Harnsteine: Bei Querschnittlähmung erhöhtes Risiko und atypische Alarmzeichen 

Querschnittgelähmte Menschen haben ein erhöhtes Risiko, Harnsteine zu entwickeln. Diese können in den Nieren, den Harnleitern, der Blase oder in seltenen Fällen auch in der Harnröhre auftreten. Bei Menschen mit Querschnittlähmung können sich die Symptome, die auf Harnsteine hinweisen, von denen bei Menschen ohne entsprechende Sensibilitätsstörung unterscheiden. 

Viele elfenbeinfarbene Harnsteine in verschiedenen Größen auf einem roten Kreis, der auf einem grauen Untergrund steht.

Bereits die inzwischen abgelaufene (Neufassung ist angekündigt) deutsche S2k-Leitlinie von 2019 zur Diagnostik, Therapie und Metaphylaxe (Nachbehandlung) der Urolithiasis (Harnsteinleiden) ordnete die Kombination aus Rückenmarksverletzungen und neurogenen Blasenfunktionsstörungen als Hochrisikofaktor für eine Blasen,- Nieren- und Harnleitersteinbildung ein. Auch die aktuelle EAU-Leitlinie zur Urolithiases 2026 führt Rückenmarksverletzung und neurogene Blase unter den Erkrankungen auf, die mit einem erhöhten Steinbildungsrisiko verbunden sind. 

In Deutschland liegt das allgemeine Risiko, mindestens einmal im Leben einen Harnstein zu bekommen, laut Universitätsklinikum Ulm bei rund 4 Prozent. Wie hoch im Vergleich dazu das Risiko bei querschnittgelähmten Menschen liegt, lässt sich nicht genau beziffern. Zwar nennt eine Metaanalyse von 65 Studien mit insgesamt über 64.000 querschnittgelähmten Menschen einen Anteil von 16,6 Prozent, bei denen Harnsteine auftraten. Allerdings handelt es sich hier um einen studienübergreifend geschätzten Anteil.  

4 Prozent versus 16,6 Prozent: Auf den ersten Blick scheint daraus zu folgen, dass bei querschnittgelähmten Menschen das Risiko mindestens 4-fach so hoch ist wie bei der allgemeinen Bevölkerung. Dieser Zusammenhang lässt sich jedoch aus den Zahlen nicht ableiten. Denn wegen der unterschiedlichen Studiendesigns und Beobachtungszeiträume lässt sich weder eine einheitliche jährliche Erkrankungsrate noch das individuelle Lebenszeitrisiko für Menschen mit Querschnittlähmung herleiten. Aber die Zahlen deuten zumindest klar darauf hin, dass es ein erhöhtes Risiko gibt.  

Zwei Risikophasen 

Mediziner sprechen von einer „Urolithiasis“, wenn sich im Harntrakt Kristalle zu Steinen verfestigt haben. Wie hoch nun das persönliche Urolithiasis-Risiko ist, hängt bei Menschen mit Querschnittlähmung unter anderem von der Art der Blasenentleerung, der Häufigkeit von Harnwegsinfekten und der Zeitspanne seit Eintritt der Querschnittlähmung ab. Vereinfacht lassen sich zwei Zeitabschnitte unterscheiden, in denen unterschiedliche Ursachen besonders wichtig sein können. 

Akutphase: häufiger Nierensteine 

In der Akutphase einer Querschnittlähmung ist das Risiko für die Bildung von Nierensteinen besonders hoch. Die Zentralklinik Bad Berka nennt als Hauptursache die plötzliche Immobilisation, die zu einem verstärkten Knochenabbau mit erhöhter Ausscheidung von Calcium führt.  

Im Urin kann es zu einer Übersättigung mit calciumhaltigen Salzen kommen, die unter Umständen mit anderen Mineralstoffen auskristallisieren können. Es entstehen Nierensteine. Die meisten Nierensteine (etwa 80 Prozent) bestehen aus Calcium in Verbindung mit Phosphat oder Oxalat, einem Stoff, der in manchen pflanzlichen Lebensmitteln vorkommt, aber auch vom Körper selbst produziert wird.  

Die Art der Blasenentleerung – Dauerkatheter, intermittierender Katheterismus oder Kondomurinal – spielt nach Einschätzung der Experten aus Bad Berka in den ersten Monaten nach Eintritt einer Querschnittlähmung nur eine untergeordnete Rolle.  

