Leben mit Querschnittlähmung – Rollstühle vor 40 Jahren: Sperrige Riesengurken und ein Hohelied auf die Steckachse

„Steckachsen! Ganz klar: Steckachsen!“ Heidi Kirstes Antwort auf die Frage, für welche Erfindung Menschen, die einen Rollstuhl nutzen, ganz besonders dankbar sein sollten, fällt eindeutig aus. Natürlich erwähnt sie auch noch das Gewicht und fein graduierte Möglichkeiten, den Rollstuhl individuell anzupassen. Aber die Steckachsen scheinen für sie schon sehr wichtig zu sein. Denn als die damals frisch querschnittsgelähmte Teenagerin ihren ersten Rollstuhl bekam, hatte der – genau wie sein Nachfolger – Räder, die fest verschraubt waren. Alles an diesem Rollstuhl war furchtbar sperrig und hemmte den eigenen Mobilitätswunsch.

1981: Kirste in ihrem ersten Alu-Rollstuhl. Die Aufnahme entstand vor der Querschnittklinik. Kirste trägt noch ein Korsett.

Überhaupt hat sich in den letzten 40 Jahren einiges in Sachen Rollstuhl-Technik getan. Und einiges davon ist zumindest indirekt auch das Verdienst von Kirste und ihren Kameradinnen und Kameraden aus dem Rollstuhlbasketball. Denn sie modifizierten ihre Alltagsrollstühle bestmöglich für den Sport und gaben Impulse und Ideen für die ersten Basketballrollstühle. Diese Innovationen waren so überzeugend, dass sie schnell auch für die Alltagsmodelle übernommen wurden. 

Teenager-Alltag in den 80ern.

Kirstes Rollstuhl-Erfahrungen begannen mit einem Faltrollstuhl, in den sie 1981 nach ihrem Reitunfall in der Rehabilitationsklinik gesetzt wurde. „Das war eine Riesen-Gurke“, erinnert sich die heute 56-Jährige, „und das, obwohl er mit seinem Alurahmen damals schon eines der schickeren Modelle war“. Immerhin konnte er schon an manchen Stellen an die Statur und die Bedürfnisse seiner Fahrerin angepasst werden. Trotzdem war die Sitzfläche – wie damals üblich – üppig bemessen, sogar, wenn man in Rechnung stellt, dass Kirste anfangs noch ein Korsett trug. 

Manko: Extralange Fußrasten 

Der Rollstuhl war groß, mächtig breit und nicht für selbstbestimmte Mobilität gemacht. Eines seiner großen Mankos: Die langen Fußrasten, die ausladend nach vorne ragten. Auch Kirstes zweiter Rollstuhl – das legendäre Modell „Grothe“ – hatte noch solche Fußrasten. Aber nicht lange: Kirste bat einen Bekannten, die Rasten umzubiegen, damit sie nicht ganz so weit nach vorne rausragten (was ihn ein bisschen sporttauglicher machte). Weitere Besonderheit dieses Rollstuhls: Er hatte keine Seitenteile.

Bei Schmuddelwetter wurde man dank fehlender Seitenteile schnell schmutzig – dafür war der Rollstuhl aber auch discogängig.

Was aber auch bedeutete: War man draußen unterwegs, wurde man eigentlich immer schmutzig. Aber nur so war es möglich, einen kompakten Rollstuhl mit relativ geringer Gesamtbreite zu fahren, mit dem man durch schmale Toilettentüren passte und mit dem man auch in der Disco und auf Feten beim Tanzen eine gute Figur machte.

Etwa 1982 war im Rollstuhlbasketball-Training der erste Mitspieler mit einem Basketballrollstuhl der Firma Sopur aufgetaucht: Starrer Rahmen, bordeauxrote Vierkantrohre und Antriebsräder mit negativem Sturz, die man mit einem Inbusschlüssel für den Transport abschrauben konnte. Eine Revolution! Für den Alltag war bei Kirste immer noch der Grothe-Stuhl mit den umgebogenen Fußrasten angesagt, der war robust und relativ leicht. „Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das am Anfang meiner Autofahrerinnen-Zeit gemacht habe. Irgendwie muss ich den Rollstuhl wohl mit Rädern über mich rüber ins Auto gezerrt haben.“ 

Stabil war der Grothe-Stuhl offenbar auch, er bewährte sich nicht nur im Rollstuhlbasketball. Während ihres Informatikstudiums blieb Kirste einmal lange im Rechenzentrum der Universität, nicht wissend, dass ab 22 Uhr die Fahrstühle abgeschaltet wurden. Handys gab es noch nicht – also musste die Studentin sich allein die Treppen herunterarbeiten. Eine Fähigkeit, die sie zwar in der Rehabilitation gelernt hatte, bisher aber nur genutzt hatte, „um vor anderen damit anzugeben.“

Jetzt war also Treppe-Runterfahren unter echten Bedingungen angesagt: rückwärts, eine Hand am Geländer, eine am gegenüberliegenden Greifreifen. „Nach jeder Stufe gab es einen tierischen Schlag, weil die Fußraste auf die Stufe knallte. Das machte so viel Lärm, dass andere Studierende ins Treppenhaus kamen.“ Nach einem Stockwerk waren genug Helfer da, um sanft ins Erdgeschoss zu kommen. Die Episode blieb ihr im Gedächtnis, nicht nur wegen ihrer Comic-haften Komik, sondern auch, weil sie seither weiß, dass sie sich notfalls selbst aus einem Gebäude befreien könnte: „Es ist total beruhigend zu wissen, dass man alleine rauskommt!“

Endlich Steckachsen!

