Ausbildung einer Funktionshand

Von einer Funktionshand spricht man, wenn die Hand bei Tetraplegie durch gezielte Lagerungstechniken, Muskeltraining und mit Hilfe von Schienen und Bändern wichtige Funktionen wiedererlangt – ein enormer Gewinn für die Selbstständigkeit.

Funktionshand 12 Copyright Manfred-Sauer-Stiftung

Die Ausbildung von Funktionshänden ist ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung bei Tetraplegie und setzt bereits in der Frühphase ein. Nach der Verletzung im Halswirbelbereich ist die Hand- und Fingerfunktion willentlich nicht mehr steuerbar. Würden Hand und Finger nicht behandelt, käme es bei Tetraplegikern innerhalb von 3 Monaten zu Verformungen, die im Alltag kaum noch einsetzbar wären – etwas zu greifen, bliebe unmöglich. Die absichtliche Verkürzung von Sehnen und Bändern passiert bei der Ausbildung einer Funktionshand nicht unkontrolliert, sondern wird zielgerichtet durch eine bestimmte Lagerung unterstützt bzw. in anderen Bereichen vermieden.

Da eine Hand später wegen der fehlenden Rumpfstabilität meist zum Aufstützen gebraucht wird, kommt es besonders auf die Funktionalität der anderen Hand an. Die hier beschriebene Vorgehensweise orientiert sich an der Ergotherapie des Schweizer Paraplegiker Zentrums (SPZ) Nottwil, wird aber in ihren Grundzügen in allen Querschnittzentren praktiziert.

Die aktive Funktionshand

Die Beugung bzw. Streckung der menschlichen Finger geschieht im Zusammenspiel mit der Beugung und Streckung des Handgelenks: Wird das Handgelenk aktiv gebeugt, erfolgt eine passive Streckung der Finger und umgekehrt. Diese Verknüpfung, den „Tenodeseneffekt“, nutzt die Ergotherapie bei der Ausbildung einer aktiven Funktionshand: „Aktiv“ bedeutet, dass die Streckfunktion im Handgelenk erhalten ist, aber nicht die der Finger und des Daumens (bei Läsionshöhen C5/C6). Zunächst führen spezielle Lagerungstechniken dazu, dass sich die Daumen- und Fingerflexoren in einer korrekten Haltung verkürzen, nicht aber die Extensoren. Die Beugesehnen der Finger geraten unter Druck, wenn das Handgelenk aktiv gestreckt, also der Handrücken nach oben gezogen wird (Dorsalextension) – die Hand schließt sich zur Faust. Es ist kein fester Faustgriff, der so entsteht, aber er reicht aus, um eine Reihe nützlicher Handgriffe in der Praxis ausführen zu können.

Das funktioniert allerdings nur, solange die Finger- und Daumenflexoren nicht unsachgemäß aufgedehnt werden. „Dies kommt bei fehlender Kenntnis der Funktionshand (z. B. bei einer Rehabilitation in nicht auf Menschen mit Querschnittlähmung spezialisierten Kliniken) und der bei Tetraplegie notwendigen Bewegungsmuster und -bedingungen leider ab und zu noch vor“ (Joss/Wolzt/Horn, 2009). Damit Betroffene oder Angehörige die Ausbildung der Funktionshand nicht versehentlich gefährden, umfasst das Konzept die Instruktion aller Beteiligten.

Lagerung

  • Es dauert etwa 3 bis 4 Monate, bis sich die Beuger von Fingern und Daumen durch die Lagerung in einer dorsalen Schiene (dorsum lat. „Rücken“) so verkürzt haben, dass der Tenodeseneffekt optimal genutzt werden kann.
  • Während die dorsale Schiene nachts und am Tag in aktiven Phasen getragen wird, kommt eine 2. volare Schiene (volar lat. „hohlhandseitig“, identisch mit palmar) in Ruhephasen zum Einsatz, um die Verkürzung der Extensoren zu verhindern.
  • Beim An- und Ausziehen der dorsalen Schiene und sämtlichen pflegerischen Tätigkeiten, wie Waschen, Eincremen oder Abtrocknen, kann die Streckung der Finger immer nur bei gebeugtem Handgelenk geschehen! Gebeugt ist das Handgelenk, wenn die Hand nach unten zeigt (Palmarflexion).
  • Parallel zum Tragen der dorsalen Schiene werden die gebeugten Finger in Funktionshandstellung Richtung Handgelenksinnenseite mit Klebeband fixiert. Das Band soll straff, aber nie über die Gelenke geklebt werden, damit keine Druckstellen entstehen.
  • Liegt der Daumen nicht spontan an, wird er an den Zeigefinger anliegend geklebt und darf nicht unkontrolliert bewegt werden.
  • Während der Ausbildung der Funktionshand überprüft der Therapeut die Handfunktion täglich auf sensible Veränderungen, Reinnervationen, Schwellungen, Durchblutung und Kontrakturen. Er mobilisiert die Hand nach dem vorgegeben Schema und untersucht den Kraftwert des Musculus extensor carpi radialis longus, der die Hand im Handgelenk streckt.
  • Hat der Handstrecker die nötige Kraft erreicht, wird dazu übergegangen, die dorsale Schiene nur noch nachts zu tragen, während am Tag eine Schlaufe aus Klebestreifen dafür sorgt, dass die Finger gebeugt bleiben, wenn sich das Handgelenk streckt.
  • Je nach Verlauf ersetzt die geklebte Schlaufe später auch das Tragen einer Schiene in der Nacht.
  • Die alternierende Lagerung sollte dem individuellen Verlauf so angepasst werden, dass die gewollten Kontrakturen unter genauer Beobachtung schließlich zur optimalen Funktionsweise der Hand führen. D. h. mal kann die eine Schiene länger, mal die andere intensiver getragen werden, je nach individuellem Ergebnis.

