Berufliche Orientierung in der Rehabilitation

„Kann ich wieder in meinem alten Beruf arbeiten?“ – Diese Frage stellt sich wohl als eine der ersten nach Eintritt einer Querschnittlähmung. Die Mittel zur Unterstützung einer beruflichen Um- oder Neuorientierung sind zwar da, werden aber häufig erst spät und zu einseitig verwendet – zu diesem Schluss kommen Studien der Arbeitsstelle Rehabilitations- und Präventionsforschung der Universität Hamburg.

Bild 104153411 copyright Martynova Anna(siehe Eigenschaften), 2013

Der Weg (zurück) in ein geregeltes Berufsleben gilt neben der medizinischen Rehabilitation als wesentliches Element einer gelungenen Rückkehr in die Normalität unter veränderten Bedingungen. Die Bedeutsamkeit der Erwerbsfähigkeit liegt zum einen in der persönlichen Wertung der eigenen Lebensumstände und in der Bedeutung für das Selbstbild. Zum anderen existiert innerhalb der Gesellschaft ein hohes Bewusstsein für den Stellenwert der Berufstätigkeit zur Sicherung des Gesamtsystems (Lange, 2003):

  • Gesellschaftliche Bedeutung:
    Materielle und kulturelle Produktivität sowie ein finanzieller Beitrag an den Staat in Form von Steuern und Sozialabgaben
  • Individuelle Bedeutung:
    Selbstverwirklichung und Selbstwert, Identitätsfindung, soziale Anerkennung, soziale und kulturelle Kontakte, materielle Absicherung

Zugleich ist zu berücksichtigen, dass jeder Mensch die Maßstäbe für seine Lebensqualität anders setzt. Dennoch dürfte die Erwerbsfähigkeit für viele Betroffene ein zentrales Ziel ihrer persönlichen Rehabilitation sein.

Hilfen zur beruflichen Um- oder Neuorientierung

Wenn möglich, kann ein bestehendes Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis bei dem bisherigen Arbeitgeber mithilfe notwendiger Anpassungen erhalten bleiben. Ist das nicht machbar, soll eine berufliche Ersteingliederung eine Neueinstellung unterstützen. „Beruflich wiedereingegliedert werden behinderte oder von einer Behinderung bedrohte Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Probleme, z. B. durch einen Unfall oder eine Krankheit, nicht mehr in der Lage sind, ihren erlernten Beruf oder ihre bisherige Tätigkeit auszuüben und vor einer beruflichen Um- oder Neuorientierung stehen“ (Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, 2013).

Im Rahmen der „Teilhabe am Arbeitsleben“ können durch den zuständigen Rehabilitationsträger unterschiedliche Leistungen gewährt werden, die einer Person mit Querschnittlähmung die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit trotz Behinderung möglich machen.

Mögliche Maßnahmen im Rahmen der beruflichen Eingliederung sind:

  • klein shutterstock_11002099 pryzmatBarrierefreie Umgestaltung des Arbeitsplatzes: Unterfahrbare und verstellbare Schreibtische, Paternosterschränke und technische Arbeitshilfen, ggf. auch Umbaumaßnahmen
  • Arbeitsassistenz als Hilfestellung bei der Arbeitsausführung
  • Barrierefreie Toiletten im Arbeitsumfeld
  • Rollstuhlgerechter Zugang zum Arbeitsplatz: Behindertengerechter Parkplatz, ausreichend breite Wege und Türen auf dem Weg zum Arbeitsplatz, ggf. Aufzüge, Rampen und Lifte sowie automatische Türöffner
  • Kraftfahrzeughilfen zum Erreichen des Arbeitsplatzes oder Fahrdienste: Anschaffung / behindertengerechte Umrüstung eines Kfz
  • Behinderungsgerechte Ausstattung der Wohnung, damit gewährleistet ist, dass Betroffene selbstständig ohne Schwierigkeiten zur Arbeit gelangen können
  • Berufliche Weiterbildung
  • Umschulung
  • Gründungszuschuss bei Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit
  • Leistungen an den Arbeitgeber (Ausbildungs- und Eingliederungszuschüsse)

Die Leistungen umfassen auch medizinische, psychologische oder pädagogische Hilfen, wenn dadurch die Berufstätigkeit erreicht oder gesichert werden und Folgen einer Querschnittlähmung vermieden, überwunden oder gemildert werden können, z. B.:

  • Hilfen zur Behinderungsverarbeitung
  • Beratung von Partnern und Angehörigen (auf Wunsch des Leistungsberechtigten)
  • Training sozialer und kommunikativer Fähigkeiten
  • Hilfen zur seelischen Stabilisierung in Krisensituationen
  • sowie: „Anleitung und Motivation zur Inanspruchnahme von Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben“

Mögliche Rehabilitationsträger sind:

  • Agentur für Arbeit, sofern die anderen Rehabilitationsträger nicht zuständig sind
  • Gesetzliche Unfallversicherung / Berufsgenossenschaften bei Arbeitsunfällen
  • Rentenversicherung: Nach 15 Jahren Beitragszahlung in die gesetzliche Rentenversicherung haben Versicherte Anspruch auf Leistungen
  • Träger der Kriegsopferfürsorge
  • Jugendamt
  • Sozial- oder Grundsicherungsamt

Das Integrationsamt ist kein Rehabilitationsträger,  kann aber u. a. für Selbstständige zuständig sein, um deren berufliche Existenz zu sichern oder eine Gründung zu fördern.

