12 Quadratmeter Freiheit: Tiny-Haus für Menschen im Rollstuhl

Wohnglück auf 12 Quadratmetern: Rollstuhlfahrer Jens Conrad hat ein rollstuhlgerechtes Tiny-Haus entworfen. Das Minihaus auf Rädern kann als, hmmm …, ausgewachsenes Haus dauerhaft bewohnt werden oder als barrierefreies Urlaubsdomizil auf einem Campingplatz platziert werden.

Ein Wohnträumchen: Das mobile Tinyhaus ist innen und außen rolltuhlgerecht konzipiert.

Küche, Bad, Schlafzimmer und ein Wohnzimmer, das Conrad auch als Büro und Besprechungsraum nutzt: Das „Tiny Rolli Haus“ nutzt jeden seiner zwölf Quadratmeter. Was im ersten Moment vielleicht beengt klingen mag, ist für Conrad ein Riesenvorteil: „Manchmal ist die Größe eher hinderlich als förderlich. Ich habe unser erstes Tiny Rolli Haus ganz nach meinen Bedürfnissen optimiert. Dadurch ist es zwar jenseits jeglicher ISO- oder DIN-Norm – aber für mich ideal eingerichtet.“

Conrad nutzt aufgrund einer MS-Erkrankung den Rollstuhl. Vor Ausbruch seiner Erkrankung war er ein „überzeugter Wohnmobilist“. Daran wollte er anknüpfen. Sein Wunschtraum war eine komfortable, mobile Unterkunft, in der er relativ spontan einen barrierefreien Urlaub am Ort seiner Wahl verbringen kann, ohne sich mit monatelangem Vorlauf auf eines der wenigen rollstuhlgerechten Domizile festlegen zu müssen.

Nach längerer Suche fand er in der Nähe von Bad Wildungen mit der Tischlerei Bock einen Partner, der schon seit Jahren Tiny-Häuser baute – aber bisher nur für Fußgänger. Besonders schöne Fügung: In diesem Betrieb machte gerade Jonas Leson, ein Student der Fachrichtung „inklusives Design“, ein Praktikum. Und fertig war die Laube und die Abschlussarbeit gleich mit dazu.

Minimalistisches Wohnkonzept

Ein Gemeinschaftsprojekt also, zu dem Conrad nicht nur die Initialzündung gab, sondern auch die Ausgestaltung („Ich sehe mich als Fachmann in eigener Mission“) massiv beeinflusste. Aus der Ursprungsidee entstand ein Mini-Haus, das immer noch von A nach B transportiert werden kann, das aber auch dauerhaft von einem rollstuhlnutzenden Menschen bewohnt werden kann. Ausgelegt ist das minimalistische Wohnkonzept sogar für zwei Personen, die in Stockbetten übereinander schlafen.

Eine der wahrscheinlich kleinsten rollstuhlgerechte Nasszellen der Welt …

Das Haus punktet mit einigen Besonderheiten. So fehlt ihm jegliches „Reha-Flair“ – die Inneneinrichtung ist einfach nur gemütlich. Einige Details:

  • Als Bodenbelag wurde ein Designerfußboden ausgewählt, der für einen guten Grip der Rollstuhlreifen sorgt.
  • Der Kühlschrank ist ausziehbar.
  • Die Tischkonstruktion ist unterfahrbar – und beheizbar.
  • Spüle und Induktionskochfeld sind auch vom Rollstuhl aus gut zu bedienen.
  • Die Schränke haben genug Überhang, damit Füße und Fußrasten darunter Platz haben.
  • Die Toiletten-/Waschraum-/Duschkombo ist sehr klein: „Das ist – für mich! – optimal: alles ist in Greifnähe, ich kann alles erreichen, ohne mit dem Rollstuhl herumrangieren zu müssen“, findet Conrad.

Wenig Platz als großer Vorteil

Küche, Essbereich und damit auch das Arbeitszimmer sind auf die Nutzung im Rollstuhl ausgelegt.

An dieser Stelle ist es eventuell angebracht, noch einmal darauf hinzuweisen, dass Conrads Rolli Tiny Haus in Sachen Barrierefreiheit keinen ISO- oder DIN-Normen entspricht – oder ihnen in manchen Punkten sogar diametral widerspricht. 

„Die Minitoilette zum Beispiel ist exakt auf meine Bedürfnisse zugeschnitten, aber mit dem Rollstuhl rumrangieren kannst du da nicht.“ Conrad weiß zwar von einem hohem Tetraplegiker, der die Idee dieses Mini-Bads exakt bei sich zu Hause kopieren will, aber das ist wohl ein Einzelfall. So individuell die körperlichen Fähigkeiten eines jeden Menschen mit Querschnittlähmung oder einer anderen Behinderung/Erkrankung sind, so individuell muss an dieser Stelle wohl auch der Innenausbau ausfallen. „Da ist es ein großer Vorteil, dass eine Tischlerei involviert ist – die können in Stückzahl 1 die perfekte individuelle Lösung anfertigen.“

Conrads Nasszelle ist nur über das Schlafzimmer zu erreichen. Tagsüber werden die Betten hochgeklappt, dann ist der Weg ins Bad ohnehin frei.  Einige (Kurzzeit-)Bewohner des Tiny-Haus nutzten diese Raumaufteilung auch, um ihren Rollstuhl nachts im Bad zu parken: Rückwärts rein, dabei das untere Bett mithilfe von Schlaufen runterklappen und dann vom Rollstuhl aus ins Bett transferieren (wie gesagt: Das Haus, das Conrad nutzt, ist für ihn konzipiert und nicht für jeden Menschen 1:1 nutzbar). Conrad selbst, der noch über eine Rest-Stehfähigkeit verfügt, hat eine andere Transfermethode: „Überm Bett pendelt ein Halteseil, am Bett gibt es Haltegriffe, da kann ich mich direkt vom Bett rüber auf die Toilette und zurück hangeln. Für mich ist das super, aber das wird nicht bei jedem Rollstuhlfahrer funktionieren.“

Bett hoch, Bett runter: Das Bad ist entweder nur vom Bett aus erreichbar – oder bei hochgeklappten Betten auch klassisch über den Flur.

