Die richtige Gehhilfe finden

Als die Stiftung Warentest im Jahr 2005 die Qualität von Rollatoren testete, finanzierten die Krankenkassen jährlich bereits rund 500.000 Stück, obwohl erst 1990 die ersten Modelle in Deutschland verkauft worden waren. Gehstöcke oder -stützen hingegen gibt es schon weitaus länger und längst in allen Regenbogenfarben, sogar faltbar für die Reise. Als Hilfsmittel ermöglichen Gehhilfen eine Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft, indem sie die individuelle Mobilität gewährleisten und damit zu einer selbstständigen Lebensführung beitragen.

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Menschen mit inkompletter Querschnittlähmung oder neurogenen Störungen (Multiple Sklerose) nutzen Gehhilfen entweder dauerhaft oder solange ein Rollstuhl noch keine geeignetere Hilfe im Alltag darstellt. Häufig werden sie gemeinsam mit dem Rollstuhl im Wechsel gebraucht, z. B. wenn der Rollstuhl bereits im Auto verstaut ist und Betroffene kurze Wege mit der Hilfe von Stützen gut zurücklegen können. Aber auch zum erneuten Laufenlernen nach einem Unfall kommen sie übergangsweise zum Einsatz.

  • Sie gleichen Gangunsicherheiten aus und beugen der Sturzgefahr vor.
  • Sie erhöhen Stabilität und Balancefähigkeit: Je mehr Kontaktpunkte eine Gehhilfe mit dem Boden hat und je größer die Basis ist, umso mehr Stabilität kann sie geben.
  • Sie können eine aufrechte Körperhaltung unterstützen und Gelenke entlasten.Dabei wird die Belastung der unteren Extremitäten durch die Gehhilfe auf die oberen Extremitäten verlagert.

Im Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbandes finden sich in der Produktgruppe 10 Gehhilfen, die vorwiegend im Innenraum genutzt werden, und solche für draußen und drinnen.

Gehhilfen für den Innenraum

Neben Gehübungsgeräten im Sinne von Barren, die zur Ausstattung von Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen gehören, zählen Gehwagen und Gehgestelle zu den Übungsgeräten, die vor allem in der Wohnung genutzt werden. Sie bieten Standsicherheit durch großflächige Kontakte mit dem Boden, während Anwender ihre Schrittabfolge üben können, insbesondere bei Störungen der Balance.

Neben Modellen mit besonderen Details wie Tassenhalter, Einkaufskorb, Beleuchtung, Klingel oder Stockhalter bis hin zum Navigationsgerät oder fest montierten Regenschirm gibt es auch Ausführungen für schwergewichtige Nutzer oder Menschen mit Adipositas.

Gehgestelle:

  • Mit starrem Rahmen
  • Mit zwei Rollen
  • Reziproke Gehgestelle mit beweglichen Seitenteilen

Gehgestelle bestehen aus leichtem Material mit vier Kontaktpunkten am Boden. Sie werden für jeden Schritt leicht angehoben und um einen Schritt nach vorn bewegt, um dann wieder als Stütze zu dienen.

Gehwagen:

  • Mit Armauflagen
  • Mit Achselauflagen
  • Für Kinder

Gehwagen können beim Gehen nach vorn geschoben werden, weil sie Rollen besitzen und nicht angehoben werden müssen.

Gehhilfen für Innen- und Außenbereich

Fahrbare Gehhilfen:

  • Deltaräder (drei Räder)
  • Rollatoren (vier Räder)

Im Gegensatz zu Gehwagen sind Rollatoren für den Straßenverkehr geeignet, robuster und mit größeren Rädern und Bremsen ausgestattet. Einige bieten eine integrierte Sitzfläche zum Ausruhen an (siehe auch: Stiftung Warentest vergleicht Rollatoren).

Deltaräder sind durch ihre Form mit nur drei Aufstandpunkten weniger stabil, dafür aber beweglicher

Stöcke und Stützen

klein shutterstock_118952896 GoodluzUnterarmgehstützen:

  • Mit anatomischem Handgriff
  • Als Arthritsstützen
  • als physiologische Gehhilfe

Unterarmgehstützen bestehen aus einem Stützrohr aus Metall oder einem ähnlich stabilen Material, einem (anatomischen) Handgriff und einer Manschette, die den Unterarm stützt. Anatomische Griffe aus rutschfestem, aber nachgiebigem Werkstoff reduzieren Schwielen und Hornhaut an den Händen. Es gibt sie wie auf dem Foto in dezenten, aber auch in vielen anderen Farben, als „Metallic-Linie oder mehrfarbig mit und ohne Reflektoren.

Bei Entzündungen der Handgelenke oder Handgelenksversteifung kann eine Arthritisstütze durch ihre in Winkel und Länge verstellbaren Hangriffe flexibel an die Armhaltung angepasst werden. Ähnlich orientiert an der Armhaltung ist auch die physiologische Gehhilfe, die in einem Stück durch ihre besondere Form Stützrohr, Handgriff und Unterarmstütze bildet. Dabei ist das Rohr so gebogen, dass es in Höhe des Handgriffs horizontal und dann in einer Biegung leicht schräg nach oben verläuft.

