Schluckfunktionsstörungen bei Querschnittlähmung

Die tägliche Nahrungsaufnahme ist einerseits lebensnotwendig, andererseits untrennbar verbunden mit Genuss und Lebensqualität. Mittelpunkt gesellschaftlicher Interaktion – ob privat oder in einem öffentlicheren Umfeld – ist oft ein gemeinsames Mahl. Eine Schluckstörung (Dysphagie) kann hier ein erhebliches Problem darstellen. Hinzu kommen die Risiken von u. a. Mangelernährung, Dehydrierung und der Aspiration von Nahrungsbestandteilen und/oder Speichel in die Atemwege. Mit verschiedenen Maßnahmen kann eine Dysphagie erfolgreich behandelt werden.

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Der Schluckvorgang

Der Schluckakt ist eine hochkomplexer Vorgang, an dem 56 Muskelpaare und neben der zentralen Steuerung mindestens 5 Hirnnerven beteiligt sind. Der Mensch schluckt zwischen 580 und 2.000 Mal pro Tag im Wachen und Schlafen, wobei sich der Kehlkopf jedes Mal zwischen 1,5 und 2 cm hebt. Außerhalb von Mahlzeiten schluckt man etwa ein Mal pro Minute; dabei werden ca. 0,5 ml Speichel aufgenommen (Grötzbach, 2008). Die vier Phasen des Schluckaktes müssen in einen präzis koordinierten zeitlich-räumlichen Ablauf gebracht werden. Nach dem Kauen (orale Vorbereitung) und dem Transport der Nahrung durch Zungendruck nach oben und hinten (orale Phase), wird der eigentliche Schluckreflex ausgelöst, von wo an der Schluckvorgang nicht mehr willentlich beeinflussbar ist, d. h. autonom stattfindet. Die Atemwege werden verschlossen und der obere Ösophagussphinkter geöffnet (pharyngeale Phase), wodurch die Nahrung in die Speiseröhre gelangen kann. Die Peristaltik der Speiseröhre transportiert die Nahrung in den Magen (ösophageale Phase).

Ursachen

Eine Dysphagie kann von verschiedenen Faktoren ausgelöst werden. Oft sind dies Veränderungen der zuständigen Nervenbahnen oder zuständigen Zentren im Gehirn oder Beeinträchtigungen an den am Schluckvorgang beteiligten Organen. Diese Veränderungen bzw. Beeinträchtigungen können im Falle einer Querschnittlähmung auftreten, wenn z. B. bei Verunfallung zusätzlich zur Rückenmarkschädigung ein Schädel-Hirn Trauma eintritt oder die Lähmung eine Folge von Multiple Sklerose ist. Zusätzlich kann die Dysphagie als Begleiterscheinung auftreten, wenn bei einer hochgradigen Querschnittlähmung der Einsatz von Trachealkanülen, Magensonden oder Operationen im Halswirbelsäulenbereich notwendig sind. Auch körperliche Schwäche oder psychische Belastungen können Ursachen für Schluckstörungen sein.

Mögliche Folgen von SchluckstörungenBild 47448667copyright blamb, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

  • Malnutrition
  • Dehydration
  • Gewichtsverlust
  • Verminderte körperliche Leistungsfähigkeit
  • Verminderte geistige Leistungsfähigkeit
  • Pneumonien aufgrund von Aspiration bzw. stiller Aspiration
  • Verminderte Lebensqualität
  • Verminderte oder fehlende gesellschaftliche Kontakte (Zäch/Koch, 2006)

Schluckstörungen erkennen

Da eine Schluckstörung einen erheblichen Risikofaktor darstellen kann, muss sie möglichst schnell als solche erkannt werden. Verschiedene Anzeichen weisen darauf hin, dass eine Dysphagie vorliegt:

  • Häufiges Verschlucken, Husten, Räuspern
  • Steckenbleiben von Nahrung im Hals
  • Vermehrte Schleimbildung
  • Kurzatmigkeit
  • Nahrung und/oder Speichel läuft aus dem Mund
  • Belegte, raue, heisere Stimme
  • Chronische obstruktive Lungenveränderungen
  • Schmerzen, Angst vor dem Schlucken
  • Vorsichtige, sehr langsame Nahrungsaufnahme
  • Vermeiden bestimmter Speisen
  • Essen in Gesellschaft wird vermieden (Grötzbach, 2008)

Diagnostik und Behandlung

Um eine optimale Diagnose und Therapie zu gewährleisten, bedarf es einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Spezialisten aus den Gebieten der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Pneumologie, Neurologie, Radiologie, Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Ernährungsberatung. Die Untersuchung umfasst Spontanschluck, Speichelschluck, Wasserschluck und Schlucken von Götterspeise, die Beurteilung des Stimmklangs nach dem Schlucken, die Beobachtung von willkürlichem Husten und Räuspern und das Prüfen der pharyngealen Sensibilität durch einen Stäbchentest (Grötzbach, 2008).

Ein differenziertes Ausmaß der Störung wird mit Hilfe der transnasalen Fieberendoskopie, der Videofluoroskopie (VFS) oder der videoendoskopische Schluckuntersuchung (VESU) analysiert. Mit letzteren kann der Schluckablauf in bewegten Bildern in Echtzeit sichtbar gemacht werden. So können aus den gewonnenen Informationen entsprechende therapeutische Maßnahmen abgeleitet werden. In die Behandlung einbezogen werden die diätischen Aspekte, d. h. die Anpassung der Ernährung an das gegebene Schluckvermögen.

Therapie

Die Therapieansätze, die bei der Behandlung von Schluckstörungen am häufigsten zum Einsatz kommen, sind die drei Verfahren der funktionellen Dysphagietherapie nach Bartolome:

  • Restituierende Verfahren zur Wiederherstellung der normalen Funktionen
    • Therapeutische Übungen zum Training von Beweglichkeit bzw. Kraft von Lippen, Kehlkopf, Kiefer bzw. Kaumuskulatur, Wange und Zunge
    • Übungen zur Stärkung der Hustenkraft
    • Übungen zur Verstärkung der Verschlusskraft des Larynx beim Schlucken. In der Schlucktherapie lernen die Betroffenen ihre Körper- und Kopfhaltung zu verändern. Wird der Kopf beim Schlucken z.B. nach vorne geneigt, kann das Risiko, die Nahrung einzuatmen, deutlich gesenkt werden. Spezielle Schluckschutztechniken vermindern das Risiko, dass der Patient Nahrung und Flüssigkeiten einatmet.
  • Kompensatorische Verfahren / Ersatzstrategien mit dem Ziel das Schlucken zu erleichtern und Aspiration zu vermindern bzw. zu vermeiden
    • Haltungsänderungen von Körper und Kopf
    • Erlernen alternativer Schlucktechniken
  •  Adaptierende Verfahren, d. h. Maßnahmen zur Anpassung der Umweltfaktoren an die Schluckstörung
    • Individuelle Koststufen (Nahrung fest, breiig oder flüssig)
    • Verwendung von Verdickungsmitteln
    • Einsatz von Ess- und Trinkhilfen (siehe: Hilfsmittel Essen und Trinken)

Während der Behandlung der Schluckstörung finden eine aufmerksame, in der Regel tägliche Verlaufsbeobachtung und regelmäßige Kontrollen zur Überprüfung der Fortschritte oder Veränderungen mittels Endoskopie und/oder Videofluoroskopie statt. Dies gewährleistet, dass die Maßnahmen an die individuelle Situation des Einzelnen stets optimal angepasst werden.

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