Arbeitssuchende mit Querschnittlähmung bzw. Beschäftigte, die Leistungen zur Teilhabe beantragt haben, treffen in den Stellen der Agentur für Arbeit auf sogenannte „Reha-Teams“. Die Reha-Berater können bei Fragen der Eingliederung die Fachdienste der Agentur für Arbeit hinzuziehen, etwa den ärztlichen Dienst, den berufspsychologischen Service oder den technischen Beratungsdienst.

Eingliederung in Zahlen

Aus dem Jahresbericht der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter (BIH) 2019/2020 (externer Link: Behinderung & Beruf und soziale Entschädigung) wird ersichtlich, dass die Integrationsämter den weit größten Anteil ihrer Mittel an Schwerbehinderte für die Kosten einer Arbeitsassistenz ausgaben. „Für die individuelle Förderung schwerbehinderter Menschen einschließlich der Leistungen für eine notwendige Arbeitsassistenz sind seit 2007 kontinuierlich steigende Ausgaben zu verzeichnen. Im Jahr 2019 erreichten sie mit mehr als 57 Millionen Euro einen neuen Höchststand. Ihr Anteil an den Gesamtausgaben betrug fast 10 Prozent. Auch die aufgewendeten Mittel zur Finanzierung der Integrationsfachdienste nehmen seit 2008 regelmäßig zu und lagen 2019 bei über 94 Millionen Euro. Ihr Anteil an den Gesamtausgaben betrug 14 Prozent.“ Zum Jahresende 2019 lebten rund 7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, waren das rund 136 000 oder 1,8 % mehr als am Jahresende 2017.
Der Anteil der schwerbehinderten Menschen an der gesamten Bevölkerung in Deutschland betrug damit 9,5 %.

Auf dem Arbeitsmarkt sind Menschen mit Behinderungen „deutlich unterrepräsentiert“, so das Statistische Bundesamt (Destatis). 2017 war der Anteil der Berufstätigen und Arbeitssuchenden unter den Menschen mit Behinderung nicht einmal halb so hoch (30 %) wie unter den Menschen ohne Behinderung (65 %).

Die Beschäftigungsquote Schwerbehinderter war 2019 zum wiederholten Male rückläufig und sank 2019 auf 4,63 Prozent. Damit wurde die gesetzlich vorgeschriebene Fünf-Prozent-Quote erneut verfehlt. Öffentliche Arbeitgeber übererfüllen die Mindestquote mit 6,5 Prozent zwar – bei privaten Unternehmen machen Schwerbehinderte aber nur 4,1 Prozent der Mitarbeiter aus. Ebenfalls gesunken: Der Anteil der Arbeitgeber, die mindestens einen Pflichtarbeitsplatz besetzten. Zu diesem Ergebnis kam das Inklusionslagebarometer Arbeit der Aktion Mensch und des Handelsblatt Research Institute (HRI) im Jahr 2019.

Die Corona-Krise machte die Lage auf dem Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung besonders prekär: Im Oktober 2020 lag die Anzahl der arbeitslosen Menschen mit Schwerbehinderung in Deutschland um rund 13 Prozent höher als im Vorjahresmonat (für mehr Details siehe: Inklusionsbarometer 2020: Coronabedingter Anstieg der Arbeitslosenzahlen von Menschen mit Behinderungen).

 „Seit 2013 verbesserte sich die Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderung fast stetig,“ resümiert Prof. Dr. Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institutes. „Doch die rasant negative Entwicklung in diesem Jahr macht in kürzester Zeit die Erfolge der letzten vier Jahre zunichte. Allein von März bis April erhöhte sich die Zahl arbeitsloser Menschen mit Schwerbehinderung um mehr als 10.000.“ (Siehe auch Beitrag Inklusionsbarometer 2019: Coronabedingter Anstieg der Arbeitslosenzahlen von Menschen mit Behinderungen)

Umschulung, Aus- und Weiterbildung

Im Rahmen einer beruflichen Rehabilitation stehen neben regulären Umschulungs- und Ausbildungsplätzen auch die Angebote der Berufsförderungswerke (BFW) offen. Als „Kompetenzzentren für berufliche Rehabilitation“ bezeichnen sie sich und richten sich an Erwachsene, die bereits eine Ausbildung abgeschlossen haben. Die staatlich anerkannten Ausbildungslehrgänge dauern 2 Jahre und enden mit einer Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer oder einer anderen staatlichen Stelle.