Alljahrestaugliches Dauerdomizil

Auch von außen betrachtet hat das rollstuhlgerechte Tiny-Haus einige Vorteile. Seine Größe ist an die Vorgaben der Straßenverkehrsordnung angepasst. Mit 2,50 Metern Breite und einem Maximalgewicht von 3,5 Tonnen kann es auf seinen Anhängerrädern über bundesdeutsche Straßen gezogen werden. Vorausgesetzt natürlich, das Kfz mit der Anhängerkupplung ist stark genug.

Die Außenhaut des Tiny Rolli Haus entspricht normalen Wohnstandards.

Zum alljahrestauglichen Dauerdomizil wird es durch seine Aluminiumfassade, unter der sich eine Holzständerkonstruktion verbirgt: „Das ist normaler Wohnstandard auf Rädern“, betont Conrad. Und ein bisschen Luxus kommt noch dazu: Die transportable Rollstuhlrampe erweitert sich auf Haustürhöhe zu einer schnuckeligen Terrasse.

So praktisch, durchdacht und nötig diese mobile Rampe auch ist – sie sorgt auch dafür, dass das Rolli Tiny Haus nicht ganz so mobil einsetzbar ist, wie die Erfinder es sich erhofft hatten: „Man benötigt zwei Leute, um die Rampe ab- und wieder aufzubauen. Außerdem ist sie sehr schwer und nimmt auch im zusammengeklappten Zustand viel Platz weg. Da braucht man schon einen Kleintransporter, um sie an einen anderen Ort zu bringen“, erzählt Conrad.

Weshalb er sein Tiny-Haus inzwischen auch eher als Dauerwohnsitz für Minimalisten sieht oder als feine Sache für Dauercamper, die es einmal auf einem Campingplatz aufstellen und dann auch dort stehen lassen. „Auf Campingplätzen ist das auch selten ein Problem. Die haben die Erlaubnis, Tiny-Häuser aufzustellen. In Wohngebieten sieht das anders aus, da muss man sich erst einmal mit dem Bauamt zusammensetzen, ob man das darf und welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen. Ohne vernünftigen Sanitäranschluss gibt es in Deutschland keine Zulassung. Der Rest ist Verhandlungssache“, sagt Conrad.

Der stolze Häuschen-Herr.

Conrad leitet in dritter Generation einen Zulieferbetreib für die Möbelindustrie und ist zudem Geschäftsführer der proVice GmbH, eines Unternehmens, das unter dem Motto „rollstuhl – leben – erleichtern“ Hilfsmittel und Interieur für Rollstuhlfahrer entwickelt, herstellt und vertreibt.

Auf seinem Werksgelände in Kalletal, einer kleinen Gemeinde im Kreis Lippe, steht sein Vorzeige-Häuschen. Nach Anmeldung kann es dort besichtigt oder sogar zum Probewohnen für ein paar Tage angemietet werden. „Aber es steht da halt auf meinem Werksgelände – für zwei Wochen Urlaub würde ich das nicht empfehlen!“, mein Conrad. Und schiebt noch eine Bitte hinterher: Wenn ein Campingplatzbesitzer oder eine Institution für sein Vorzeige-Haus einen Dauerstellplatz im Umkreis von zwei Autostunden von Kalletal hätte, damit er dort Beratungen durchführen und Menschen im schönen Ambiente probewohnen können: Bitte melden!

Wer einen Blick ins und aufs Rolli Tiny Haus werfen will, kann dies unter anderem in einem Video von behindert-barrierefrei TV tun:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

PHA+PGlmcmFtZSBsb2FkaW5nPSJsYXp5IiB3aWR0aD0iMTAwJSIgaGVpZ2h0PSIzMTUiIHNyYz0iaHR0cHM6Ly93d3cueW91dHViZS1ub2Nvb2tpZS5jb20vZW1iZWQvYW9BbEJjR2hIYVkiIHRpdGxlPSJZb3VUdWJlIHZpZGVvIHBsYXllciIgZnJhbWVib3JkZXI9IjAiIGFsbG93PSJhY2NlbGVyb21ldGVyOyBhdXRvcGxheTsgY2xpcGJvYXJkLXdyaXRlOyBlbmNyeXB0ZWQtbWVkaWE7IGd5cm9zY29wZTsgcGljdHVyZS1pbi1waWN0dXJlIiBhbGxvd2Z1bGxzY3JlZW49IiI+PC9pZnJhbWU+PC9wPg==

Nähere Informationen bei:

Erstkontakt & Beratung:
proVice GmbH
Weidenstraße 7
32689 Kalletal
Telefon: 0176 12 91 12 26
E-Mail: jc@provice.net
www.provice.net

Umsetzung
Tischlerei Christian Bock
Auf der Höhe 3a
34537 Bad Wildungen-Braunau
Telefon: 05621 78 18 80-8
E-Mail: info@bock-tischlerei.de
www.bock-tiny-house.de


Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte keine Empfehlung der Redaktion dar und wurden, falls nicht anders vermerkt, nicht von der Redaktion getestet. Der Beitrag ersetzt in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch Fachpersonen.