Lagerungstechniken bei Querschnittlähmung

Im Normalzustand signalisiert uns unser Berührungs- und Druckempfinden, wenn wir zu lange auf einer Stelle gelegen oder gesessen haben, und wir ändern die Position – sogar im Schlaf. Bei Tetraplegikern, die sich nicht selbst drehen können, muss diese Schutzfunktion des Körpers eine Pflegeperson übernehmen.

Bild 97049381 Copyright Andrey_Kuzmin, 2013. Mit Genehmigung von Shutterstock.com

In der Akutphase nach einer Verletzung geschieht die Lagerung überwiegend passiv und etwa alle 2 bis 3 Stunden. Später erarbeiten Pflegende, Therapeuten und Patient das selbstständige Lagern. Die Lagerung erfüllt vornehmlich drei Funktionen:

  • Prophylaxe: Dekubitus-, Kontraktur- und Thromboseprophylaxe, Ruhigstellung des Frakturbereichs (siehe auch: Prävention von Dekubitus)
  • Therapie: Lagerung zur Unterstützung der Atmung, zur Tonusregulation und Reduzierung einer Spastik, Aufrechterhaltung der Gelenkbeweglichkeit, Förderung der Körperwahrnehmung
  • Komfort: Bei jeder Lagerung sollte auf eine bequeme und entspannte Position geachtet werden, besonders für Ruhe und Schlafstellungen

So viel wie nötig, so wenig wie möglich

Im Sinne eines für den Patienten schonenden und für die Pflegenden ökonomischen Ablaufs sollte die Lagerung so viel wie nötig, so wenig wie möglich geschehen. Spezielle Matratzen, Betten und Lagerungsmaterialien erleichtern das reibungslose Positionieren. Zu jeder Zeit sollten Patienten den „Schwesternruf“ griffbereit haben.

Im Folgenden werden standardisierte Lagerungen im Bett beschrieben, die in der Versorgung von Menschen mit Querschnittlähmung in der immobilen Phasen Anwendung finden. Andere Techniken, wie etwa die Mikrolagerung, bei der mit kleinsten Schwerpunktverlagerungen insbesondere bei Schmerzpatienten gearbeitet wird, können außerdem zum Einsatz kommen, stehen aber nicht im Vordergrund.

Rückenlage:

  • Fersen frei lagern
  • Die Füße gegen die Fußsohlen mit einem Kissen abstützen, um das Sprunggelenk zu schonen und eine Spitzfußstellung zu vermeiden
  • In Mittelstellung von Wirbelsäule und Extremität positionieren
  • Die besondere Lagerung bei Tetraplegie umfasst auch die Positionierung der Arme und die Berücksichtigung der Funktionshandstellung (siehe auch: Ausbildung einer Funktionshand)

 

30°-Seitenlagerung:

  • Kopf in der physiologischen Halswirbelsäulenstellung gut unterlagern
  • Ein Rückenkissen stützt die Region vom oberen Thoraxbereich bis zur Analfalte
  • Ein Kissen zwischen den Beinen verhindert eine Adduktion, Fersen und Knöchel lagern frei. Ggf. braucht der oben liegende Arm eine Kissenlagerung, um die physiologische Gelenkstellung der Schulter zu unterstützen
  • Funktionshandstellung beachten

90°-Seitenlagerung:

  • Halswirbelsäule achsengerecht stützen
  • Oben liegendes Bein angewinkelt (Hüft- und Kniegelenk auf einer Höhe) und achsengerecht durch Kissen stützen
  • Unteres Bein mit leichter Kniebeugung lagern

Diese Position belastet vor allem die Schulter, die zur Entlastung leicht nach vorn gebracht werden kann, und Vorsprünge des Oberschenkelknochens.

135°-Lagerung:

Die halb auf dem Bauch gelagerte Position bietet einen besonderen Vorteil bei bereits vorhandenen Druckgeschwüren im Bereich des Steißbeins.

  • Hüfte und Oberschenkel durch ein Kissen unterlagern
  • Eine Hälfte des Oberkörpers auf einem 2. Kissen lagern

Bauchlagerung:

Der Wechsel von der Rücken- in die Bauchlage kann Atemphysiologie, Lungenmechanik und Gesäßhaut entlasten und streckt die Wirbelsäule. Sie kann für einige Patienten mit Streckdefiziten im Knie- und Beckenbereich unangenehm sein und muss mit Kissen unterstützt werden bzw. anfangs auf einige Minuten begrenzt sein.