Chronische Phase: häufiger Blasensteine 

In der chronischen Phase der Querschnittlähmung gewinnen Blasensteine an Bedeutung. Dabei handelt es sich meist um sogenannte sekundäre Blasensteine: Sie entstehen infolge anderer Erkrankungen oder funktioneller Störungen – etwa einer neurogenen Blasenfunktionsstörung mit unvollständiger Entleerung der Harnblase, wiederkehrenden Harnwegsinfektionen oder Urinableitung über einen Dauerkatheter oder suprapubische Blasenfistel. 

Insbesondere Dauerkatheter erhöhen das Risiko für bakterielle Besiedlung, Infektionen und Steinbildung. Koch und Geng warnen daher mit klaren Worten: „Der Dauerkatheter ist die schlechteste Lösung für eine langfristige Blasenentleerung. Er kann in kurzer Zeit (wenige Tage) zu einer Blaseninfektion führen.“ Die chronische Reizung der Blasenschleimhaut sowie Ablagerungen am Katheter könnten die Entstehung von Blasensteinen begünstigen. 

Manche Blasensteine entstehen auch aus kleinen Steinchen oder Kristallisationskernen, die aus der Niere über den Harnleiter in die Blase einwandern. Manchmal gehen sie spontan ab und alles ist gut. Manchmal wachsen sie weiter. Denn in einer neurogen gestörten Blase können verschiedene Faktoren das Wachstum von Harnsteinen begünstigen.  

Eine wichtige Rolle spielen zum Beispiel Infektionen mit Urease-bildenden Bakterien. Dieses Enzym spaltet Harnstoff und lässt den pH-Wert des Urins steigen. Dadurch können laut Strohmaier und Wagenlehner Mineralstoffe auskristallisieren. Es entstehen sogenannte Infektsteine, insbesondere Struvitsteine.  

Einige querschnitt-typische Funktionsstörungen und Komplikationen können diese Vorgänge begünstigen, zum Beispiel wiederkehrende Harnwegsinfektionen, eine unvollständige Blasenentleerung oder Harnabflussstörungen. Aber auch der bereits erwähnte Dauerkatheter und andere Fremdkörper in den Harnwegen können eine Rolle spielen.  

Es kann ein fataler Kreislauf aus Infektion, Entzündung und erneuter Steinbildung entstehen. Bei wiederkehrenden Harnwegsinfektionen sollte deshalb auch nach anatomischen Veränderungen und Blasensteinen gesucht werden. Dazu Koch und Geng: „Bakterien können sich in Blasendivertikeln (Ausstülpungen der Blasenwand) oder porösen Blasensteinen verstecken oder sie haben sich beim Mann in der Prostatadrüse oder in den Samenbläschen eingenistet und wandern von dort immer wieder in die hintere Harnröhre und in die Blase ein. In diesen Fällen muss eine Behandlung durch den Urologen erfolgen.“ 

Atypische Symptome bei fehlenden Warnschmerzen 

Bei Menschen mit Querschnittlähmung kann das Schmerzempfinden unterhalb der Läsion vermindert oder verändert sein, häufig auch ganz fehlen. Deshalb fehlen bei ihnen häufig die wichtigsten Indikatoren, die auf problematische Harnsteine hinweisen: klassische, wellenförmige Kolikschmerzen. Da der Warnschmerz fehlt, können Harnsteine mitunter unbemerkt wachsen oder den Harnabfluss blockieren.  

Statt Warnschmerz entwickeln querschnittgelähmte Menschen mit Harnsteinen und dadurch ausgelösten Beschwerden andere Symptome, die mitunter lebensgefährdend sein können. Nicht immer deuten diese Symptome auf einen Stein hin, sondern zum Beispiel auch auf eine Harnwegsinfektion,  und diese kann ein Steinleiden demaskieren. 