Mitte der 80er-Jahre brach eine neue Zeit an: Statt Faltrahmen mit festmontierten Rädern bekommt sie für ihren Sport einen Rollstuhl mit starren Rahmen und – endlich – Steckachsen. (Siehe auch Beitrag Sportrollstühle für Menschen mit Querschnittlähmung.)

1984 nahm Heidi Kirste als 18-Jährige zum ersten Mal an den Paralympics teil, die in diesem Jahr in Stoke Mandeville (GB) ausgetragen wurden (siehe auch Die Geschichte der Paralympics: Zeitzeugen berichten). Die meisten Spieler und Spielerinnen fuhren jetzt Basketballrollstühle mit starrem Rahmen, Speichenschutz, Saalsportbereifung (aufgepumpt auf mindestens 11 bar) und – endlich – Steckachsen. „Der Flug nach London war mein erster Flug und jeder durfte nur einen Rollstuhl mitnehmen. Also mussten wir den Sportrollstuhl auch als Alltagsrollstuhl nutzen. Die Toilettentüren im Paralympischen Dorf waren breit genug, aber der Basketballrollstuhl hatte keine Bremsen. Man musste bei jedem Transfer aus oder in den Rolli besonders vorsichtig sein. Ansonsten überwogen die Vorteile: Der Basketballrollstuhl war auch im Alltag wendiger und leichter zu fahren und hatte sogar kleine Seitenteile.

Paralympics 1984: Heidi Kirste mit der Nummer 7 beim Hochball.

Der Rollstuhltechniker, der die Nationalmannschaft begleitete, nahm die Anregungen der Spielerinnen dankbar auf und entwickelte nach den Paralympics einerseits den Basketballrollstuhl weiter und andererseits eine alltagstaugliche Variante des Sportrollstuhls: mit Bremsen, etwas höheren Seitenteilen (Seitenteile mit Kleiderschutz mussten noch erfunden werden), Straßenbereifung und nur 1° negativem Sturz.

Kirste hatte sich an das Fahren ohne Bremsen inzwischen so gewöhnt, dass sie auch beim Alltagsstuhl darauf verzichtete: „Das fanden damals alle cool, ohne Bremsen mit einem Sportrollstuhl rumzufahren. Zumindest solange, bis es doch nervte, dass der Rollstuhl beim Transfer ins Auto irgendwohin abhaute und man erst jemanden finden musste, der einem netterweise den Rolli wieder zum Auto schob.“ Also irgendwann doch Bremsen.

Keine Faltfahrer mehr

Und so wurde allmählich aus einem reinen Sportgerät ein alltagstauglicher Rollstuhl. „Es ging immer darum, den Rollstuhl starr, stabil und dennoch leicht zu machen, wir wollten keine Faltfahrer mehr“, sagt Kirste. Und so kam es auch. Mit der Zeit haben sich dann Sportrollstühle und Alltagsrollstühle immer weiter auseinanderdividiert, weil die Rollstühle für ihren jeweiligen Verwendungszweck immer weiter spezialisiert und individualisiert wurden. Zum Beispiel Kleiderschutz beim Alltagsrollstuhl, hinteres Stützrad (fest verschweißt) beim Basketballrollstuhl. Steckachsen haben natürlich beide Modelle bis heute!  Dass aber die Möglichkeit, die Hinterräder rasch und mit einfachen Griffen abzunehmen, noch gar nicht so lange besteht, dürfte den wenigsten bewusst sein.

Drei Punkte für eine Dankbarkeitsliste

Dazu kommt die stetige Verbesserung des Materials: Moderne Rollstühle sind leicht und dennoch stabil. „Mit 16, 17 hatte ich Kraft ohne Ende. Da war das Antreiben meiner Riesengurke überhaupt kein Problem. Es wäre schon lustig, jetzt mal wieder in meinem ersten Rollstuhl zu sitzen – mal schauen, wie ich heute mit dem Gewicht und der Sperrigkeit zurechtkäme!“, lacht Kirste.

Das geringe Gewicht und die von ihr hochgelobten Steckachsen für größere Mobilität sind Dinge, für die Menschen im Rollstuhl dankbar sein sollten, findet Kirste. Und dann sei da noch ein ganz wichtiger Punkt: Die Möglichkeiten, den Stuhl individuell anzupassen. Als Teenager hat sie das nicht vermisst. „War halt so, gab ja nichts anderes.“ Aber heute kann sie sich ein Leben in einem Gefährt von der Stange, das nur Pi-mal-Daumen zum eigenen Körper passt, nicht mehr vorstellen. Punkt drei für die Dankbarkeitsliste. (Für mehr Informationen zu diesem Thema siehe auch: Richtig sitzen: Aspekte der Rollstuhlanpassung.)


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