Forscher arbeiten an Wiederherstellung der Blasenfunktion

Die Blasenfunktion, die bei Rückenmarksverletzungen fast immer in Mitleidenschaft gezogen ist, konnte in Tierversuchen wiederhergestellt werden. In einem Experiment kombinierten Forscher der Case Western Reserve University in Cleveland, USA, verschiedene Behandlungsmethoden, mit denen das Wachstum von Nervenfasern über die Läsionsstelle hinaus gefördert wird. Die Nervenfasern, die dabei erfolgreich waren, waren diejenigen, die für die Blasenkontrolle verantwortlich sind.

Bild 41100079 copyright Sebastian Kaulitzki, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Die Rolle, die das Rückenmark bei der Blasenfunktion spielt, ist entscheidend, da es den Informationsaustausch zwischen Blase und Gehirn ermöglicht. Nach einer Rückenmarksverletzung kann dieser Austausch nicht mehr stattfinden, weil die Verbindung der Axone, d. h. die Nervenfasern, die die Informationen von Neuron zu Neuron übertragen, vom Hirnstamm durchtrennt sind. Miktionszentrum und Blase können nicht mehr interagieren und Funktionsstörungen treten auf. (Vgl. Blasenfunktion bei Querschnittlähmung)

Der Enzym-Mix

Das Forscherteam um Studienleiter Jerry Silver und Yu-Shang Lee verwendete bei einer Nerventransplantation einen Wirkstoff-Mix, der zwei entscheidende Komponenten enthält: Zum einen das Enzym Chondroitinase, das die Entstehung von Narbengewebe an den Bruchstellen verhindert, und zum anderen einen Fibroblastenwachstumsförderer, der das Wachstum von Nervenfasern anregt. Die so behandelten Versuchstiere blieben zwar gelähmt, doch erhielten sie die fast vollständige Kontrolle über die Blasenfunktion zurück.

Bisher waren Versuche, Nervenstücke aus anderen Körperregionen in das verletzte Rückenmark zu implantieren und so dessen Funktionen wiederherzustellen, gescheitert. Unter anderem liegt dies daran, dass die Nervenzellen des Transplantats keine langen Ausläufer ins Rückenmark bilden können. Verhindert wird dies durch die entzündungshemmenden Substanzen, die an der Bruchstelle ausgeschüttet werden, die gleichzeitig dafür sorgen, dass Narbengewebe aufgebaut wird.

Das Experiment

Bild 100891234 Urheberrecht Ewa Studio, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.comBei dieser Problemstellung setzt die Studie der US-Forscher an: Sie führten bei Ratten ein komplette Querschnittlähmung im Brustwirbelbereich (Th 8) herbei, indem sie das Rückenmark vollständig durchtrennten. Dann entnahmen sie den Tieren ein Stück aus einem Rippennerv und transplantierten diesen in die Läsionsstelle im Rückenmark. Um zu verhindern, dass es wie üblich bei einer Transplantation ins Rückenmark zu Narbenbildung kommt, und um das Wachstum der Nervenzellen zu fördern, versahen sie die Nervenenden mit einer Mixtur aus dem Enzym Chondroitinase und einem stimulierenden Wachstumsfaktor. Einer Kontrollgruppe wurde nur eine Komponente dieses Cocktails bzw. lediglich Kochsalzlösung gespritzt.

„Nach drei Monaten konnten die Tiere, die das Kombinationspräparat erhalten hatten, zwar nicht wieder laufen, aber sie erhielten allmählich eine bemerkenswerte Kontrolle über die Urinausscheidung zurück“, sagt Lee.“ Nach sechs Monaten hatte sich die Blasenfunktion fast vollständig normalisiert.“

Besonders spektakulär sei laut Silver, dass unter den neu geschaffenen Bedingungen eine Teilmenge von Neuronen, die hauptsächlich im Hirnstamm vorkommen und denen eine wichtige Rolle bei der Blasenfunktion zukommt, nach und nach sehr lange Axone bis weit ins Rückenmark hinein ausbildeten. „Obwohl die autonome Kontrolle der Blase sehr komplex ist und die Regeneration bei den Versuchstieren mehrere Monate dauerte, war schnell klar, dass diese Körperfunktion wiederhergestellt werden kann. Selbst dann, wenn es nur eine relativ kleine Anzahl an Nervenfasern in das Rückenmark unterhalb der Bruchstelle schafft.”

Diese Ergebnisse lieferten Grund zu Hoffnung, dass diese neue Methode der Nervengewebstransplantation eine erfolgreiche regenerative Behandlung bei Rückenmarksverletzung darstellen könnten. Auf lange Sicht könnte sie dazu dienen, zunächst die Blasenfunktion und langfristig alle Körperfunktionen von Querschnittgelähmten wiederherzustellen.

Aussichten unklar

Inwieweit sich diese Methode auf den Menschen übertragen lässt ist unklar. „Die Herausforderung ist es nun, die Technik so zu optimieren und das Wachstumspotential dieser speziellen Neuronen so zu erweitern, dass eine umfassende und schnellere Regeneration möglich ist“, sagt Lee. „Das Endziel ist eine Therapie, die nicht nur bei akuten Rückenmarksverletzungen angewendet werden sondern auch Langzeitbetroffenen helfen kann.“

Fragen & Kommentare

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  1. Sylvia Thone 18.07.2017, 12:01 Uhr

    Soetwas ähnliches gab es schon mal, da wurden Erflolge durch Verpflanzung der Nerven des Sonnengeflecht in das Rückenmarkt gemacht, nicht bei Tieren sondern schon bei Menschen. Leider ging es bei mir nicht, denn das Rückenmark muss vollständig frei sein, eine Versteifung, wenn sie nicht richtig ausgeführt wurde, kann diese Op dann verweigert werden.
    Aber wirklich durchschlagend war es wohl nicht, denn man hört heute nichts mehr davon.

  2. Robert Klemps 09.03.2015, 12:50 Uhr

    Was soll man dazu sagen?

    Ausgerechnet ein ins RM eingesetztes „Rippennerv“-Stückchen schafft es, die Läsionsstelle zu überbrücken und zum Erfolgsorgan, der Blase, zu wachsen und diese sogar wieder zu kontrollieren.
    Bleibt die Frage, warum nicht auch andere z.B. motorische Neuronen davon profitieren konnten, zumal die Ratten ja gelähmt blieben.
    Und ob sensorische Nerven mit dieser Methode repariert wurden, kann die Versuchsratte leider nicht mitteilen; jedenfalls ist hierzu nichts veröffentlicht worden.

    Mein Apell an die Wissenschaftler:
    Leute macht weiter, Tag und Nacht, und schafft endlich Gewißheiten, Methoden und Therapien die geeignet sind, QL-Patienten nicht erst in Jahrzehnten, sondern in den nächsten Jahre zu heilen.