Für Menschen mit Querschnittlähmung sind zwei Gruppen von Warnzeichen besonders wichtig:  

Notfall! Sofort medizinische Hilfe einholen bzw. den Rettungsdienst verständigen, wenn 

  • bei Menschen mit einer Lähmungshöhe auf Th6 oder höher Zeichen einer autonomen Dysreflexie auftreten, zum Beispiel plötzlicher massiver Blutdruckanstieg, hämmernde Kopfschmerzen, starkes Schwitzen, Gänsehaut (mehr zum Thema im Beitrag Querschnittlähmung: Was geschieht bei einer Autonomen Dysreflexie? – Der-Querschnitt.de), 
  • Fieber oder Schüttelfrost mit deutlicher Verschlechterung des Allgemeinzustands einhergehen, 
  • Verwirrtheit, Kreislaufprobleme oder andere Zeichen einer schweren Infektion hinzukommen, 
  • kein Urin mehr abfließt und gleichzeitig Fieber, Schmerzen oder andere zunehmende Beschwerden bestehen.  

Zeitnah ärztlich abklären lassen, wenn 

  • Blut im Urin sichtbar ist,  
  • Inkontinenz neu auftritt oder sich verstärkt,  
  • der Katheter wiederholt verstopft ist oder sich nur schwer einführen lässt, 
  • Spastik ohne erkennbare Ursache zunimmt oder 
  • Harnwegsinfektionen wiederkehren. 

Hinweis


Fließt der Urin nicht mehr ab, kann die Ursache dafür auch ein abgeknickter oder verstopfter Katheter sein. Betroffene sollten sich an ihren individuell vereinbarten Notfallplan halten. Bestehen gleichzeitig Fieber, Schmerzen oder zunehmende Beschwerden, darf die medizinische Hilfe jedoch dadurch nicht verzögert werden. 

Konkrete Risiken  

Nieren- und Harnleitersteine können unter anderem einen unbemerkten Nierenstau, Nierenschädigungen und eine  Abflussblockade nach sich ziehen. Bei Blasensteinen sind wiederkehrende Infekte, Blut im Urin, Reizung und Katheterisierungsprobleme typischer. 

Wahrscheinlichkeit eines Spontanabgangs 

Wie häufig Harnsteine völlig unbemerkt ausgeschieden werden, lässt sich nicht zuverlässig bestimmen. Denn wenn ein Stein unbemerkt bleibt, keine Beschwerden hervorruft und einfach ausgeschwemmt wird, bemerken weder das Behandlungsteam noch die betroffene Person etwas von ihm.  

Gerade bei kleineren Harnleitersteinen stehen die Chancen gut, dass sie spontan abgehen, bestenfalls, ohne Beschwerden zu verursachen. Bei allen anderen Steinen gilt, sobald sie entdeckt sind: Die Wahrscheinlichkeit eines Spontanabgangs hängt außer von der Größe auch von der Lage des Steins ab. Ob kontrolliert abgewartet werden kann, richtet sich zusätzlich nach dem Harnabfluss, möglichen Infektionszeichen, den Beschwerden und der Nierenfunktion. Diese Entscheidung muss individuell ärztlich getroffen werden.  

Bei Blasensteinen gilt laut Guidelines: Kleine, aus dem oberen Harntrakt eingewanderte Steine können abgehen. In der Blase entstandene Steine sind dagegen meist nicht spontan abgangsfähig, insbesondere bei einer bereits vorhandenen Blasenauslass- oder Entleerungsstörung. 

Diagnostik 

Der erste Schritt zur Diagnose ist das Arztgespräch. Der Urologe fragt nach der Krankheitsgeschichte und erkundigt sich dabei vermutlich auch nach der Familiengeschichte, da die Empfänglichkeit für Harnsteine vererbt werden kann, wie die Patienteninfo der „urologischen Stiftung Gesundheit“ betont.  

Es folgen eine körperliche Untersuchung und Urin- und Bluttests. Bei Fieber oder Sepsisverdacht werden Urin und gegebenenfalls das Blut auf Krankheitserreger untersucht. Eine Einweisung ins Krankenhaus erfolgt, die weiteren Schritte finden in der Regel im Krankenhaussetting statt. 

Als nächster Schritt steht meist eine bildgebende Untersuchung an. Als erste bildgebende Untersuchung empfehlen die Leitlinien eine Ultraschalluntersuchung. Denn diese Sonographie verursacht keine Strahlenbelastung und macht Steinarten sichtbar, die bei einer klassischen Röntgenuntersuchung unsichtbar bleiben, diese sind z. B. Harnsäuresteine. Dafür bleiben Steine im Harnleiter im Ultraschall meist unentdeckt.  

Bei akutem Flankenschmerz oder dem Verdacht auf einen Harnleiterstein empfiehlt die EAU nach der Sonografie als zweiten Schritt daher eine kontrastmittelfreie Computertomographie.  

