Wechsel der Krankenkasse: Unerwünschte Nebenwirkungen

Es ist das gute Recht von Menschen mit Querschnittlähmung, ihre Krankenkasse zu wechseln. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass der Wechsel Folgen haben kann und die alte Krankenkasse zum Beispiel Hilfsmittel zurückfordern kann.

Hilfsmittel – zu denen unter anderem Rollstühle oder Rampen zählen – bleiben immer im Besitz der Krankenkasse. Das sollte im Hinterkopf behalten, wer als gesetzlich Versicherter die Kasse wechseln will. Denn die alte Kasse hat das Recht, nach einer Kündigung ihr Eigentum kurzfristig zurückzufordern. Der Betroffene muss dann bei der neuen Kasse ein ähnliches Hilfsmittel beantragen.

Kasse gewechselt – Rollstuhl-Rampe weg

Der Sozialverband VdK Sachsen berichtet von einem Rollstuhlfahrer, der nach einem Kassenwechsel seine Rampe innerhalb einer Woche zurückgeben musste und resümiert: „Dies ist gesetzlich erlaubt, für den Betroffenen stellt dies jedoch einen enormen Einschnitt in die selbstbestimmte Lebensführung dar.“ (VdK, 2021)

Auch im Hinblick auf andere, gerade für Menschen mit Querschnittlähmung wichtige Punkte, kann ein Kassenwechsel einschneidende Folgen haben. Wer Leistungen der Pflegeversicherung in Anspruch nimmt, sollte beachten, dass er mit der Krankenkasse auch die Pflegekasse wechselt. Und die mischt die Karten neu, theoretisch kann es zu einer Herabstufung bei der Pflegestufe kommen. Auf jeden Fall jedoch müssen alle Leistungen, die der Betroffene bisher von der Pflegekasse erhielt, neu beantragt werden (VdK, 2021).

Zudem gibt es kein Recht darauf, dass von der alten Krankenkasse bereits genehmigte Therapien wie eine Psychotherapie oder Rehasport auch von der neuen genehmigt werden – neu beantragt werden müssen sie auf jeden Fall. Theoretisch gibt es noch nicht einmal das Recht, eine bereits begonnene Maßnahme weiterführen zu können; wobei nach Einschätzung der Stiftung Warentest die neue Kasse die Weiterführung kaum ablehnen wird (test, 2021) Und noch eine weitere Problematik kann beim Wechsel auftauchen: Die Frage, ob man seine gewohnten Medikamente weiterhin bekommt – vor allem für chronisch Erkrankte von Relevanz. Dazu der VdK Sachsen: „Hier wird in der Regel keine Krankenkasse verbindlich versichern, nach einem Kassenwechsel die Behandlung „eins zu eins“ weiterzuführen.“ (VdK, 2021)

Warum überhaupt wechseln?

Rund 90% der Menschen in Deutschland sind Mitglied in einer gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Wer mit den Leistungen oder dem Service seiner gesetzlichen Krankenversicherung nicht zufrieden ist, darf jederzeit wechseln, egal, wie alt, krank oder behindert er ist (test, 2021). Die ganz großen Wunder in Sachen Versorgung kann er wahrscheinlich nicht erwarten: Der Leistungskatalog der GKVs ist zu 95 Prozent identisch – geregelt durch  Sozialgesetz­buch V, Verordnungen und die Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). (test, 2021)

Die kleinen, feinen und mitunter ausschlaggebenden Unterschiede liegen in den restlichen 5 Prozent: Service, Zusatzangebote, Bonusprogramm und Extraleistungen, die über den gesetzlichen Rahmen hinausgehen und von Kasse zu Kasse variieren. Wer hier konkrete Wünsche hat, kann zum Beispiel über einen (externer Link) Krankenkassenvergleich der Stiftung Warentest herausfiltern, welche Kasse für ihn die beste sein könnte.

Und auch die Kosten können ein Kriterium sein: Der allgemeine Beitragssatz (Stand: Juli 2021) liegt bei 14,6% (ermäßigt 14,0%) von Lohn oder Rente Mitglieds. Davon zahlt der Betroffene rund die Hälfte – die andere Hälfte übernimmt der Arbeitgeber, bzw. der Rentenversicherungsträger. Darüber hinaus dürfen die Krankenkassen Zusatzbeiträge verlangen – ein Preisvergleich kann sich lohnen, mehrere hundert Euro pro Jahr kann man auf diese Weise sparen.

Natürlich steht es Menschen mit Querschnittlähmung auch offen, sich nach einer privaten Krankenkasse umzusehen, aber (und es ist ein großes aber): „Von einem Wechsel in die Private würde ich behinderten Menschen immer abraten. Sie muss die Menschen zwar aufnehmen, darf aber Aufschläge beim Beitrag verlangen und die Übernahme für Kosten, die im Zusammenhang mit der Behinderung (=Vorschädigung) entstehen, ablehnen“, sagt auf Nachfrage Christian Au, Fachanwalt für Sozialrecht.

Manchmal kann die Kombination gesetzlich versichert mit privater Zusatzversicherung sinnvoll sein. Für privat Versicherte besteht drei Monate nach Feststellung einer Schwerbehinderung die Möglichkeit, in die GKV zu wechseln, wenn enge Verwandte in der GKV sind (§9 Abs. 1 Nr. 4, Abs. 2 Nr. 4 SGB V).

Das Wechselprozedere

Hat man sich erst einmal für eine neue Kasse entschieden (und vielleicht sogar schon einen Plan für einen nahtlosen Übergang ausgetüftelt), ist das Wechseln selbst seit Anfang 2021 denkbar einfach: Man teilt seiner neuen Kasse mit, dass man wechseln will. Diese prüft, ob alle Voraussetzungen gegeben sind und setzt sich mit der alten Kasse in Verbindung. Berufstätige müssen danach noch den Arbeitgeber informieren, damit er sie bei der neuen Kasse anmelden kann.


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