  • Unterlagerung von Oberkörper, Ober- sowie Unterschenkeln, sodass die Zehen nicht aufliegen
  • Kein Kopfkissen bzw. nur ein sehr flaches

Lagerungstechniken bei Atemproblematik:

  • VATI-Lagerung: Kleine Kissen dehnen verschiedene Bereiche der Lunge, je nachdem in welcher Form sie unter den Brustkorb gelegt werden (V-, A-, T- oder I-Form).
  • Halbmondlagerung: Durch die halbmondförmige Positionierung wird der Körper überdehnt, sodass sich auch die schlechter belüftete Lungenseite auseinanderdehnt.

Lagerungssysteme

kleinshutterstock_72738217 John KasawaDer Wechsel von einer in eine andere Lagerung bewirkt, dass der Druck von bestimmten Körperstellen genommen und auf andere verlagert wird. So wirkt Druck nur für begrenzte Zeit ein. Eine andere Möglichkeit der Prophylaxe von Dekubitus ist die Verteilung von Druck auf eine größere Auflagefläche bzw. beide Strategien in Kombination (siehe auch: Dekubitus: Lagerung und Lagerungshilfsmittel).

Welches System geeignet und jeweils umsetzbar ist, hängt von verschiedensten Kriterien ab. Bei querschnittgelähmten Patienten können dies sein:

  • Mobilitätsgrad/Phase der Rehabilitation
  • Mentaler Zustand
  • Dekubitusrisiko
    Bei Vorhandensein eines Dekubitus: Stadium/Dekubitusgrad; Wundheilungsphase
  • Umgebung/Form der Pflege

Im Einklang mit den Bedürfnissen eines Betroffenen sind Pflegende in der Verantwortung zu überprüfen, ob das gewählte Hilfsmittel und Lagerungssystem therapeutisch und prophylaktisch sinnvoll ist und so viel Komfort wie möglich erfüllt.

Lagewechsel

Der Wechsel von der einen in eine andere Position kann von Patienten mit der Zeit zunehmend aktiv unterstützt werden. Dazu gehört, dass Pflegende erklären, warum der Wechsel nötig ist, auf welche Weise er geschehen kann und welche Vorteile die veränderte Lage gegenüber der vorigen hat. Die jeweiligen Vorzüge und Nachteile der verschiedenen Positionen sollten auf beiden Seiten bekannt sein und der Abbau von Hilfestellung ein Ziel sein, dass Pflegende und Patienten gemeinsam im Auge haben. Es gibt allerdings Standards, die fast nur von den Pflegenden beachtet werden können, weil sie das Wissen um physiologische Gegebenheiten mitbringen. Dazu zählen:

  • Bewegungsgrenzen/endgradiger Bereich: Zu Beginn sollten keine Bewegungen bis zur Bewegungsgrenze ausgeführt werden, weil der Patient keine Schmerzen empfinden und signalisieren kann und einen schlaffen Muskeltonus hat. Keine schnellen oder ruckartigen Bewegungen machen (Gefahr von Mikrotraumen).
  • Muskulär nicht gesicherte Gelenke: Gefahr von Luxationen, im Schultergelenk auch die einer Kapsel-Apparat-Verletzung (Grave 2012).
  • Physiologische Bewegungsübergänge: Dabei kann etwa das Drehen von der Rückenlage in die Bauchlage durch den abgestreckten oder angehobenen Arm erleichtert werden.

Körperwahrnehmung

Der Lagewechsel im Bett bietet auch sehr weich gelagerten Patienten die Möglichkeit, Körperwahrnehmungen zu optimieren, wenn Pflegende dies entsprechend unterstützen. Er erfordert von Liegenden umso mehr Kraft, je weicher die Unterlage ist. Zur Dekubitusprophylaxe hingegen kann ein Material kaum weich genug sein. Um diesem Dilemma zu begegnen, empfiehlt der Fachkrankenpfleger Uwe Wagner den Einsatz einer Gleithilfe: „Bei allen Patienten, die nicht mehr in der Lage sind, ihr Becken zu heben, um es z. B. seitlich zu bewegen, erleichtert der Einsatz einer Gleithilfe die Bewegungsunterstützung signifikant“ (Wagner, 2012). Der Gebrauch einer Antidekubitusmatratze sei immer für den Einzelfall zu prüfen. Körperwahrnehmung und Mobilität werden durch allzu weiches Material erschwert, sind aber wichtige Ziele der Pflege. Gerade bei neu von einer Querschnittlähmung Betroffenen hat man beobachtet, dass es lange dauern kann, bis der Verlust der Sensibilität und die entsprechenden Regionen in das eigene Körperbild integriert werden können: „Der gelähmte, gefühllos gewordene Teil des Körpers wird nicht mehr als dazugehörig empfunden und manchmal total vernachlässigt“ (Grave, 2012).