Bei Notfällen wird sich der Ablauf ändern. Bei einer autonomen Dysreflexie stehen zunächst die Stabilisierung der betroffenen Person und die Blutdruckbehandlung im Vordergrund. Auch ein durch einen Stein blockiertes Harnsystem, besonders wenn es mit Zeichen eines Harnwegsinfekts oder einer Sepsis verbunden ist, ist ein Notfall. Bei einer Sepsis in Verbindung mit einem durch einen Stein blockierten Harnabfluss müssen die Ärzte unverzüglich Antibiotika geben und die gestauten Harnwege entlasten. Dafür kommen unter anderem eine Harnleiterschiene oder eine von außen angelegte Nierendrainage infrage. Die endgültige Steinbehandlung erfolgt in der Regel erst nach Beherrschung der akuten Symptome.  

Behandlung 

Die Therapie von Steinen im Harntrakt ist abhängig von der Lage (Niere, Harnleiter, Blase, selten Harnröhre), der Größe und der Zusammensetzung des Harnsteins. Muss eine Harnleiterschiene gelegt werden, um den Urinfluss aufrechtzuerhalten? Handelt es sich um eine Steinart, die sich unter ärztlicher Kontrolle medikamentös auflösen lässt, z.B. einen Harnsäurestein? Ist ein endoskopischer Eingriff nötig? Welche Therapie die erfolgversprechendste ist, legt der Urologe in einer gemeinsamen, individuellen Therapieentscheidung fest. Die urologische Stiftung Gesundheit stellt die wichtigsten Behandlungsmöglichkeiten vor (externer Link): Harnsteine – Behandlung, Vorbeugung und häufige Fragen. 

Vorsorge, um den nächsten Stein zu verhindern 

In den westlichen Industrienationen wurde in den vergangenen Jahrzehnten generell eine Zunahme von Harnsteinerkrankungen beobachtet. Wer einmal einen Harnstein hatte, hat zudem leider ein recht hohes Risiko, irgendwann wieder einen Harnstein zu bilden. Dieses sogenannte Rezidivrisiko liegt laut EAU-Richtlinie bei rund 26 Prozent innerhalb der ersten fünf Jahre, nachdem erstmals ein Stein auftrat.  

Auf die Prophylaxe zu achten, ist also gerade auch für Menschen mit Querschnittlähmung mit ihrem erhöhten Steinrisiko besonders sinnvoll.  

Die urologische Stiftung Gesundheit nennt als erste Präventionsmaßnahme für die Allgemeinbevölkerung die Anpassung von Trink- und Ernährungsgewohnheiten. Ihre Empfehlung: Ausreichend trinken, idealerweise zwei bis drei Liter pro Tag. Für Menschen mit Querschnittlähmung gilt es, eine, an das Blasenmanagement angepasste, individuelle Trinkmenge gemeinsam mit dem Neuro-Urologen festzulegen. (Siehe dazu auch Richtig trinken bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de). Zudem sollten Betroffene auf eine ausgewogene Ernährung achten, Übergewicht reduzieren und sich – wenn möglich – körperlich betätigen (siehe dazu auch Was tun bei Übergewicht? Abnehmen bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de).  

Welche Ernährungsänderungen sinnvoll sind, hängt von der Zusammensetzung des Steins und den Ergebnissen der Untersuchungen ab. Eine normale Calciumzufuhr über Lebensmittel sollte ohne ärztlichen Grund nicht eingeschränkt werden. Spezielle Einschränkungen – etwa bei oxalat- oder purinreichen Lebensmitteln – sollten gezielt, in Absprache mit dem Behandlungsteam erfolgen. Die urologische Stiftung Gesundheit gibt auf ihrer Seite einen Überblick, welche Nahrungsmittel bei welchem Stein in den Fokus treten könnten (externer Link): Harnsteine – Behandlung, Vorbeugung und häufige Fragen. 

Bei Infektsteinen, sog. Struvitsteinen, hingegen ist es wichtig, wiederkehrende symptomatische Harnwegsinfektionen und ihre Ursachen urologisch abklären und gezielt behandeln zu lassen. (Siehe dazu auch Harnwegsinfektionen bei Querschnittlähmung: erkennen – behandeln – vorbeugen – Der-Querschnitt.de)


Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch medizinische Fachpersonen.
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