Im Rollstuhl zur Miss-Wahl: Mit Krönchen zu mehr Inklusion?

Klassische Miss-Wahlen oder spezielle Contests wie die Wahl zur „Ms. Wheelchair“: Einige Frauen im Rollstuhl oder mit anderen Behinderungen nutzen solche Wettbewerbe auch, um für sich und ihr Anliegen – die Inklusion – Öffentlichkeit zu schaffen. Ein Überblick über Pro- und Contra-Punkte.

Beim Kampf ums Krönchen geht es auch darum, Öffentlichkeit für wichtige Themen wie Inklusion zu schaffen.

Christina Modrzejewski aus Dinslaken schaffte es 2024 als Rollstuhlfahrerin ins Finale von Miss Germany. Sie landete unter den Top 10. Die 28-Jährige lebt mit dem Guillain-Barré-Syndrom, nutzt den Rollstuhl oder bewegt sich mit Hilfe von Orthesen. Bei den Miss-Germany-Wahlen trat sie an, weil sie „schon immer mal auf einer großen Bühne stehen“ wollte. Mit der Teilnahme am Contest hat sie sich also einen Traum erfüllt.

„Menschen eine Stimme geben“

Aber sie verfolgte noch ein anderes Ziel: „Die Wahl an sich hat für mich eine Daseinsberechtigung, weil sie Menschen eine Stimme gibt, die sonst vielleicht von der Gesellschaft keine Stimme bekommen würden. Und genau das ist das Wichtige, was wir auch brauchen in Deutschland. Frauen, die ihre Stimme heben, für andere Menschen, die vielleicht nicht den Mut dazu haben.“ Und so erhob Christina ihre Stimme für ihr Herzensanliegen: Inklusion für alle. Zur Teilnahme inspiriert hatte sie übrigens Gina Rühl, die 2022 mit Armprothese bei den Miss-Germany-Wahlen ins Finale gekommen war und danach vielen Frauen mit Behinderung als Vorbild galt.

Ein Video des öffentlich-rechtlichen Angebots „Funk“ über die Miss-Wahlen, an denen Modrzejewski teilnahm, stellt die junge Frau vor. Darin spricht sie über ihren Erfolg, aber auch über die dunklen Zeiten nach der Diagnose:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

„Meerjungfrau im Rollstuhl“

Modrzejewski war nicht die erste Rollstuhlnutzerin, die bei den Miss-Germany-Wahlen antrat. Vor ihr wagte zum Beispiel Maike Budwig diesen Schritt in die Öffentlichkeit und nahm 2020 an den Wahlen zur „Miss Mecklenburg-Vorpommern“ teil. Seit einem Motorradunfall ist sie ab Brusthöhe gelähmt. Seither nennt sie sich selbst „Meerjungfrau im Rollstuhl“ – weil auch Meerjungfrau Arielle immer davon träumte, laufen zu können. Auf ihrem Insta-Kanal gibt es – neben vielen anderen tollen Fotos – auch das passende Bild im Meerjungfrauen-Outfit: https://www.instagram.com/maikebudwigsportmithandicap  (externer Link).

Die Mecklenburg-Vorpommerin schied zwar schon vor Erreichen des Finales aus, sorgte aber für mediale Aufmerksamkeit.

Neuorientierung bei Miss-Germany-Wahlen

Möglich machte die Teilnahme dieser Frauen auch eine Neuorientierung der Miss-Germany-Wahlen. Seit 2020 spielen Körpergröße, Konfektionsgröße und Gewicht keine Rolle mehr bei der Bewertung, auch die Altersgrenze fiel. Und den Bikini-Wettbewerb gibt es auch nicht mehr.

Stattdessen verfolgt der Veranstalter laut Eigenaussage ein ganz anderes Konzept: „Miss Germany ist eine Auszeichnung für Frauen, die Verantwortung übernehmen. Wir geben Frauen eine Plattform für ihre wichtigen Themen, die sie vorantreiben wollen. Wir setzen uns dafür ein, kulturelle Relevanz zu schaffen und gleichzeitig nachhaltige, zukunftsweisende Projekte zu fördern. Unser Antrieb ist, weibliche Vorbilder zu kreieren, um Empathie für eine Welt in Balance zu fördern.“ (Für mehr Informationen zur Wahl, zu den Bewerbungsvoraussetzungen und der Historie der Veranstaltung siehe externer Link: Miss Germany | Empowering Women).

