Expertenwissen bei Darmfunktionsstörungen

Nicht laufen zu können, ist die Einschränkung, die alle Welt sehen kann und die als das zentrale Handicap bei Querschnittlähmung wahrgenommen wird. Für Betroffene jedoch langfristig weitaus belastender ist die bei fast jeder Rückenmarksverletzung auftretende Funktionsstörung des Darms. Die Fortbildung „Experte/Expertin für neurogene Darmfunktionsstörungen“ will die Grundlage für eine integrative Professionalisierung in diesem Bereich schaffen.

Der Verlust der autonomen Kontrolle über die Ausscheidungen ist für die meisten Menschen ein Tabuthema. Dieses macht es Pflegenden besonders schwer, auf den Patienten einzugehen und eine geeignete Behandlung zu finden. Einerseits wissen alle um die Wichtigkeit eines funktionierenden Darmmanagements, andererseits verhindert eine Kombination aus Scham, Zeitdruck und eingeschränkter Verweildauer im Klinikalltag eine umfassende Beschäftigung mit der Darmproblematik.

Inhalte und Ablauf des Lehrgangs

Die Fortbildung zum Darm-Experten schafft für Pflegende und Therapeuten eine fachübergreifende theoretische Grundlage für das vorhandene Praxiswissen. Sie findet über E-Learning und eine 4-tägige Präsenzphase statt, an deren Ende eine schriftliche Prüfung steht. Vermittelt werden Grundlagen und umfassendes Wissen über:

  • Anatomie, Physiologie und Pathophysiologie des neurogenen Darms
  • Komplikationen bei neurogener Darmfunktionsstörung
  • Assessment, Anamnese und Diagnostik
  • Konservative und operative Behandlungsmöglichkeiten
  • Formen, Diagnostik, Therapien der Stuhlinkontinenz und Obstipation
  • Darmmanagement und Entleerungstechniken
  • Mikrobiom, Pro- und Präbiotika, Ballaststoffe
  • Wechselwirkung von Ernährung und Verdauung
  • Einsatzmöglichkeiten von Functional Foods und Laxantien

Die Ziele, die mit der Fortbildung Experte/Expertin für neurogene Darmfunktionsstörungen erreicht werden sollen, sind keine geringen: Die Handlungskompetenzen der Kursteilnehmer werden erweitert, vorhandene Kenntnisse vertieft und neues Wissen erarbeitet. Nach Abschluss werden die Pflegenden laut Geng in der Lage sein, sich der Problematik neurogener Darmfunktionsstörung im Klinikalltag effektiver widmen zu können. Neben dem theoretischen Bezugsrahmen setzt der Lehrgang hierbei verstärkt auf Dialog, Gruppenarbeit und Fallbeispiele.

Der Lehrgang findet alle zwei Jahre oder bei größer Anfrage jährlich statt. Siehe hierzu: Fortbildung „Experte/Expertin für neurogene Darmfunktionsstörungen“

Meinungen von Lehrgangsteilnehmern

Wie hoch der Bedarf an einer Professionalisierung ist, zeigt das anhaltend große Interesse von Kliniken und Fachpersonal. Seit 2013 kann man sich um die Teilnahme an der Fortbildung Experte/Expertin für neurogene Darmfunktionsstörungen bewerben, die u.a. in der Manfred-Sauer-Stiftung in Lobbach stattfindet. Die Absolventen des Kurses sind regelmäßig begeistert.

Als „sehr intensiv“ und „durchgängig wissenschaftlich“ beurteilt Hans Almer, diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger in der AUVA Klinik Tobelbad/Österreich, den Kurs. „Nicht alle Informationen zum Darm, zur Darmtätigkeit, zum Darmmanagement sind neu für mich. Ich denke, das gilt für jeden Teilnehmer. Wir kommen ja alle aus dem Bereich“, sagt er. „Aber die Inhalte werden im Zusammenhang – auch mit Ernährung – dargestellt, und das ist schon sehr gut. Und etwas, was mir persönlich jetzt ganz neu war, kam aus dem Bereich Patienten-Gespräch, nämlich die Anleitung zur motivierenden Gesprächsführung. Das heißt, ich lerne, wie ich das Wissen, das ich habe, an den Patienten weitergebe, und zwar so, dass er mich versteht, annehmen und auch umsetzen kann, was ich sage.“

„Ich bin immer auf der Suche nach neuem Input, nach einem neuen Gedanken, der mich in der Ausübung meines Berufes weiterbringt“, sagt Janette Obereisenbuchner, Diätassistentin und Ernährungsberaterin am Brandenburgischen Querschnittzentrum. „Das ist ein Prozess, ein kontinuierliches Weiterbilden, um die Dinge besser zu verstehen. Und wenn ich etwas verstehe, bin ich eher dazu in der Lage, Maßnahmen abzuleiten, die meinem eigenen Fachgebiet und dem der Pflegenden gerecht werden. Durch den Kurs wird, denke ich, das Verständnis zwischen den Gebieten der Ernährung einerseits und der Pflege andererseits geschaffen oder erweitert. Wir sind Partner. Wir brauchen einander, um effektiv arbeiten zu können, um eine Behandlung erarbeiten zu können, die über das blinde Probieren hinausgeht.“

Darmexperten Juni 2013, eigenes Foto
Die Teilnehmer des allerersten Kurses 2013

Darüber, wie bedeutsam der Dialog zwischen den Fachrichtungen, aber auch zwischen den Kursteilnehmern untereinander ist, sind sich alle einig. „Der Austausch mit den Kollegen ist extrem wichtig“, erläutert Almer. „Zu sehen, dass wir überall – international und an den Kliniken – die gleichen Probleme haben und jetzt gemeinsam Lösungen optimieren können: Das kann schon sehr entscheidend für die Entwicklung bei der Behandlung der neurogenen Darmfunktionsstörung sein.“

„Ich nehme sehr viel mit nach Hause und würde diese Weiterbildung jedem anderen Ernährungsberater empfehlen, der im Querschnitt tätig ist“, sagt Obereisenbuchner abschließend. „Und jedem Pflegenden auch.“