Achselstützen:

Achselstützen reichen bis unter die Arme, wo eine Auflage den Achseln Halt gibt. Das Körpergewicht des Nutzers wird über die Achseln auf die Stützen übertragen, die so u. a. die Handgelenke schonen.

Gehstöcke und Handstöcke:

  • Mit anatomischem Handgriff
  • Als Mehrfußgehhilfe

Während gemäß Hilfsmittelverzeichnis ein Handstock bei einer „leichten Gehbehinderung ohne die Notwendigkeit einer Entlastung von Skelettabschnitten“ verordnet wird, dient der Gehstock zwar einer zeitweiligen Entlastung, reicht aber nicht wie die Unterarmgehstütze bis an den Unterarm, sondern schließt mit dem Handgriff ab.

Die sogenannte Mehrfußgehhilfe hat ein Oberteil wie Gehstöcke und kann zwischen drei und fünf abgespreizte Einzelaufstandpunkte haben, die einen festen Stand unterstützen. Auch sie gibt es mit anatomischen Griffen.

Zusatzausstattung

Die im Hilfsmittelverzeichnis unter „Zusatz“ aufgeführten Produkte beschränken sich weitgehend auf Stockpuffer in verschiedenen Ausführungen. Sie gehören zu jeder Form von Stöcken oder Stützen und werden als gummiartiger Aufsatz über das untere Ende des Stützrohres gestülpt, um eine leicht flexible Verbindung zum Boden herzustellen. Der Stockpuffer hat eine geringfügig größere Standfläche als das Stockende und sorgt dafür, dass die gesamte Zone auch bei schräger Belastung auf dem Boden aufliegt. In Stockpuffern für scharfkantige Metallrohre findet sich eine kleine Metallscheibe, um das Durchdringen des Rohres zu verhindern. Es gibt sie auch als „Spezialstockpuffer“ für den Gebrauch bei Nässe, Schnee und Eis in spezieller Materialmischung, die das Wegrutschen verhindern soll, und vergrößerter Standfläche mit verschiedenen Profilen. Stockpuffer mit Eispickeln sollen auch auf Eis ein Rutschen verhindern. Siehe auch: Zubehör für Gehstützen

Sonstige Gehhilfen

Unter diesem Stichwort bleibt das Hilfsmittelverzeichnis so nichtssagend wie offen für alle Krankheitsbilder, „die den Einsatz spezieller Gehhilfen erfordern“ und lässt damit Raum für Gehhilfen, die über die aufgeführten Standards hinaus individuell notwendig werden können. Die Indikation ist dem verordnenden Arzt überlassen.

Die individuelle Anpassung

Die optimale Anpassung mithilfe von Ergo- oder Physiotherapeuten sowie Kräften aus dem Sanitätsfachhandel ist bei jeder Gehhilfe notwendig, um die technische Beschaffenheit mit den körperlichen Eigenschaften und Fähigkeiten des Nutzers abzustimmen und die richtige Verwendung abzuklären. Mögliche geeignete Produkte sollten im Vorfeld getestet werden. Zur Ermittlung der persönlichen Bedürfnisse gehören auch die Erwartungshaltung eines Betroffenen an die Gehhilfe, seine häusliche Situation und das Umfeld.

Je nach Bedarf anzupassen sind:

  • Griffhöhe: Der Handgriff sollte sich dort befinden, wo der Oberschenkelknochen am deutlichsten zu spüren ist.
  • Beschaffenheit der Griffe: Die Hand muss rutschfest und bequem aufliegen können
  • Ggf. Eigenart des Stoppers

Die Verordnung durch den Arzt

Mit der Verordnung durch den Arzt übernimmt die Krankenversicherung in der Regel die Kosten für eine Gehhilfe aus dem Hilfsmittelverzeichnis. Zuvor prüft sie die Verordnung auf ihre Notwendigkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit und kann Gehhilfen auch leihweise überlassen. Es ist hilfreich, wenn die entsprechende Hilfsmittelnummer bereits in der Verordnung auftaucht. Für die Ärzte sind Hilfsmittel nicht budgetrelevant, d. h. sie fallen nicht unter das Budget, das ihnen je Patient zur Verfügung steht. Unabhängig vom Hilfsmittelverzeichnis, das nur eine Orientierungshilfe darstellt, können von den Kassen aber auch spezielle Gehhilfen übernommen werden, die nicht aufgeführt, aber medizinisch betrachtet notwendig sind. Dann braucht die Verordnung eine ausführliche Begründung.

Weitere Informationen zur Versorgung mit Hilfsmitteln siehe:

Medizinische Hilfsmittel

Medizinische Hilfsmittel beantragen (1)

Medizinische Hilfsmittel beantragen (2) – Keine Angst vor Widerspruch

 

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