. Für die einen (Nicht-Querschnittgelähmte) ist man zu behindert, um mithalten zu können, für die anderen (Rollstuhlfahrer) ist man nicht behindert genug…

Und dann gibt es noch die unerfreulichen Leute, die denken, man würde die Behinderung nur vortäuschen, um Aufmerksamkeit – oder andere Vorteile – zu bekommen. Nebenbei bemerkt können Sie mir Folgendes glauben: Leute, die ihr Auto unberechtigt auf Sonderparkplätzen stellen, machen sich nicht die Mühe eine Behinderung vorzutäuschen. Die parken da einfach so, weil sie „gleich wieder da sind“ oder „grad nichts anderes frei war“.

Dieses ewige Hickhack mit Mitmenschen, die glauben das Tun und Lassen andere beurteilen zu müssen, ist vor allem eins: Anstrengend! Es verbraucht Energien, die Menschen wie Ela benötigen, um im Alltag über die Runden zu kommen. Denn eine Querschnittlähmung mit erhaltener Gehfunktion ist, wie gesagt, immer noch eine Querschnittlähmung, mit dem ganzen Rattenschwanz an Folgen und Komplikationen, der da noch so dranhängt und Kraft und Zeit kostet.

Querschnittgelähmte Menschen mit erhaltener Gehfunktion können und dürfen sich das Leben leichter machen, indem sie in den Rollstuhl einsteigen. Das macht sie nicht zum Versager oder Betrüger. Die Meinung anderer kann ihnen da gepflegt am weich geparkten Hintern vorbeigehen.


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit querschnittgelähmten Menschen. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leserschaft von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteurinnen gerne an dieser Stelle auf.

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