Entstehung von Druckstellen (Dekubitus)

Ein Dekubitus (auch: Druckgeschwür, Dekubitalgeschwür) ist eine der häufigsten Komplikationen bei Querschnittlähmung. Er kann vor, während und nach der Erstrehabilitation auftreten und gefährdet den Betroffenen in jeder Phase seines Lebens (Benedikt/et al., 2012).


Bild 89369113-copyright Alila-Medical-Images, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Durch Druck (sowohl hoher Druck von kurzer Dauer als auch niedriger Druck von langer Dauer) auf das Gewebe, oft in Verbindung mit Reibung und Scherkräften, werden Blutgefäße eingeengt. Dadurch kommt es zu einer Minderdurchblutung (Ischämie) mit der Folge eines Sauerstoff- und/oder Nährstoffmangels im Gewebe (Hypoxie). Die so entstehende Störung im Säure-Basen-Haushalt (Azidose) schädigt die Blutgefäße an den betroffenen Stellen und macht sie durchlässig. Flüssigkeit lagert sich im Gewebe ein (Ödem) und es kommt zu einer Rötung der Haut, die sich nicht mehr wegdrücken lässt (Dekubitus Grad I). In fortgeschrittenen Stadien kann die Druckstelle zum Zelltod und Gewebszerfall führen (Pohlmann, 2012). Häufige Komplikationen sind lokale Infektionen (Gstaltner, 2012).

Naturgemäß ist durch eine andauernde sitzende bzw. liegende Haltung und die fehlende Sensibilität der betreffenden Körperstellen bei einer Querschnittlähmung ein erhöhtes Risiko für das Entstehen von Druckstellen gegeben. Eine bewusste regelmäßige Entlastung der Druckzonen kann helfen Druckstellen zu vermeiden (Pohlmann, 2012).

Dekubiti werden in der Praxis aufgrund ihrer Ausprägung in meist vier Stufen eingeteilt:

Stufe I: Nicht wegdrückbare, umschriebene Rötung bei intakter Haut, gewöhnlich über einem knöchernen Vorsprung. Bei dunkel pigmentierter Haut ist ein Abblassen möglicherweise nicht sichtbar, die Farbe kann sich aber von der umgebenden Haut unterscheiden. Der Bereich kann schmerzempfindlich, verhärtet, weich, wärmer oder kälter sein als das umgebende Gewebe.

Stufe II: Teilzerstörung und -verlust der Haut (Epidermis oder auch Dermis/Lederhaut), die als oberflächliches, offenes Geschwür mit einem rot bis rosafarbenen Wundbett ohne Beläge oder als intakte oder offene, serumgefüllte Blase auftritt.

Stufe III: Zerstörung und Verlust aller Hautschichten (Nekrose). Fettgewebe der Unterhaut kann sichtbar sein, jedoch keine Knochen, Muskeln oder Sehnen. Es kann ein Belag vorliegen, der jedoch nicht die Tiefe der Gewebsschädigung verschleiert. Die Tiefe des Dekubitus in dieser Stufe variiert je nachdem, welche Körperstelle betroffen ist. Nasenrücken, Ohr und Hinterkopf etwa, haben kein subkutanes Gewebe, daher können Wunden hier auch sehr oberflächlich sein. Im Gegensatz dazu können an besonders adipösen Körperstellen extrem tiefe Wunden der Stufe III auftreten. Knochen und Sehnen sind nicht sichtbar oder tastbar.

Stufe IV: Vollständiger Haut- oder Gewebeverlust (Nekrose) mit freiliegenden Knochen, Sehnen oder Muskeln. Belag und Schorf können vorliegen. Die Tiefe des Dekubitus hängt auch in dieser Stufe davon ab, welche Körperstelle betroffen ist. Wo kein subkutanes Gewebe vorhanden ist, können die Wunden oberflächlich sein. Wunden der Stufe IV können sich in Muskeln oder unterstützende Strukturen ausbreiten (Faszien, Sehnen oder Gelenkkapseln) und können dabei leicht Entzündungen des Knochenmarks (Osteomyelitis) oder Knochenentzündungen (Ostitis) verursachen. Knochen und Sehnen sind sichtbar oder tastbar (EPUAP, 2009).

Besonders anfällig für die Bildung von Druckstellen sind Körperstellen, bei denen meist sehr wenig Bindegewebe und Muskulatur zwischen Haut und Knochen liegt. Am meisten gefährdet sind Kreuzbein, Steißbein, Trochanter Major (der große Rollhügel), Außenknöchel und Fersenbein. Zudem sind die Körperstellen zu nennen, auf denen in einer liegenden Position besonders viel Druck lastet, wie Hinterkopf, Ohrmuschel, die Dornfortsätze der Wirbelsäule, Schulterblätter, Ellenbogen, innere Oberarmrollen, Kniescheibe, innere Oberschenkelrollen und aufliegende Stellen am Wadenbein.

Wie in den meisten Fällen gilt auch beim Dekubitus die Regel: Vorbeugung (vgl.: Prävention von Dekubitus) ist besser als Heilung. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist das Wissen um die Gefahren von Druckstellen und die Motivation des Betroffenen zur Eigenverantwortung. Kurz-, ggf. sogar mittelfristig, nach Eintritt der Querschnittlähmung scheint es für den Einzelnen zunächst oft weitaus wichtigere Themen zu geben als Haut und Hautkontrolle. Verschiedene Prophylaxe-Maßnahmen – vor allem die Störung der Nachtruhe für Positionswechsel bei Tetraplegikern- werden als störend empfunden. Sie sind allerdings unumgänglich, denn wenn ein Dekubitus erst einmal entstanden ist, verzögert er unter anderem die Rehabilitation und kann schlimmstenfalls lebensbedrohliche Ausmaße annehmen (Benedikt/ et al., 2012).

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