Berufliche Rehabilitation – Konzepte in der Diskussion

Wer erwerbsfähig ist, geht arbeiten und wer das nicht mehr kann, geht in Rente. – So eindeutig stellt sich die Situation für viele von einer Querschnittlähmung Betroffene nicht dar: Die Verarbeitung einer traumatischen Rückenmarksverletzung braucht Zeit, geistige und physische Kräfte können stark schwanken, und oft sind die individuellen beruflichen Aussichten eines Patienten langfristig selbst für erfahrenes Fachpersonal nur schwer einzuschätzen.

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„Von Anfang an müssten medizinische und berufliche Rehabilitation viel stärker verzahnt werden“, findet Reinhard Giese von der Arbeitsstelle Rehabilitations- und Präventionsforschung der Universität Hamburg. Er leitete 2012 zwei Studien zur beruflichen Eingliederung Querschnittgelähmter in Zusammenarbeit mit dem Querschnittgelähmtenzentrum des Unfallkrankenhauses Hamburg Boberg. Wichtig sei zunächst, die Perspektivlosigkeit aufzubrechen: „70 bis 80 % der Rehabilitanden fallen nach einem Unfall in ein Loch und denken erst mal, sie könnten jetzt nicht mehr arbeiten.“ Die chronologische Abfolge von medizinischer und sozialer Rehabilitation sieht er kritisch: „Das zieht sich dann über Monate hin und der Sprung, den jemand zurück ins Arbeitsleben machen muss, wird immer größer.“ Ganz anders seien beispielsweise der Fahrzeugumbau und das Training der Fahrpraxis häufig in die Rehabilitation integriert. Dieselbe frühzeitige Unterstützung durch Arbeitstherapeuten empfiehlt Giese auch in Sachen Beruf für viele Betroffene. Ein Angebot könnte etwa ein „Schnuppertag“ im ehemaligen Betrieb sein. Wenn der Kontakt zum bisherigen Arbeitgeber nicht abreißt und sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer eine konkrete Vorstellung der neuen Situation bekommen, kann man weiterdenken – unrealistische Hoffnungen verwerfen, aber auch entdecken, was trotz allem machbar ist.

Martin Gramm, Diplom-Sozialarbeiter und Leiter des Sozialdienstes im Querschnittzentrum der Uniklinik Heidelberg, sieht die Vereinbarkeit von medizinischer und beruflicher Reha mit Vorbehalt: „Für viele Patienten ist das schlicht eine Überforderung“, gibt er zu bedenken. Für sie versucht er vor allem, im Anschluss an die Erstversorgung ein geeignetes Umfeld für eine gute berufliche und soziale Rehabilitation zu finden. Zudem erwarte die Bundesagentur für Arbeit in bestimmten Fällen ein psychologisches Gutachten, um weiteren Schritten zuzustimmen. Ein Termin für diese „Testung“ ist seiner Erfahrung nach oft erst nach Wochen zu bekommen. Davon abgesehen habe sich das Alter der Klientel deutlich nach oben hin verschoben, sodass in vielen Fällen eine Verrentung entweder schon bestehe oder ohnehin anstehe.

klein shutterstock_110197463 Tang Yan SongHinzu kommt, dass die meisten Querschnittzentren, die auf die medizinische Versorgung von Rückenmarksverletzungen spezialisiert sind, derzeit nicht die Ausstattung für weitreichende Schritte in der beruflichen Rehabilitation haben. Ein umfassendes Konzept kann aktuell bundesweit nur die Heinrich-Sommer-Klinik für Querschnittgelähmte in Bad Wildbad anbieten. Patienten können hier schon während der medizinischen Reha in die angegliederten Werkstätten des Berufsförderungswerks reinschauen und erproben, welche Berufsbilder zu ihnen passen könnten. „Es ist aber ganz wichtig, dass die medizinisch-berufliche Orientierung immer am Patienten und seinem persönlichen Belastungsvermögen ausgerichtet wird“, sagt Ulrike Bier vom Berufsförderungswerk. Die Angebote der Arbeitstherapeuten und Psychologen würden den Rehabilitanden nie aufgedrängt, denn jeder Genesungsprozess verlaufe anders. „Manchmal geht die berufliche Reha ganz schnell und parallel zur medizinischen und manchmal muss ein Patient sich erst mal zuhause erholen, um ein Jahr später wiederzukommen und mit der beruflichen Erprobung anzufangen.“

Individuelle Möglichkeiten erkennen und respektieren

Für den richtigen Zeitpunkt, um das Thema anzugehen, scheint es kein Patentrezept zu geben. Die Verarbeitung eines so dramatischen Ereignisses wie der Eintritt einer Querschnittlähmung ist für jeden Menschen mit extremem Stress verbunden. Der Verarbeitungsprozess kann individuell sehr unterschiedlich sein, klassische Phasen der Trauer oder Depression können lange anhalten oder einfach ausbleiben: „Eine ganze Reihe von Betroffenen besitzt ein hohes Maß an Optimismus, Resilienz und Kohärenzgefühl, um eine solche Situation gut und ohne lange Trauerphasen, Verleugnung oder gar einer Depression zu meistern“, beschreibt der Diplom-Psychologe Jörg Eisenhuth von der Werner-Wicker-Klinik in Bad Wildungen seine Erfahrung in der Arbeit mit Querschnittgelähmten.

