Irgendwie selbstbestimmt: Mit einer „Da geht noch was“ Einstellung im Rollstuhl
Natascha Höhn ist aufgrund einer seltenen Immunstörung im Rollstuhl mobil. Lange fiel es ihr schwer, ihr neues Leben zu akzeptieren, und fühlte sich dadurch noch mehr eingeschränkt, als sie es ohnehin schon war. Mit ihrem Buch „Irgendwie selbstbestimmt“ will sie anderen Betroffenen helfen, durch Akzeptanz mehr inneren Freiheit zu erreichen.

Höhns Eingangsfrage ist „Was, wenn dein Leben von heute auf morgen im Rollstuhl stattfindet? Die körperlichen Herausforderungen sind enorm und die inneren Barrieren sind oft noch größer.“ Auch Menschen mit akuter Querschnittlähmung können hiervon u.U. ein Lied singen, denn die Akzeptanz der radikalen Veränderung, die da eintritt, ist für die meisten nicht selbstverständlich und bedeutet harte Arbeit an der eigenen Einstellung. Siehe auch: Diagnose Querschnittlähmung: Was wenn ein Akzeptieren unmöglich scheint?
Aus dem Inhalt
Neu in den Rollstuhl einzusteigen und mit einer Behinderung zu leben, fällt den meisten Menschen sehr schwer. Irgendwie selbstbestimmt soll ihnen als Ratgeber dienen, wie manunbewusste, mentale Hindernisse erkennen und sie überwinden kann. Die Autorin spricht über ihre eigenen Erfahrungen und zeigt auf, wie man negative Gedanken entlarvt, die eigene innere Stärke entdeckt und Verantwortung für das eigene Wohl übernimmt.
Ein wichtiger Aspekt hierbei ist die „Raus aus der Opferhaltung“-Einstellung. Höhn sagt: „Behinderung und Rollstuhl können schnell dazu führen, dass man sich als Opfer fühlt. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen ‚Opfer sein‘ und ‚in der Opferhaltung verharren‘. Es ist nicht immer leicht, sich einzugestehen, dass man sich in dieser Haltung eingerichtet hat, weil sie auch eine Art von Schutz bietet. Doch wenn wir uns dessen bewusst werden, können wir uns entscheiden, aus dieser Opferrolle auszusteigen. Diese Entscheidung gibt uns die Macht zurück – die Macht, unsere eigenen Gefühle zu steuern und Verantwortung für unser Leben zu übernehmen.“
Wie liest es sich?
„Irgendwie selbstbestimmt“ liest sich wie ein Selbsthilfebuch – denn das ist es. Das Besondere: es ist ganz speziell auf die Situation von Menschen mit Behinderung ausgelegt und die Autorin ihre eigenen Erfahrungen miteinfließen lässt.
In jedem Abschnitt thematisiert Höhn einen Gemütszustand, den sie als nicht hilfreich einstuft. Sie beschreibt ihn, welche negativen Konsequenzen er für das Leben des Einzelnen haben kann, und in welchem Maße Menschen mit Mobilitätseinschränkungen besonders betroffen sind. Dann folgt ein Beispiel aus ihrem eigenen Leben und schließlich Vorschläge, wie man konstruktiv damit umgehen kann. Sehr hilfreich sind hier die „Wertvolle Fragen, die ich mir selbst stellen kann“.
Ein Beispiel zum Abschnitt „Loslassen können“
Im Abschnitt „Loslassen können“ spricht Höhn davon, wie Menschen mit plötzlich eintretender Mobilitätseinschränkung dazu gezwungen sind, selbstverständliche Fähigkeiten wie das Aufstehen und Gehen unfreiwillig loszulassen. Der innere Widerstand wird umso stärker, je mehr man das Loslassen mit Kontrollverlust, Schwäche und einem Verlust der Identität verbindet. Höhn zeigt auf, das Loslassen auch das Loslassen von Ballast sein kann. Es bedeutet auch mehr Leichtigkeit zu spüren, Freiheit zu gewinne und neue Möglichkeiten zu entdecken.
Die wertvollen Fragen:
- Welche Dinge, Gedanken oder Erwartungen halte ich in meinem Leben fest, obwohl sie mir nicht mehr guttun, und warum fällt es mir schwer, sie loszulassen?
- In welchen Bereichen meines Lebens spüre ich inneren Widerstand, der mit einem Gefühl des Kontrollverlust verbunden ist, und wie könnte Loslassen mir helfen, mehr innere Freiheit zu gewinnen?
- Wie könnte sich mein Leben verbessern, wenn ich alte Vorstellungen und Erwartungen loslassen würde, um Platz für Neues zu gewinnen?
Die Antworten auf diese Fragen sind natürlich individuell unterschiedlich und werden von jedem Einzelnen anders beantwortet werden. Da es um die persönliche Situation geht, gibt es keine falschen Antworten, aber auch keine von Höhn vorgegebenen.
Neben dem „Loslassen“ greift Höhn auch Themen wie Gedanken und Gefühle beobachten und zulassen, sinnvoll Vergleichen, Konventionen hinterfragen, Wiederholung als Schlüssel zum Erfolg und unsichtbare Helfer wie Humor, Wille, Wahrnehmung, Verstand, Vorstellungskraft, Erinnerung und Intuition. Diese Inhalte können Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich an ihr neues Leben im Rollstuhl zu gewöhnen, hilfreich sein. Eine Therapie ersetzen sie natürlich nicht, aber diesen Anspruch erhebt der Ratgeber auch nicht. Durch Höhns Einsichten als Selbstbetroffene werden sich (auch manche) Menschen mit Querschnittlähmung gesehen und verstanden fühlen.
Das Buch
- Irgendwie selbstbestimmt
- Von: Natascha Höhn
- Seiten: 150
- ISBN: 978-3-7693-0585-2
- Preis: ca. 12,90 Euro (Stand: März 2026)
Über die Autorin
Natascha Höhn hat ihr Leben neu definiert, nachdem sie mit einer schweren neurologischen Krankheit konfrontiert wurde. 50 Jahre lang verlief ihr Leben ohne gesundheitliche Probleme – sie war Unternehmerin, Freelancerin und Chorvorsitzende. Doch dann traten plötzlich Doppelbilder, Schwäche in Armen und Beinen sowie ein Verlust der Koordination auf. Die Diagnose: paraneoplastische Kleinhirndegeneration, eine seltene Erkrankung, bei der das Immunsystem körpereigene Nervenzellen zerstörte. Heute führt Höhn ein aktives Leben im Rollstuhl und nutzt ihre Erfahrungen, um andere zu inspirieren. Mit dem vorliegenden Ratgeber möchte sie Menschen ermutigen, den Weg zum „neuen Normal“ im Rollstuhl schneller anzunehmen.