SH-89369110-Alila-Medical-Images-gross

Die Ausführung von pflegenden Tätigkeiten wie dem Umlagern kann also indirekt Einfluss auf die psychische Entwicklung nehmen, auch wenn sie in erster Linie dem physischen Wohlergehen dient. Die Förderung der Körperwahrnehmung und Mobilität unterstützen Pflegende, wenn sie:

  • Patienten in alle Aktivitäten sobald wie möglich einbeziehen, d. h. zunächst indem sie Abläufe und Hintergründe erklären, später durch die Erarbeitung des selbstständigen Lagerns.
  • das Berühren von nicht spürbaren Körperregionen anregen, z. B. das Waschen und die Hautpflege der Beine und ggf. der Füße. Auch das Durchbewegen kann nach und nach an den Patienten übergehen, wenn seine Ressourcen ausreichen.
  • Trickbewegungen vermitteln, die fehlende Muskelkraft kompensieren, z. B. durch Schwung, Gewichtsverlagerung oder Blockaden etwa des Ellenbogens.

Lagewechsel zum Transfer in den Rollstuhl

Je höher das Läsionsniveau, umso schwerer fällt die Bewegung. Der Lagewechsel kann gerade am Anfang sehr erschöpfend sein. Liegt der Betroffene im Bett auf dem Rücken und will sich zum Transfer aufsetzen (Langsitz), könnte er folgendes Bewegungsmuster anwenden:

  • Er beginnt in Rückenlage, mit Schwung den Oberkörper sehr weit nach vorn Richtung Bauchlage zu drehen und nutzt dazu die Kraft des oben liegenden Arms, der ebenfalls Schwung bekommt.
  • Der unten liegende Arm muss danach in die Ellenbogenstütz gelangen und dazu weit genug abgestreckt sein, der oben liegende Arm hilft beim Hochkommen
  • Vom Ellenbogenstütz muss der Patient nun in den Handstütz und damit in den Langsitz kommen. Unterstützende Bewegungen durch Pflegende oder Therapeuten sollten lediglich in die richtige Richtung lenken, nicht aber den Arm bieten, damit sich ein Patient daran in eine Position zieht.

Kinaesthetics

In der Literatur kommt dem Konzept Kinaesthetics eine zentrale Bedeutung in der Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung zu. Klassische Hebe- und Trageaktivitäten, die früher oft durch zwei Personen durchgeführt wurden, werden mithilfe kinaesthetischer Gesichtspunkte zum Teil auf den Patienten verlagert, indem seine Fähigkeiten aktiv integriert werden. Das ist ökonomischer für Pflegende, aber auch, wie oben beschrieben, wesentlich für Betroffene. Sie lernen, ihr eigenes Körpergewicht zu tragen, Reibungs- und Scherkräfte zu minimieren und das Risiko von Verletzungen so weit wie möglich zu begrenzen:

  • klein 113334061Copyright Lisa S, 2013. Mit Genehmigung von Shutterstock.comKissen oder andere Polster können so positioniert werden, dass sie Reibung und Scherkräfte reduzieren.
  • Die Kraft der oberen Extremitäten trägt das Körpergewicht in Transfersituationen und bei Positionswechseln.
  • Pflegende (später ggf. auch Angehörige bzw. Assistenzkräfte) bieten Unterstützung vorwiegend durch Zug- und Druckimpulse und entlasten sich damit selbst.
  • Hilfsmittel wie Gleithilfen ersetzen menschliche Bewegungsunterstützung und machen unabhängiger.

 

Auch in der Lagerung hilft das Wissen um den Einfluss unterschiedlicher Positionen auf Atmen, Essen, Trinken, Verdauung, Prophylaxe und mehr bei der passenden Versorgung. Dabei unterliegen Grundannahmen letztlich der individuellen Erfahrung in der Praxis. „Es gibt keine ‚gute‘ oder ‚schlechte‘ Position“, schreibt Uwe Wagner und betrachtet das Kinaesthetics-Konzept als Handwerkszeug zur Analyse von individuellen Positionen und deren Auswirkungen auf Wahrnehmung und Bewegung (Wagner, 2012): „Die Analyse einer individuellen Position schließt schematische/dogmatische Lagerungen aus.“

 

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.