Ableitende Kontinenzhilfsmittel

Bei den Hilfsmitteln zur Kontinenz wird prinzipiell unterschieden zwischen ableitenden und aufsaugenden Systemen. Generell gilt es, dass eine Inkontinenz immer urologisch abgeklärt werden muss, da diese ev. durch medikamentöse oder therapeutische Behandlung in den Griff zu bekommen ist.

Die ableitenden Systeme

Zu den ableitenden Inkontinenzhilfen zählen das Kondom-Urinal (auch: externer Katheter, Kondomkatheter oder Urinalkondom), der intermittierende Katheterismus (auch: Einmalkatheter) und Dauerkatheter (auch: transurethraler Verweilkatheter) bzw. die suprapubische Blasenfistel (auch: suprapubischer Dauerkatheter).

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oben: A-Tropf Urinale, mitte: doppelseitiges Klebeband, Hautkleber, Maßband, unten: Urin-Auffangbeutel

1. Kondom-Urinal

Indikationen

  • Überaktive Blase mit Inkontinenz ohne Restharn
  • Inkontinenz bei Männern mit/ohne Harndrang aber ohne Restharn
  • Urologische Probleme bei Männern mit neuromuskulären Syndromen

Kontraindikationen

  • Restharn
  • Sphinkterdyssynergie mit signifikantem Harnverhalt
  • Komplette Areflexie
  • Obstruktive urologische Erkrankungen

Vor- und Nachteile

Vorteile des Urinalkondoms liegen darin, dass der Urin in einem Urinbeutel gesammelt wird und somit die Haut geschützt wird vor dem Kontakt mit dem Urin und auch die Geruchsbildung reduziert wird.

Nachteile des Urinalkondoms kann die Irritation oder Überempfindlichkeit (Hypersensitivität) der Haut aufgrund des Hautklebers oder des verwendetetn Materials (z.B. Latexkondome) sein. Bei bestehender Sensibilität kann dass Urinalkondom als einengend und unangenehm empfunden werden.

Das Urinalkondom gibt es in verschiedenen Varianten. Es gibt Unterschiede in Material, Größe und Ausführung.

Material

Das Material der Kondome reicht von synthetischen Kondomen bis hin zu Latexkondomen. Die Materialbeschaffenheit spielt eine wichtige Rolle, da das Kondom sitzen soll wie eine zweite Haut.

Kondomgröße

Damit das Urinalkondom gut sitzt ist die korrekte Ausmessung der Kondomgröße wichtig. Hierzu gibt es Schablonen oder Maßbänder, die um den Penis gelegt werden können um die ideale Größe zu ermitteln. Ein zu kleines Kondom engt ein und kann bei Querschnittgelähmten zu Einschnürungen oder Druckstellen führen. Ein zu großes Kondom ist schwierig zu befestigen und ist nicht dicht.

Ausführung

So gibt es Urinalkondome mit einer Antireflux-Vorrichtung dass der Urin vom Beutel nicht mehr zurücklaufen kann, aber auch Urinalkondome, die direkt mit einem Ablauf-Hahn versehen sind. Die Materialbeschaffenheit spielt eine wichtige Rolle, da das Kondom sitzen soll wie eine zweite Haut.

Befestigung des Urinalkondoms

Hier werden zwei Varianten unterschieden:

  • Selbstklebende Kondome
    am Kondomschaft mit einem Kleber versehen sind
  • Kondome mit Klebestreifen – ein doppelseitig klebender Haftstreifen wird zirkulär am Penisschaft angebracht und das Kondom darüber gezogen und durch Druck auf den Haftstreifen angebracht
  • Kondome mit Hautkleber – aus der Tube bzw. aus dem Topf; der Kleber wird mit der Tubenspitze oder einem Pinsel auf den Pensischaft angebracht und das Kondom darüber gezogen.

Das Urinalkondom wird spätestens nach 24 Stunden gewechselt.

Ergänzend zum Urinalkondom werden Urindrainagebeutel an das Kondom angebracht. Auch diese gibt es in verschiedenen Ausführungen

  • Bettbeutel
  • Beinbeutel – mit verschiedenen Fixierungsmöglichkeiten
  • Sportbeutel (z.B. für einen Schwimmbadbesuch in Badekleidung)

Bei tröpfchenweiser Inkontinenz reicht evtl. auch ein Tropfurinal.

Für mehr Informationen siehe: Das Kondom-Urinal – Oft Stiefkind in der Hilfsmittelversorgung bei Inkontinenz

2. Intermittierender Katheterismus (Einmal-Katheter)

Indikationen

  • Neurogene Blasenfunktionsstörung
  • Detrusor-Dysfunktion
  • Blockierter Harnabfluss
  • Nach Operationen
  • Als Therapie bei Belastungsinkontinenz

Kontraindikationen

  • Hoher Harnblasendruck
  • Eingeschränkte Motorik der oberen Extremitäten, wenn keine pflegerische Unterstützung gegeben ist

Vor- und Nachteile

Vorteile des intermittierenden Katheterismus liegen darin, dass er mehrmals am Tag selbst durchgeführt werden kann und keine Gegenstände des Blasenmanagements dauerhaft im oder am Körper getragen werden müssen. Abgeleiteter Urin wird sofort entsorgt.

