Aspekte der Rollstuhlanpassung

Der Rollstuhl ist das wichtigste Hilfsmittel eines Querschnittgelähmten, wenn es um Mobilität und Unabhängigkeit geht. Auswahl und Anpassung müssen mit äußerster Sorgfalt erfolgen, denn ein fehlerhaft angepasster Rollstuhl ist mehr als nur ärgerlich: Eine schlechte Anpassung kann die Mobilität erheblich einschränken und im schlimmsten Fall gesundheitliche Schäden verursachen.

Bild 68627704 copyright Brian Mueller, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Bei akuten Querschnittlähmungen wird die Rollstuhlanpassung während der Rehabilitationsphase in der Klinik von dem dortigen Physio- und Ergotherapeutenteam, eventuell in Zusammenarbeit mit einem Sanitätshaus, vorgenommen. Nach Anlieferung vom Hersteller werden die variablen Einstellungen optimiert und angepasst.

Wenn die Lähmung allerdings schleichend eintritt, z. B. bei Multiple Sklerose (siehe: Multiple Sklerose und Querschnittlähmung), hat der Betroffene oft keinen Zugang zu den Expertenteams in Querschnittzentren. Umso wichtiger ist es hier, das passende Sanitätshaus mit auf Rollstuhlanpassung und Rollstuhlwartung geschultem Fachpersonal selbst zu finden. Ein erfahrener Rollstuhlfahrer aus dem Bekanntenkreis kann hier den entscheidenden Tipp geben. Wenn niemand zur Verfügung steht, der einen entsprechenden Hinweis geben kann, und die Recherche in Branchenbüchern und Internet keine eindeutigen Ergebnisse liefert, kann eine Anfrage bei verschiedenen Rollstuhlherstellern hilfreich sein. Die Hersteller wissen, an welche Sanitätshäuser sie in welcher Region die meisten Rollstühle versenden und wo entsprechende Wartungen vorgenommen werden. Bei diesen Häusern kann man mit Recht eine gewisse Erfahrung in der Anpassung vermuten.

Komponenten

Die Läsionshöhe ist entscheidend für die gewünschten Eigenschaften des Rollstuhls. Je höher das Lähmungsniveau ist, umso höher muss z. B. die Rückenlehne ausfallen. Auch die Sitzneigung hängt davon ab. Ein niedriges Lähmungsniveau bedeutet im Allgemeinen, dass die Oberkörpermuskulatur den Betroffenen im Rollstuhl hält. Wenn diese Muskeln, aufgrund ihres Ausfalls, nicht die nötige Stabilität geben können, muss die Neigung der Sitzfläche stärker nach hinten gerichtet ausfallen, um Stürzen vorzubeugen.

Die wichtigsten Bereiche, die bereits bei der Herstellung des Rollstuhls angepasst werden, sind Sitzbreite, Sitztiefe, Rückenhöhe und Abstand zwischen Sitz und Fußbrett.

  • Die Sitzbreite muss der Beckenbreite angepasst sein. Im Sitzen misst man das Becken an der breitesten Stelle. Wenn die Sitzbreite zu eng ist, besteht die Gefahr von Verletzungen oder Druckstellen. Wenn sie allerdings zu weit ausfällt, hat der Körper keinen festen Halt im Rollstuhl. Außerdem muss beachtet werden, dass der Körperumfang einer Wandlung unterworfen sein kann. In der Anfangsphase wird der neubetroffene Querschnittgelähmte – vor allem wenn er sportlich aktiv ist – im Hüft-Beinbereich sehr schnell an Umfang verlieren. Umgekehrt ist in Abhängigkeit von den individuellen Lebensumständen natürlich auch eine Gewichtszunahme möglich; bei Frauen etwa während der Schwangerschaft. Die Sitzbreite beeinflusst zudem die Breite der Rückenlehne. Wenn sie zu breit gewählt ist, bietet sie dem Rücken keine ausreichende Stabilität. Dieses Problem liegt oft bei Frauen vor, die generell ein breiteres Becken aber einen schmaleren Rücken- und Schulterbereich haben. Bei der Entscheidung für einen Rollstuhl sollte ein Hersteller gewählt werden, dessen Modelle auch diesen Aspekt berücksichtigen.
  • Die Sitztiefe richtet sich nach der Länge der Oberschenkel. Beim aufrechten Sitzen sollte die Kniekehle 2-3 cm Abstand zur Vorderkante des Sitzes haben. Wenn die Sitztiefe zu kurz gewählt ist, liegen die Oberschenkel nicht ausreichend auf dem Sitz auf und der Druck kann sich nicht optimal verteilen. Ist sie hingegen zu lang gewählt, stehen die Kniekehlen schnell an der Sitzvorderkante an. Dies birgt nicht nur die Gefahr von Druckstellen, sondern verringert auch die Rumpfstabilität, da ein Nach-Hinten-Rutschen verhindert wird. Becken und Rückenlehne haben keinen oder ungenügenden Kontakt, was es für Fahrer erschwert so aufrecht wie möglich im Rollstuhl zu sitzen. Eine gerade Sitzhaltung ist aber alleine schon wegen der Atmung und der Druckentlastung der Organe des Bauchraums notwendig. Zudem können Haltungsschäden entstehen, die, wenn sie über Jahre hinweg vorkommen, schwer zu korrigieren sind.
  • Bei der Bestimmung des Abstands zwischen Sitz und Fußbrett misst man die Länge zwischen Fußsohle (inkl. Schuh) und Kniekehle.
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  • Die Rückenhöhe hängt grundsätzlich von der Lähmungshöhe ab. Ihre Anpassung fällt sehr individuell aus, denn eine (in Relation zur Lähmungshöhe) niedrige Rückenlehne hat einen Trainingseffekt, den manche Betroffenen wünschen, andere jedoch nicht.

