Heterotope Ossifikation bei Querschnittlähmung

Die heterotope Ossifikation ist ein Verknöcherungsprozess von Weichteilen und Gelenken. Sie ist eine häufig – etwa in 20 bis 30% der Fälle auftretende (Zäch/Koch, 2006) – Komplikation bei Rückenmarksverletzungen, kommt aber auch bei anderen traumatisch neurologischen Krankheitsbildern wie z. B. Schädel-Hirn-Traumen vor. Wenn sie frühzeitig erkannt wird, kann ihr Voranschreiten aufgehalten werden; anderenfalls stehen operative Maßnahmen zur Entfernung des verknöcherten Gewebes zur Verfügung.

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Typischerweise tritt die heterotope Ossifikation, auch Paraosteoarthropathie (POA) oder paraartikuläre Ossifikation (PAO) genannt, ein bis fünf Monate nach der Rückenmarksverletzung auf; am häufigsten in den Weichteilen und Gelenken um die Hüftknochen (Zäch/Koch, 2006). Auch Schulter-, Knie- und Ellbogengelenke können betroffen sein. Die Versteifung der Gelenke bedeutet für Betroffene eine erhebliche Einschränkung von Mobilität und der Möglichkeit zur Selbstversorgung, und aufgrund einer zunehmend asymmetrischen Sitzposition sind sie möglicherweise mit Sekundärfolgen wie Dekubiti oder Kontrakturen konfrontiert. Wieso es zu einer heterotopen Ossifikation kommt, ist unklar, zu beobachten ist aber, dass bei kompletten Querschnittlähmungen die Gefährdung besonders hoch ist (Grave, 2012).

Diagnose

Die Erkrankung beginnt mit einem lokal ablaufenden entzündlichen Prozess und zeichnet sich durch folgende, wenig charakteristische Symptome aus:

  • Erhöhter, oft spürbarer Widerstand bei der Gelenkbewegung
  • Lokale Schwellungen
  • Rötung und Überwärmung der betroffenen Gelenke
  • Zunehmende Muskelspasmen
  • Lokale Schmerzen

Oft besteht aufgrund dieser Symptomatik zunächst der fälschliche Verdacht auf einen Gelenkinfekt oder auf eine Thrombose.

Im weiteren Verlauf – nach Wochen bis Monaten – kommt es zu

  • Reduzierter Gelenkbeweglichkeit
  • Verknöcherungen von Gelenk und/oder gelenkumschließenden Weichteilen

Um die heterotope Ossifikation im Frühstadium als solche zu erkennen, bedarf es einer Untersuchung mittels Magnetresonanztomogramm (MRT) oder Ultraschall. Diese Methoden machen fokale Veränderungen in den periartikulären Weichteilstrukturen, wie z. B. ödemartige Veränderungen in der Muskulatur, sichtbar. Auf Röntgenbildern sind die Veränderungen erst später zu sehen.

Wenn die Krankheit noch im Anfangsstadium ist, kann eine Behandlung mittels Röntgenbestrahlung erfolgen. Wenn diese Therapie im Frühstadium allerdings ausbleibt, kann die heterotope Ossifikation zu einer erheblichen Verminderung der Gelenkbeweglichkeit bis hin zur vollständigen Versteifung (Ankylose) führen. Betroffene erfahren drastische Einschränkungen der Mobilität und Selbstversorgung und aufgrund einer möglichen zunehmend asymmetrischen Sitzposition können weitere Folgeerkrankungen wie Dekubiti oder Kontrakturen auftreten (Grave, 2012).

Behandlung und Prophylaxe

Mögliche konservative und prophylaktische Behandlungen sind:

  • Bestrahlung mit Röntgenstrahlen
  • Chirurgische Entfernung der Verknöcherungen

Hierbei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass jeder operative Eingriff neue Verknöcherungsprozesse auslösen kann. Zudem erreicht eine chirurgische Entfernung des betroffenen Gewebes nicht immer das Behandlungsziel, d. h. die objektive Beweglichkeit und/oder das subjektive Schmerzempfinden wird nicht immer verbessert.

Wann ein chirurgischer Eingriff am besten vorgenommen wird, ist umstritten. Einerseits gibt es Hinweise auf ein deutlich erhöhtes Rückfallrisiko, wenn die Ossifikation zum Zeitpunkt der Entfernung noch nicht abgeschlossen ist, andererseits scheinen die funktionellen Ergebnisse besonders am Ellenbogen- und Schultergelenk besser, wenn frühzeitig operiert wird.

Bei der medikamentösen Prophylaxe der heterotopen Ossifikation stehen

  • Nicht-steroidale Antiphlogistika wie Indometacin und
  • Hochdosierte nicht-steroidale Antirheumatika wie Ibuprofen oder Diclofenac

zur Verfügung. Sie können zum verringerten Auftreten von Verknöcherungsprozessen beitragen, wenn sie über mehrere Wochen nach Eintritt der traumatischen Querschnittlähmung verabreicht werden.

 

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