Nachteile liegen in dem relativ hohen Zeitaufwand und den möglichen Komplikationen, wie Infektionen, Entzündungen der Harnwegen (Urethritis) oder bei Männern der Vorsteherdrüse (Prostatitis) oder der Nebenhoden (Epididymo-orchitits). Risiken bergen auch ein etwaiges falsches Anlegen des Katheters, was zu Verletzungen im Urogenitaltrakt führen kann, oder das schlichte Vergessen des Katheterisierens, was die Blase überdehnt und eine Autonome Dysreflexie hervorrufen kann. Hinzu kommt, das der intermittierende Katheterismus, im Falle von Fremdkatheterismus, einen erheblichen Eingriff in die Intimsphäre darstellt.

Material

Den Einmal-Katheter gibt es in verschiedenen Ausführungen. Unterschiede gibt es in Kaliber, verschieden geformten Spitzen, Material, Oberflächenstruktur und ob der Katheter mit einem Urinbeutel versehen ist oder nicht. Einige Katheter sind bereits mit einem Gleitmittel versehen, andere nicht. Bei letzteren muss vor Anwendung ein Gleitmittel separat in die Harnröhre eingebracht werden.

Durchführen des Einmal-Katheterismus

Hier werden zwei Varianten unterschieden:

  • Fremdkatheterismus – Eine Fremdperson führt den Katheter über die Harnröhre in die Harnblase ein
  • Selbstkatheterismus – Hier führt der Betroffene selbst den Katheter in die Harnblase ein

Die Vorbereitungen und Durchführung sind in beiden Fällen gleich:

  • Desinfizierung der Hände vor und nach dem Katheterisieren
  • Katheter muss in dem Bereich, mit dem er die Harnröhre passiert, steril sein.
  • Das verwendete Gleitmittel bzw. die aktivierende Flüssigkeit muss stets steril sein.
  • Harnröhrenmündung sollte stets mit einer Lösung zur Schleimhautdesinfektion behandelt werden.

Der Einsatz des intermittierenden Katheterismus hängt von der Flüssigkeitszufuhr ab; generell läßt sich jedoch sagen, dass die Blase ca. viermal am Tag geleert werden sollte. Eine Füllmenge von über 500ml sollte vermieden werden.

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Dauerkatheter Mann/Frau

3. Dauerkatheter (DK)

Dauerkatheter werden dauerhaft getragen und vor allem in der Akutphase eingesetzt. Die dauerhafte Harnableitung sollte aber bevorzugt über die suprapubische Blasenfistel erfolgen, um Infektionen der Harnblase zu vermeiden.

Indikationen

  • Bei einer schlaffen Blase, bei der keine andere Therapie möglich ist
  • Akutphase nach Eintritt einer Querschnittlähmung
  • Bei langen operativen Eingriffen
  • Notwendigkeit die Urinproduktion und Ableitung genauestens zu protokolieren
  • Als Therapie bei Belastungsinkontinenz

Kontraindikationen

  • Akute Entzündung der Prostata (Prostatitis)
  • Verdacht auf Verletzung der Harnwege

Vor- und Nachteile

Vorteile des Dauerkatheters liegen darin, dass er nur einmalig eingeführt wird und so die Gefahr von Verletzungen des Urogenitalgewebes minimiert wird. Zudem ist eine genaue Aufzeichnung über die Ausscheidungsmenge im Vergleich zur Flüssigkeitszufuhr möglich.

Nachteile des Dauerkatheters sind Infektionsgefahr und der Umstand, dass mit dem Dauerkatheter und dem Urinauffangbeutel kontinuierlich Fremdgegenstände am Körper mitgeführt werden, was für mobile Betroffene ein Hemmnis bei der Pflege von Sozialkontakten sein kann. Auch kann die Harnröhre durch den Fremdkörper gereizt werden und es können sich Narben (Strukturen) bilden.

Variationen

Um ein Herausrutschen des Dauerkatheters zu verhindern, ist er an der der Spitze mit einem Ventil in Form eines kleinen Ballons versehen. Um diesen Ballon zu füllen, hat ein Dauerkatheter, im Vergleich zum Einmal-Katheter, einen zusätzlichen Kanal (Zwei-Wege-Katheter). Eine Variante ist der Drei-Wege-Katheter, bei dem über einen dritten Kanal eine desinfizierende Lösung in die Harnblase eingebracht werden kann, um Infektionen zu vermeiden.

SFP

SFP

4. Suprapubische Blasenfistel (SPF)

 

  • Akute oder chronische Harnverhaltung, die nicht mit Kathetern behandelt werden kann
  • Akute Prostatitis
  • Abweichungen in der Anatomie der Harnwege
  • Verletzung der Hüft- und Beckenknochen
  • Bei langwierigen operativen Eingriffen im Urogenitalbereich
  • Bei Fäkalinkontinenz

Kontraindikationen

  • Blasenkrebs
  • Schwer zugängliche Harnblase

Vor- und Nachteile

Die Vorteile der suprapubischen Blasenfistel liegen in dem reduzierten Risiko für Harnwegsinfektionen oder Verletzungen des Gewebes im Urogenitalbereich, die beim Legen von Kathetern entstehen können. Der Zugang über die Bauchdecke ist einfacher zu erreichen und sauber zu halten. Für den Betroffenen entfällt zudem der Eingriff in die Intimsphäre.

Anwendung

Um eine suprapubischen Blasenfistel zu legen, wird die Bauchdecke mit einer Hohlnadel durchstochen und über diese Öffnung ein Kunststoffschlauch in die Harnblase eingebracht. Mit dem der Urin abgeleitet wird. Ist der Zugang erst einmal gelegt, kann das Ableiten einfach und unkompliziert erfolgen.

Weitere Informationen

Schulungsmappe der Manfred-Sauer-GmbH

Schulungsfilm Youtube

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