Hersteller- und modellabhängig veränderbare Variablen, d. h. Komponenten, die jederzeit an z. B. die Tagesform des Rollstuhlfahrers angepasst werden können sind Sitzhöhe, Sitzneigung und Armlehnen.

  • Die Sitzhöhe, d. h. Abstand zwischen Sitz und Boden, kann durch das Versetzen der Antriebsräder verändert werden. Die Sitzhöhe darf nicht zu tief gewählt werden, da sonst Schultern, Rücken und Ellbogen überlastet werden. Andererseits muss, wenn nicht ein E-Rollstuhl verwendet wird, die Sitzhöhe bei Tetraplegikern tiefer ausfallen als bei Paraplegikern, um den Zugriff auf die Antriebsreifen zu gewährleisten. Eine Überlastung der oberen Extremitäten wird meistens durch den von Tetraplegikern oft verwendeten Zusatznabenantrieb vermieden.
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  • Die Sitzneigung, d. h. der Höhenunterschied zwischen Vorder- und Hinterkante des Sitzes, ist individuell an die Rumpfstabilität anpassbar. Je ausgeprägter die Neigung nach hintern ist, umso mehr wird das Becken passiv nach hinten gekippt. Auf diese Weise wird die Sitzstabilität erreicht, die dem nach vorne Überkippen des Oberkörpers vorbeugt.
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  • Die seitlichen Armlehnen sind höhenverstellbar und dürfen nicht zu hoch ausfallen, da dies die Schultern in eine ungünstige Position zwingen und den Zugriff auf die Antriebsräder erschweren würde.
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  • Ein weiteres Merkmal, das – hersteller- und modellabhängig – variiert werden kann, ist die Einstellung des Kipppunktes. Optimaler Weise bilden die Wirbelsäule, das Steißbein und die Rollstuhlachse eine gerade Linie, wodurch das Gewicht auf der Achse lastet und am besten verteilt werden kann. Die aktive Einstellung des Kipppunktes birgt die Gefahr, dass der Rollstuhl recht leicht nach hinten kippt. Wenn der Nutzer nicht in der Lage ist (oder denkt dass er es nicht ist) einen Rollstuhl zu balancieren, (d.h. mit dem Oberkörper das Kippen nach hintern ausgleichen) ist eine passivere Einstellung angezeigt. Alternativ ist die Verwendung eines Kippschutzes möglich. Frischverletzte etwa, die noch nicht sicher mit dem Rollstuhl umgehen, beginnen meist mit einer passiven Einstellung. Mit einem – je nach Lähmungshöhe und Rumpfstabilität – mehr oder minder großen Trainingsaufwand, wird das Balancieren des Rollstuhls schnell erlernt und eine Anpassung der Achse an die neuen Fähigkeiten kann vorgenommen werden.

Auswirkungen einer fehlerhaften Rollstuhlanpassung

Körperliche Auswirkungen

  • Haltungsschäden (Verkrümmung nach vorne und/oder zur Seite)
  • Verlust der Körperstabilität
  • Überlastung von Hals, Schulter-, Hand-, Ellbogengelenken
  • Verkürzung von Bauch- bzw. Brustmuskulatur aufgrund schlechter Haltung
  • Abbau der noch aktiven Muskulatur aufgrund fehlendes Trainings
  • Verletzungsgefahr
  •  Dekubitusgefahr
  • Schmerzen

Auswirkungen auf die Mobilität

  • Schlechte Rolleigenschaften des Rollstuhls
  • Verringerte Wendigkeit des Rollstuhls
  • Eingeschränkte Bewegungsfreiheit des Oberkörpers
  • Verringerte Reichweite und Möglichkeiten bei der Rollstuhlhandhabung

Ein Rollstuhl ist falsch angepasst, wenn….