Die Ausbildungspalette der derzeit 28 BFWs umfasst:

  • Kaufmännische Berufe in Industrie, Bürokommunikation, Logistik und mehr
  • IT-Berufe wie Mediengestalter, Systemelektroniker oder Fachinformatiker
  • Gewerblich-technische Berufe, wie Technischer Zeichner, Bauzeichner, Werkzeugmechaniker

Voraussetzung für die Teilnahme ist der Anspruch auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben und die körperliche und intellektuelle Eignung für den Beruf, die im BFW erprobt werden kann. Alle Häuser bieten barrierefreie Zugänge, rollstuhlgerechte Zimmer und Lernorte und sind mit medizinischem, psychologischem und sozialpädagogischem Dienst auf mögliche Belange der Teilnehmer ausgerichtet. Unter bestimmten Bedingungen erhalten Rehabilitanden während der Ausbildung ein Übergangsgeld, das sich am letzten durchschnittlichen Einkommen orientiert.

Spezialeinrichtungen für Menschen mit Querschnittlähmung:

  • Berufsförderungswerk Bad Wildbad
    1956 entstand in Bad Wildbad eine Modelleinrichtung für querschnittgelähmte Menschen, aus der das heutige BFW hervorgegangen ist. Medizinische und berufliche Rehabilitation in 15 Ausbildungsberufen können hier kombiniert werden. Zur Heinrich-Sommer-Klinik für Menschen mit Querschnittlähmung gehört zudem eine eigene Fahrschule.
  • Berufsförderungswerk Heidelberg-Schlierbach
    In vier kaufmännischen Berufen bildet das Haus unter Trägerschaft des Universitätsklinikums Heidelberg aus. In unmittelbarer Nähe ist auch die medizinische Betreuung durch die Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg gewährleistet.

Erfolgsaussichten und Empfehlungen

Die Arbeitsstelle Rehabilitations- und Präventionsforschung der Universität Hamburg legte 2012 zwei Studien in Zusammenarbeit mit dem Querschnittgelähmtenzentrum des Unfallkrankenhauses Hamburg Boberg vor, mit denen der Erfolg der beruflichen Wiedereingliederung querschnittgelähmter Menschen bestimmt werden sollte. Die Erfolgsfaktoren und Barrieren beruflicher Eingliederung wurden an 171 Teilnehmern mit mindestens 3 Monaten stationärer Rehabilitation und durch Befragung von sieben Arbeitgebern erforscht. Dabei kamen die Forscher zu folgenden Ergebnissen und Empfehlungen:

Ergebnisse

  • Insgesamt zeigt die berufliche Wiedereingliederung wenig Variation: Sie gelingt vor allem da, wo der alte Arbeitsplatz bereits ein Büroarbeitsplatz war oder die Umsetzung auf einen solchen möglich ist. In kleinen Betrieben bleibt die Teilhabe am Arbeitsleben eine Ausnahme.
  • Zunahme des Rentenstatus (von 1,5 auf 13,4 %) und Abnahme der erwerbstätigen Rehabilitanden von 58,2 auf 34,4 % im Laufe von 30 Monaten (bei einer optimistischen Prognose der Reha-Einrichtung für die Erwerbsfähigkeit von rund zwei Dritteln der Teilnehmer). Krankgeschrieben oder arbeitssuchend bzw. in einer unklaren Situation waren sowohl vor als auch nach den 30 Monaten knapp 20 % der Teilnehmer.
  • Begünstigende Faktoren für eine Erwerbstätigkeit nach Eintritt einer Querschnittlähmung:
    • Größere Betriebe mit mehr Flexibilität der Arbeitsplatzgestaltung
    • Öffentlicher Dienst aufgrund seines Selbstverständnisses und vorhandener Arbeitsplätze
    • Mitarbeiterteam, das eventuelle Ausfälle bei Krankheit kompensieren kann
    • Teilarbeitsplätze, die keine Vollzeitbeschäftigung verlangen

Empfehlungen

  • Erforderlich für bessere Chancen auf eine gelungene berufliche Rehabilitation ist ein frühzeitig mit Rehabeginn und parallel zur medizinischen Rehabilitation einsetzendes Programm, das den traditionellen zweistufigen Ansatz – erst medizinische, anschließend berufliche Reha – ersetzt.
  • Arbeitsplatzmodelle müssen über das Konzept eines reinen Büroarbeitsplatzes hinaus entwickelt und sowohl Rehabilitanden als auch Arbeitgebern frühzeitig vorgestellt werden, um eingefahrene Denkweisen aufzubrechen und neue Perspektiven zu schaffen.
  • Kontakte zum bisherigen Arbeitgeber sollten rasch wieder aufgegriffen werden.
  • Professionelle Beratung von Arbeitgebern durch die Reha-Berater sollte neben finanziellen Aspekten und technischen Fragen auch organisatorische Betriebs- und Personalberatung umfassen, damit der Wunsch nach „Passgenauigkeit“ nicht einseitig zu Lasten des behinderten Arbeitnehmers definiert wird. Auch hier raten die Experten zur Aufbereitung erfolgreicher Beispiele aus der Praxis.