Häusliche Infusionstherapie: Die parenterale Antibiotikatherapie ist auch ambulant möglich

Menschen mit einer Querschnittlähmung leiden aufgrund ihres komplexen Krankheitsbildes nicht selten an weiteren Begleiterkrankungen, die zusätzliche Klinikaufenthalte erfordern. Dabei kann es zu unerwünschten Infektionen kommen, die per Infusion behandelt werden müssen, was wiederum den Krankenhausaufenthalt verlängert.

Betroffene befinden sich teilweise ausschließlich aufgrund der Antibiotikabehandlung im Krankenhaus und müssen folglich noch länger auf ihr privates Umfeld verzichten. Dabei besteht die Möglichkeit, diese Therapie auch ambulant, also zu Hause durchzuführen. Unter einer ambulanten parenteralen Antibiotikatherapie (APAT) versteht man die Gabe von bestimmten Medikamenten in der Häuslichkeit. Beispiele hierfür sind Medikamente gegen Pilzerkrankungen (Antimykotika), bakterielle Erkrankungen (Antibiotika) oder Virusinfektionen (Virustatika). Mit einer APAT können etwa Haut- und Weichteilinfektionen, Knochen- und Gelenkinfektionen, kardiovaskuläre (das Herz betreffende) Infektionen, Infektionen des Respirationstraktes, der Harnwege sowie des Zentralnervensystems behandelt werden.

Wie läuft die Medikamentengabe genau ab?

Die Gabe der Substanzen erfolgt mittels einer speziellen Medikamentenpumpe, auch Elastomerpumpe genannt. Das Besondere dieser Pumpe ist, dass sie unabhängig von einer Stromquelle arbeitet und so eine sichere und unkomplizierte Infusion von Medikamenten zu Hause ermöglicht. Das Medikament muss von der Ärztin bzw. dem Arzt verordnet werden und wird in einer Apotheke, die auf Sterilmittelherstellung spezialisiert ist, in die Pumpe gefüllt. Pro Medikamentengabe wird eine Pumpe benötigt; diese Pumpen sind folglich zum Einmalgebrauch bestimmt.

Die Dauer der Infusion hängt von der Infektion und vom verordneten Medikament ab. Diese kann von einigen Minuten bis zu mehreren Stunden dauern. Da die Pumpen aber entsprechend klein und transportabel sind, stören sie die Betroffenen kaum. Die Hersteller liefern meist die passende Tasche zum Transport mit. Die Pumpe ist fertig befüllt und bereits eingestellt, sodass diese nur noch am entsprechenden Zugang angeschlossen und angestellt werden muss. Dieser Vorgang setzt eine gründliche Desinfektion voraus. Die Gabe des Medikamentes erfolgt über einen Zugang, der in einer Vene liegt. Hier gibt es unterschiedliche Möglichkeiten: Ellenbeugenvene, Handrückenvene, Oberarmvene oder auch eine Vene nahe dem Schlüsselbein können als Zugänge dienen. Die Auswahl des venösen Zugangs hängt u.a. von der Therapiedauer ab und bedarf einer individuellen Entscheidung, die die Ärzte zusammen mit den Betroffenen besprechen.

Voraussetzungen

Vor Beginn einer ambulanten Versorgung muss eine stabile medizinische Situation bestehen und es dürfen keine weiteren Erkrankungen vorliegen, die einen stationären Aufenthalt erfordern. Es muss ebenso überprüft werden, ob nicht doch eine orale Gabe möglich ist. Die behandelnden Ärzte beraten die Betroffenen über die Auswahl des Medikamentes und die Art des Zuganges. Es gibt ein paar Voraussetzungen, die die Betroffenen selbst für eine APAT mitbringen sollten:

APAT in Kliniken


In Querschnittzentren ist diese Therapiemöglichkeit noch nicht flächendeckend bekannt. Die Ärzte, die APAT bereits unterstützen, sehen ganz klar die Vorteile:

„Der Einsatz von APAT kann in geeigneten Fällen die stationäre Krankenhausbehandlung verkürzen oder ganz vermeiden. Hierdurch können insbesondere auch Komplikationen der stationären Behandlung in nicht spezialisierten Einrichtungen vermindert werden. Dank dieser ambulanten Therapie sind die Patientinnen und Patienten schneller wieder in ihrer gewohnten Umgebung. Durch die professionelle Anleitung erlangen sie mehr Selbstständigkeit und gewinnen ein weiteres Stück Lebensqualität zurück.“

Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Badke
Chefarzt der Abteilung für Querschnittgelähmte, Technische Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie BG Klinik Tübingen

Die Bereitschaft, die Pumpe selbstständig oder mit Hilfe eines Angehörigen an- und abzuschließen, muss gegeben sein. Des Weiteren sollte ein gesichertes soziales Umfeld vorhanden sein. Für den Querschnittbetroffenen ist sicherlich auch die Art der Funktionseinschränkung ein wichtiges Kriterium. Dies muss im Vorfeld immer mit dem behandelnden Arzt abgestimmt sein.

Professionelle Unterstützung auch zu Hause

Das Legen des erforderlichen Zuganges sowie die erste Medikamentengabe erfolgt in der Klinik. Die Selbstständigkeit der Betroffenen steht dabei im Vordergrund. In der Häuslichkeit werden die Betroffenen individuell geschult und mit der Pumpe vertraut gemacht. Hier gibt es speziell ausgebildetes Pflegefachpersonal, das unterstützend zur Seite steht. Der Kontakt wird zuvor durch die behandelnden Ärzte hergestellt. Des Weiteren werden in der Regel auch Tele[1]fonnummern ausgehändigt, unter welcher im Notfall 24 Stunden lang entsprechendes Fachpersonal erreichbar ist. Das Pflegepersonal kann bei Bedarf den Verbandwechsel sowie das Spülen des Zuganges übernehmen. Diese Tätigkeiten und die Versorgung hängen vom Zugang sowie auch von der Therapiedauer ab.

Vorteile von APAT


  • frühere Entlassung aus der Klinik
  • Therapie in der gewohnten, vertrauten Umgebung
  • gesteigertes Wohlbefinden, positive Auswirkungen auf die Genesung
  • Vermeidung weiterer durch den Krankenhausaufenthalt bedingte (nosokomiale) Infektionen

Auch die Angehörigen profitieren von der häuslichen Medikamentengabe, denn es entfallen zusätzliche Besuchstage im Krankenhaus, die ansonsten in den Alltag integriert werden müssten. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Betroffene, die allein zur Infektionstherapie in der Klinik bleiben müssten, sich aber sonst in einem medizinisch stabilen Zustand befinden, in Rücksprache mit den behandelnden Ärzten ambulant weiterbehandelt werden können. Dies ermöglicht eine schnelle Rückkehr in das gewohnte Umfeld, was eine gesteigerte Lebensqualität zur Folge hat. Für die Akutversorgung von Menschen in der Klinik ist die ambulante parenterale Antibiotikatherapie mittlerweile eine sich etablierende Versorgungsoption. Für den Bereich der spezialisierten Versorgung von Querschnittbetroffenen, auch im Rahmen einer lebenslangen Nachsorge, stellt sie für die Zukunft sicherlich eine zu diskutierende Versorgungsoption dar.


Der Text von Svenja Tiegges und Martin Broehl wurde in Ausgabe 4/2023 der Zeitschrift „Der Paraplegiker“ erstveröffentlicht. Die Redaktion von Der-Querschnitt.de bedankt sich herzlich für die Zustimmung zur Zweitveröffentlichung.


Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch medizinische Fachpersonen.
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