Dort heißt es auch: „Wir feiern die Vielfältigkeit jeder Einzelnen und freuen uns auf Bewerberinnen, die uns und die Menschen um sie herum mit ihrer Persönlichkeit und Mission begeistern und mitreißen.“ Ob die Bewerberin nun auf zwei Beinen daherkommt oder auf vier Rädern dürfte also keine Rolle spielen.

So gesehen erfüllt die Wahl der Miss Germany also durchaus die Kriterien einer inklusiven Veranstaltung.

Klares Ziel: Inklusions-Botschafterinnen finden

Andere Miss-Wahlen und deren Organisationen wählen einen anderen Weg. Zum Beispiel die „Ms. Wheelchair“-Organisation in den USA, gegründet 1972. Initiator war der Arzt Dr. Philip K. Wood, der sein berufliches Leben in Ohio der Behandlung und Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen gewidmet hatte. Vor über 50 Jahren rief er dort auch den ersten entsprechenden Wettbewerb ins Leben, damals noch auf Bundesstaat-Ebene. Die erste „Miss Wheelchair Ohio“ war Julie Cochran-Rogers, die in jungen Jahren an Kinderlähmung erkrankt war. Ihr war es nur unter Überwindung großer Barrieren möglich, zu studieren. (Mehr zu ihrer Vita auf sesquicentennial-honors | The Ohio State University, externer Link.)

Und sie bewegte viel. Unter anderem nutzte sie ihren Titel, um sich für strukturelle und bildungsbezogene Barrierefreiheit einzusetzen und gesellschaftliche Stigmata gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen. Offenbar mit Erfolg. Heute nehmen 30 Bundesstaaten an dem Contest teil und es gibt ein nationales Finale. Mehr Informationen zu diesem Wettbewerb auf der Seite des Veranstalters: Ms. Wheelchair America – Empowering Women of Achievement Through Leadership, Advocacy & Education (externer Link).

Öffentlichkeit schaffen

Die 2026 amtierende Ms. Wheelchair heißt Latavia Sturdivant. Die Sprachtherapeutin setzt sich dafür ein, durch Bildung, vor allem aber auch durch Sichtbarkeit Barrieren zu überwinden. Denn mit dem Titel verbunden sind Auftritte und ein gewisses Interesse der breiten Öffentlichkeit. Ein Beispiel: Wenn auf einem Flug ein Rollstuhl beschädigt wird, ist das für den oder die Betroffene oft ein Fiasko. Wenn der Rollstuhl von Ms. Wheelchair auf einem Flug ramponiert wird, ist das sogar dem TV-Giganten CBS eine Nachricht wert:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Pro- und Contra-Punkte

Ob klassische Miss-Wahl, offen für alle, oder spezieller Rollstuhl-Contest: Beide Formate können Frauen mit Behinderung eine Bühne geben. Und das ist gut so.

Was spricht dafür?

  • Raus aus der Unsichtbarkeit: Wer mitmacht, zeigt sich der Welt – mit Ecken, Kanten, Rollstuhl und jeder Menge Ausstrahlung. Die Teilnehmerinnen sind definitiv nicht mehr unsichtbar. Bisher immer noch ein häufiger „behinderungstypischer“ Zustand, auf den unter anderem auch die Pride Parade aufmerksam machen will. Siehe dazu: Für das Recht auf die Straße: Jährliche Pride Parade in Berlin – Der-Querschnitt.de
  • Vorbildfunktion: „Ach, das geht? Eine Frau im Rollstuhl kann an der Miss-Germany-Wahl teilnehmen? Wenn die das kann, kann ich das auch!“ Rollstuhlnutzerinnen im Rampenlicht können andere inspirieren, ihre eigenen Ziele mit Verve zu verfolgen.
  • Empowerment: Die Anmeldung allein kostet schon Mut. Und dann muss man das ganze Procedere auch noch durchstehen, was vermutlich nicht ohne eine gründliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und den eigenen Fähigkeiten geht. Christina Modrzejewski hat diesen Aspekt in dem „Funk“-Video (siehe oben) sehr positiv beschrieben.
  • Normalisierung: Ein Rollstuhl auf der „Miss Germany“-Bühne zeigt: Behinderung ist nur ein Detail von vielen auf der Setcard.
  • Schluss mit Bodyshaming: Schönheit hat kein Standardmaß. Contests, die offen für alle sind, beweisen, dass Schönheit viele Varianten hat.
  • Klare Botschaft: Gerade bei Events wie der Wahl zur Ms. Wheelchair geht es darum, eine Botschafterin für die Inklusion zu küren.

Wo liegen die kritischen Punkte?