Funktionelle Therapie

Mehrmals täglich mobilisieren Therapeuten die Funktionshand aus der Schiene heraus und der Patient trainiert ihren Einsatz für die Aktivitäten des alltäglichen Lebens. (Siehe auch: Alltagsorientiertes Training).

Zum Greifen von Papieren, Zahnbürste und Zahnpasta, Gläsern und Besteck und im Laufe der Rehabilitation immer mehr Gegenständen erlernen Betroffene vielfältige Griffe so, dass die verkürzten Flexoren sich nicht wieder aufdehnen. Auch der Daumen darf nicht zu sehr abduziert werden. Durch die gezielte Behandlung eröffnet sich eine Reihe von Greifmöglichkeiten, um grundlegende Aktivitäten wieder selbstständig auszuführen:

05

 

 

 

Palmargriff:

Halten von Papier oder anderen dünnen oder kleinen Gegenständen in der fast geschlossenen Faust

 

06

 

 

 

 

Lateralgriff:

Halten von dünnen Gegenständen zwischen Daumen und Seitenkante des Zeigefingers

 

02

 

 

 

Flechtgriff:

Einflechten von länglichen Gegenständen, z. B. Besteck oder Stift, unter den Mittelgelenken der Finger

 

03

 

 

 

Zylindergriff:

Halten von etwas größeren Gegenstände, wie einem Apfel oder einem Trinkglas in der Faust bei entsprechender Handgelenksstellung

 

09

 

 

 

 

Interdigitalgriff:

Fixieren eines Gegenstands zwischen Zeige- und Mittelfinger

 

Hakengriff: Halten oder Ziehen z. B. des Hosenbunds bei gestrecktem Handgelenk

07Während der Therapie ist darauf zu achten, dass Betroffene keine Gegenstände aufgreifen, die zu einer Überdehnung führen könnten. Individuelle Problemlösestrategien für Büro, Haushalt und andere alltägliche Situationen können manchmal auch im Kontakt mit anderen Betroffenen gefunden werden („Peer Counseling“). Individuelle Lösungen können beispielsweise maßgefertigte Schienen oder Manschetten sein, die von Orthopädiewerkstätten angepasst werden. Ergänzend zur Funktionellen Therapie gehören auch Wärmebehandlungen in Form von Paraffinbädern zur Behandlungsunterstützung, um die Gefäße zu weiten, das Gewebe zu lockern und die anschließende Mobilisation zu erleichtern.

Die passive Funktionshand

Die passive Funktionshand wird ausgebildet, wenn ein Mensch Finger und Handgelenk nicht mehr aktiv bewegen kann, aber die Drehung des Unterarms weiterhin aktiv möglich ist. Das entspricht einem Lähmungsniveau oberhalb von C5. Die Unterarmdrehung bewirkt, dass das Handgelenk wegen der Schwerkraft in eine Streckung kommt, d. h. die Hand zeigt nach unten. Dabei „greift“ auch hier der Tenodeseneffekt; die Finger schließen sich. Man spricht dabei von einer Trickbewegung; das an sich passive Handgelenk kann aber auch durch Schienen in die Streckung gebracht werden. Zur Verstärkung des Tenodeseneffekts wird die passive Funktionshand im Prinzip genauso ausgebildet wie für den aktiven Gebrauch.

Siehe auch:

Handfunktion: Operative Methoden

Wiedererlangung der Handfunktion durch Nervenneuverknüpfungen

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.