Gelesen: „Einer nur“ von Bernd Mittenzwei

Ajnur ist ein Außenseiter. In der Schule findet er keinen Kontakt. Zuhause, bei seiner Mutter und seiner Großmutter, lebt er ein ruhiges, zurückgezogenes Leben. Sein einziges Hobby ist das Sammeln von Vogelstimmen, die er zu experimentellen Musiktapes weiterverarbeitet. Er ist der Held in dem Roman „Einer nur“ von Bernd Mittenzwei.

Ajnur findet seinen Weg, zu erzählen, wie diese letzten Wochen vor der Querschnittlähmung waren.

Dieser Ajnur, dessen Namen die Mitschüler zu „Einer nur“ verballhornen, macht sich in den Sommerferien auf die Reise. Von Nürnberg aus will er mit dem Fahrrad an die Ostsee. Nicht, weil das sein Traum ist. Sondern weil er dadurch seiner besorgten Mutter vorspielen kann, er würde mit Kumpels auf Tour gehen. Es wird die Reise seines Lebens, große Liebe inklusive. Eine Reise, die mit einer Katastrophe endet. Ajnur beendet sie mit einer Querschnittlähmung.

Tapes mit langen Gesprächen

Wie es dazu kam, erzählt er in der Reha-Klinik einem Mitpatienten, einem Lehrer. Dieser nimmt die Gespräche auf Tape auf. Diese fiktionalen Dialoge bilden die Handlungsstruktur.

Autor Bernd Mittenzwei, ein pensionierter Lehrer, gelingt es, diese Coming-of-Age-Geschichte sehr behutsam zu erzählen. Passend zum Protagonisten legt er seinem Roman eine Reihe von Tapes mit Dialogen zu Grunde.

Spiel mit Zitaten

Mittenzwei liebt offensichtlich die deutsche Sprache. Er spielt mit ihr, setzt Zitate aus klassischen Gedichten genauso ein wie Grammatikfehler und Slang-Ausdrücke. Er wechselt lustvoll die Erzählebenen und schafft so das Portrait eines letzten (in diesem Falle vermutlich auch ersten) unbeschwerten Sommers. Bis die Querschnittlähmung eintritt.

Querschnittlähmung als Rahmenhandlung

Die traumatische Behinderung ist die Basis für die Rahmenhandlung, für die Dialoge, die die beiden querschnittgelähmten Männer führen und damit die Grundlage für die fiktionale Erzählung, die in der Reha-Klinik genauso angesiedelt ist wie auf den Fahrradwegen und Campingplätzen, auf denen sich der Protagonist Richtung Finale bewegt.

Die Geschichte eines Außenseiters

Der Verlag beschreibt das Buch so: „Einer heißt eigentlich Ajnur. Das ist bosnisch und heißt Mondlicht. Seine Oma schenkt ihm 500 Euro. Er soll mit seinen Freunden verreisen und Spaß haben – eine Wette, fast wie bei Goethes Faust, der in dieser Geschichte eine merkwürdige Rolle spielt. Doch Ajnur hat keine Freunde. Er ist ein Freak, ein Außenseiter. Also fährt er mit seinem alten Fahrrad alleine los Richtung Ostsee. Unterwegs trifft er andere schräge Vögel und einen kapitalismuskritischen Hund, er begegnet der Liebe und der Gewalt. Ajnur erzählt seine Geschichte einem Freund, der sie aufschreibt. Wenn er nur nicht so oft „Scheiße“ sagen würde – denn dafür lässt der Schreiber immer einen der vielen Grammatikfehler stehen. Doch mehr und mehr findet Ajnur seinen eigenen Ton und übernimmt am Ende die Regie über seine Geschichte.“

Der letzte Sommer

Ajnur findet im Laufe des Buches einen Weg, von den letzten Wochen vor der Querschnittlähmung zu erzählen – und davon, wie sein Leben danach aussehen wird. Denn offenbar ist nicht alles schlechter geworden danach.

Mittenzweis fiktionaler Roman liest sich gut. Sicherlich vor allem auch, wenn man selbst Freude am Spiel mit der Sprache hat. Es ist auch eine Coming-of-Age-Geschichte. Und eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie dieser letzte Sommer (Frühling, Herbst, Winter) vor der Querschnittlähmung war. Wer ähnliches selbst, in der Wirklichkeit, erlebt hat, muss vermutlich darauf gefasst sein, dass Erinnerungen zurückkommen.

Autor Bernd Mittenzwei wurde 1961 geboren und wuchs in einem Arbeiterviertel in der Nürnberger Südstadt auf. Studium der Germanistik und Theologie. Pflegehilfskraft, Hausmeister, Journalist, Herausgeber einer Literaturzeitschrift, schließlich Lehrer. Er lebt in der fränkischen Provinz.

„Einer nur“: Herausgeber‏: ‎ A. Fritz Verlag, 226 Seiten, ISBN-10: ‎3944771435, ISBN-13‏: ‎978-3944771434, 14,95 Euro