Wenig barrierefreie Angebote in deutschen Sportvereinen: „Wir brauchen mehr als sieben Prozent!“

Nur in sieben Prozent der über 87.000 Sportvereine in Deutschland gibt es Angebote für Menschen mit Behinderungen.

 „Erschreckend wenig“, betont Stefan Kiefer, Generalsekretär des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), in einer Pressemeldung anlässlich des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung und ergänzt: „Wie wollen wir glaubhaft Teilhabe und Inklusion im Sport vorantreiben, wenn es nicht einmal in jedem zehnten Sportverein Angebote für Menschen mit Behinderungen gibt!?“

Die Zahl stammt aus dem aktuellen Sportentwicklungsbericht des Bundesinstituts für Sportwissenschaft von 2020 bis 2022. Daraus geht hervor, dass nur 6.300 der rund 87.000 deutschen Sportvereine Angebote für Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten machen. Darüber hinaus stimmen nur elf Prozent der befragten Vereine der Aussage voll zu, dass sie sich für Menschen mit Behinderungen engagieren. „Wir brauchen ein Umdenken. 2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. In diesen inzwischen 13 Jahren hat sich die Situation für Menschen mit Behinderungen im Sport zwar verbessert, doch unter dem Strich ist noch viel zu wenig passiert“, erklärt Kiefer. Schließlich lebten in Deutschland über 13 Millionen Menschen mit einer Beeinträchtigung, darunter 7,8 Millionen mit schwerer Behinderung. Das entspricht 15,6 bzw. 9,4 Prozent unserer Bevölkerung.

„Diese große und relevante Zielgruppe muss die Möglichkeit erhalten, Sport treiben zu können. Doch es gibt noch viel zu viele Barrieren, die das verhindern und dafür sorgen, dass über die Hälfte der Menschen mit Behinderungen nicht sportlich aktiv sind“, betont der DBS-Generalsekretär. Kaum eine Sportstätte in Deutschland könne als barrierefrei bezeichnet werden. Bis zu einem Drittel aller Hilfsmittelanträge in Deutschland werden zunächst entweder vom zuständigen Leistungserbringer oder dem medizinischen Dienst abgelehnt. Davon betroffen sind auch Anträge für Sportprothesen, Sportrollstühle und andere Hilfsmittel zum Sporttreiben. Darüber hinaus werden Kinder und Jugendliche mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sportlich oft überbehütet oder gar vom Schulsport „befreit“.

Die Notwendigkeit, diese Barrieren abzubauen und den Zugang für Menschen mit Behinderungen so leicht wie möglich zu machen, hat auch DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher kürzlich im Sportausschuss des Deutschen Bundestags unterstrichen und zielte dabei auf den anstehenden Bewegungsgipfel Mitte Dezember ab: „Ein Bewegungsgipfel muss sich mit diesen Problemstellungen nachdrücklich befassen und endlich Lösungen finden. Als gesamte Gesellschaft sollten wir das Ziel verfolgen, auch Menschen mit Behinderungen wieder in Bewegung zu bringen, doch dafür müssen die Voraussetzungen stimmen. Es reicht nicht aus, wenn bei einer nationalen Anstrengung zur Verbesserung des Sporttreibens in Deutschland die Belange von Menschen mit Behinderungen nur ,mitgedacht‘ werden. Vielmehr müssen die Belange explizit berücksichtigt werden“, erklärt Beucher und fügt an: „In diesem Zusammenhang begrüßen wir die neue Inklusionsstrategie des Deutschen Olympischen Sportbundes mit den darin enthaltenden Maßnahmen hin zu einer gleichberechtigten Teilhabe aller Menschen im Sport gemäß des Mottos ,Nichts über uns ohne uns‘.“

Zudem hat der Deutsche Behindertensportverband vor zwei Jahren unter dem Motto „Teilhabe VEREINfacht – So gelingt der Sport für Alle“ das (externer Link) Handbuch Behindertensport auf den Weg gebracht – ein wichtiger Baustein, um Sportvereinen und Übungsleitenden konkrete Hilfestellungen und Hinweise für die Praxis zu geben, wie Menschen mit Behinderungen in bestehende Gruppen integriert oder neue Angebote geschaffen werden können. „Wir brauchen mehr als sieben Prozent aus 87.000 Sportvereinen“, fordert Kiefer. „Unser Appell lautet: Mut statt Berührungsängste. Die Voraussetzungen müssen nicht von Beginn an perfekt sein, vielmehr kommt es auf einen ersten Schritt an, um Teilhabe am Sport für Alle zu ermöglichen. Dann wäre schon viel erreicht – sowohl für Sportdeutschland als auch für eine offene, inklusive und vielfältige Gesellschaft.“

Passend zum Tag der Menschen mit Behinderung haben Special Olympics Deutschland sowie der Deutsche Behindertensportverband eine (externer Link) schriftliche Erklärung unter der Überschrift „Gemeinsam für Inklusion“ verfasst. Die Botschaft lautet: „Macht mit! Öffnet die Sportvereine für inklusive Sportangebote! Lasst uns gemeinsam die Special Olympics World Games zu einem nachhaltigen Ereignis für Inklusion machen. Lasst uns die Strahlkraft der Paralympics für die deutsche Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele einsetzen.“