Einen schlecht angepassten Rollstuhl zu erkennen, ist für den Betroffenen selbst recht schwierig. Schließlich nutzt er den Rollstuhl täglich und ist an seine Beschaffenheit und Fahreigenschaften gewöhnt. Es gibt jedoch einige Warnsignale, die auf eine ungenügende Anpassung hinweisen:

  • Schmerzen
    Überlastung und Schmerzen im Schulter- und Nackenbereich und teilweise auch Handgelenk oder Ellbogen, können ein deutliches Zeichen dafür sein, dass etwas nicht ganz stimmt.
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  • Druckstellen
    Wenn Druckstellen in den Kniekehlen und an der Rumpfaußenseite auftreten, werden diese vermutlich vom Rollstuhl verursacht.
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  • Zu wenig Mobilität
    Wenn andere Rollstuhlfahrer mit ähnlicher Lähmungshöhe in ihrem Rollstuhl wendiger und mobiler sind und Manöver schaffen, die man selbst nicht ausführen kann, liegt dies möglicherweise nicht an dem eigenen Voraussetzungen, sondern an der eingeschränkten Handhabungsmöglichkeit, die eine schlechte Anpassung verursacht.
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  • Zu viel Entspannung
    Wenn man sich im Rollstuhl so gar nicht anstrengen muss, wenn man sich zurücklehnen kann und kein einziger Muskel zum aufrechten Sitzen aktiviert werden muss, dann… ist er vermutlich falsch eingestellt. Niedrig gelähmte Rollstuhlfahrer haben oft eine zu hohe Rückenlehne. Diese Liegestuhlmentalität ist zwar bequem, doch in jeder anderen Hinsicht wenig hilfreich. Am sinnvollsten ist es – falls die Lähmungshöhe dies zulässt – die Rückenhöhe etwas niedriger zu wählen als bei der gegebenen Lähmungshöhe vorgeschlagen, da dies für ein Training der verbliebenen Muskeln an Rücken, Bauch oder ggf. der Brust darstellt. Die Muskulatur, die noch vorhanden ist, muss trainiert werden, damit sie nicht abbaut und verschwindet.
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    „Generell soll man die Muskulatur nutzen, die man hat“, sagt Tobias Knecht (†), selbst Betroffener und Mitarbeiter im Reha-Fachhandel. „Eine hohe Rückenlehne und ein passiver Kipppunkt nehmen dem Körper Arbeit ab. Es kommt häufig vor, dass Rückenlehnen zu hoch gewählt werden. Bei Frischverletzten muss das kein Fehler sein, aber nach einer gewissen Zeit kann sich lähmungs- und aktivitätsabhängig Muskulatur wieder aufbauen. Dann sollte eine Anpassung der Rückenlehne stattfinden.“ Wenn sich ein Rollstuhlfahrer nach Jahren des Fahrens mit einer zu hohen Rückenlehne dazu entscheidet aus oben genannten Gründen, die Höhe der Rückenlehne verringern zu lassen, werden die unterbeanspruchten Muskeln zunächst wenig belastbar sein. Mit gezielten Stabilitätsübungen können diese aber trainiert werden und ein Fahren mit niedrigerer Rückenlehne sollte bald möglich sein.

Starrrahmen- oder Faltrollstuhl

Es gibt eine Vielzahl an Rollstuhltypen, die in Rollstuhltypen von A-Z dargestellt werden. Sie dienen verschiedenen Zwecken und haben verschiedene Einsatzmöglichkeiten. Für den alltäglichen Gebrauch wählt man das Modell, das am ehesten zu den eigenen Lebensgewohnheiten und Möglichkeiten passt. Dabei stellt sich zunächst die Frage: Starrrahmen- oder Faltrollstuhl?

  • Faltrollstühle sind einfach zusammenzulegen, im Auto zu transportieren und vor Ort schnell wieder ausfaltbar. Bei moderater sportlicher Aktivität, etwa bei Rollstuhlsport einmal in der Woche oder einer täglichen Einkaufstour, ist ihre Stabilität vollkommen ausreichend.
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  • Starrrahmenrollstühle sind sperriger aber auch stabiler als Faltrollstühle. Sie sind bis zu einem gewissen Grad zum Transport im Fahrzeug geeignet, da man Räder und Rückenlehne abnehmen kann. Für Sportbegeisterte oder sehr aktive Rollstuhlfahrer bietet das Starrrahmenmodell mehr Stabilität und ist insgesamt belastbarer als der faltbare Rollstuhl.

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