Es kommt demnach ganz darauf an, den Stand der individuellen Möglichkeiten zur aktiven Auseinandersetzung mit der (beruflichen) Situation herauszufinden und flexibel damit umzugehen:

  • Wie werden neue Informationen aufgenommen und umgesetzt?
  • Besteht eine aktive Beteiligung an der Rehabilitation, indem Fragen gestellt und eigene Ideen eingebracht werden?
  • Glaubt der Betroffene daran, die eigene Situation verstehen und meistern zu können? Zeigt er Lebensmut?
  • Treten Stresssymptome wie schlechte Stimmung, Schlafstörungen, negatives Denken, muskuläre Verspannungen oder seelische Erschöpfung auf?
  • Werden Entscheidungen zeitgerecht getroffen? (Eisenhuth, 2012)

Formale Faktoren

Rehabilitation vor Rente – Dies ist der Grundsatz, dem alle Rehabilitationsträger verpflichtet sind: Kann ein Arbeitsplatz durch eine Anpassung an die Bedürfnisse querschnittgelähmter Arbeitnehmer erhalten oder geschaffen werden, sind die notwendigen Schritte dafür umzusetzen. Sollten die Kräfte einer Person mit Querschnittlähmung für mindestens 3 Stunden tägliche Arbeitszeit nicht ausreichen, wird derjenige als „voll erwerbsgemindert“ eingestuft. Dann greift in der Regel das Rentensystem. Die Einstufung erfolgt normalerweise aufgrund von ärztlichen Gutachten. „Die Kassen aber drängen zur Eile. Sie müssen das teure Krankengeld zahlen, das 72 % des Brutto-Gehalts ausmacht. Ihr Ziel: Die querschnittgelähmten Patienten schnell an die Rentenversicherung abzugeben“, schreibt Spiegel Online und beruft sich u. a. auf Aussagen des Sozialverbandes VdK (Weise/Weidt, 2012). Die Zahlung von Krankengeld kann eigentlich 78 Wochen laufen, aber die Diagnose „Querschnittlähmung“ könnte schließlich auch bedeuten, dass jemand dauerhaft voll erwerbsgemindert bleibt. Dann kann ein Unfall als „rentenauslösendes Ereignis“ eingestuft werden und Betroffene von der Rentenversicherung verrentet werden.

Hier gebe es bei den Mitarbeitern der Versicherungen häufig unzutreffende Vorstellungen, sagt Martin Gramm: „Wenn ich denen sage, unser Bundesfinanzminister ist höher gelähmt als der Patient, der verrentet werden soll, zieht das oft am besten.“ Ein Interesse an einer frühzeitigen Verrentung eines Versicherten durch die Rentenversicherung leuchtet ein, wenn die Alternative hohe Kosten zur Umgestaltung eines Arbeitsplatzes sind, die unter bestimmten Bedingungen ebenfalls von der Rentenversicherung zu tragen sind. „Es macht natürlich keinen Sinn, einen Arbeitsplatz behindertengerecht auszustatten, wenn er nicht gefüllt wird“, zitiert Spiegel Online Claudia Weidig von der Deutschen Rentenversicherung Nordbayern (Weise/Weidt, 2012).

Im Gefüge dieser Interessen, die von außen auf das Schicksal eines Betroffenen einwirken können, ist ein umsichtiger Umgang mit Prognosen, Gutachten und Informationen besonders wichtig. „Man muss gucken, wie man es schafft, allen gerecht zu werden“, so Ulrike Bier. Den Experten bleibt, die Bandbreite persönlicher Bewältigungsprozesse in ihren Gutachten zu vermitteln und Patienten bestmöglich zu beraten.

Vorstellungswelten eröffnen

Positive Beispiele für eine geglückte Rehabilitation jüngerer Patienten siedelt Sozialarbeiter Martin Gramm vor allem in Großunternehmen an. In der Automobilbranche beispielsweise hätten Rollstuhlfahrer in der Vergangenheit schon langfristige und beiderseits zufriedenstellende Arbeitsverhältnisse gefunden, etwa im kaufmännischen Bereich. „Größere Betriebe bieten mehr Flexibilität in der Arbeitsplatzgestaltung und ein Mitarbeiterteam, das eventuelle Ausfälle leichter auffangen kann“, bestätigt auch Reinhard Giese. Unabhängig davon pocht er auf die Entwicklung von Arbeitsplatzmodellen, die über einen reinen Büroarbeitsplatz hinausgehen. Besonders Menschen, deren Arbeit bislang auch körperlichen Einsatz forderte, brauchen in dieser Situation kreative Lösungsangebote. „Vorstellungswelten neu aufmachen“ nennt Reinhard Giese das und betont, wie wichtig die Einbeziehung bisheriger Arbeitgeber in die neue Vorstellungswelt sei. Allzu bequem lassen sich einfache Schubladen öffnen, in die die neue Situation so gar nicht passen will. Ein Gärtner mit Behinderung? Für viele undenkbar. „Dass es doch gehen kann, sehen wir z. B. an Familienbetrieben. Dort besteht ein starkes Interesse, den behinderten Arbeitnehmer wieder in den Betrieb zu integrieren, und dann werden die Leute auch kreativ“, so Giese.

 

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