Leistung statt Lamentieren: Beharrliche Kämpferin für die Belange des Parasports
Anna Schaffelhuber ist eine der erfolgreichsten deutschen Para-Wintersportlerinnen. Wenn heute die Winter-Paralympics in Mailand und Cortina starten, wird auch sie wieder dabei sein. Diesmal als Expertin und Kommentatorin. Der Deutsche Olympische Sport Bund (DOSB) hat mit der Ausnahme-Athletin gesprochen. Über ihre Erfolge. Vor allem aber auch über ihre Ideen, wie man dem Parasport eine „gesicherte, grundlegende Struktur“ geben könnte.

Schaffelhuber ist eine von bis zu bis zu 15 sogenannten Persönlichen Mitgliedern im (externer Link) DOSB. Sie alle sind engagierte Persönlichkeiten aus Sport, Wirtschaft, Politik und Kultur. Jeweils vier Jahre lang beraten sie das Präsidium, dienen als Impulsgeber und treten als Sportbotschafter auf. Die Paralympischen Spiele selbst stehen unter der Ägide des Deutschen Behindertensportverbands. (Siehe dazu externer Link: DBS | Deutscher Behindertensportverband und Nationales Paralympisches Komitee (DBS) e.V.).
Anna Schaffelhuber ist siebenmalige Paralympics-Siegerin im Monoski. Daneben ist sie bei fünf Weltmeisterschaften gestartet – und hat jeweils mindestens eine Gold-Medaille mit nach Hause gebracht. 2019 beendete sie ihre aktive Sportlerinnenkarriere als eine der erfolgreichsten deutschen Behindertensportlerinnen. Heute ist sie als Realschullehrerin und ARD-Expertin für den Parasport tätig.
Viele Türen geöffnet
Ihre aktive Karriere hat sie zwar vor mittlerweile fast sechseinhalb Jahren beendet. Aber bei den Paralympischen Winterspielen in Norditalien wird Schaffelhuber trotzdem mittendrin sein. Als TV-Expertin für die ARD berichtet die 33-Jährige aus Cortina d’Ampezzo über das Weltereignis, das sie 2014 in Sotschi zum deutschen Sportstar werden ließ.
Fünf Goldmedaillen gewann die Monoski-Athletin damals in Russland. „Es war das Highlight meiner Karriere, auf das ich sehr stolz bin und das mir viele Türen geöffnet hat, aber es war auch eine harte Zeit mit viel Druck und einem immer prall gefüllten Terminkalender“, zitiert der DOSB sie.
Zwölf Jahre danach haben sich zwar einige Lücken im Kalender aufgetan, aber ein weniger erfülltes Leben führt die Bayerin keineswegs, so die Veröffentlichung des DOSB weiter. Das liegt einerseits daran, dass ihre beiden Kinder – zwei Jahre und sechs Monate alt – viel Aufmerksamkeit brauchen. Andererseits ist Schaffelhuber, ein Mensch, der sich einbringen möchte.
Was laut DOSB dazu führt, dass sie neben ihrem aktuell wegen der Elternzeit ruhenden Beruf als Realschullehrerin für Mathe und Betriebswirtschaftslehre mehrere Ehrenämter ausführt. Jenes, das den Anlass für den (im Folgenden nahezu wörtlich übernommenen) DOSB-Text darstellt, war die Verpflichtung als Persönliches Mitglied des DOSB.
Ihr Credo: Chancen ergreifen, wenn sie sich ergeben
Ihren Ursprung hat diese Verbindung vor ungefähr vier Jahren in einer Mail, die bei Anna Schaffelhuber eintraf. „Es war eine Anfrage, ob ich mir vorstellen könne, Persönliches Mitglied zu werden. Da der DOSB nicht mein direkter Dachverband war, sondern ich immer mit dem DBS zu tun hatte, wusste ich weder, was mich erwarten würde, noch, was man von mir erwartet. Aber ich dachte mir, dass ich das auch nicht herausfinden kann, wenn ich es nicht versuche, also habe ich die Chance ergriffen und zugesagt“, erinnert sie sich.
Chancen ergreifen, wenn sie sich ergeben; Leistung zeigen anstatt zu lamentieren – all das kannte die von Geburt an inkomplett querschnittgelähmte Topathletin aus ihrer aktiven Karriere. Und mit dieser Einstellung ging sie an die neue Aufgabe im Dachverband des organisierten Sports.
Geteiltes Fazit
Vier Jahre später ist sich Anna Schaffelhuber über das Fazit, das sie aus ihrem Engagement ziehen soll, noch nicht ganz im Klaren. Zwar habe sie viele Einblicke erhalten und ein anderes Verständnis für Verbandsarbeit entwickelt. „Der DOSB wirkte früher für mich weit weg, wie ein starres Konstrukt. Jetzt sehe ich die vielen Menschen hinter diesem Verband und weiß einzuordnen, welche wichtigen Aufgaben sie für die Entwicklung des Sports übernehmen“, sagt sie.
Was ihr allerdings fehle, sei ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer homogenen Gruppe. „Durch die Geburt meiner beiden Kinder war meine erste Amtszeit zugegebenermaßen etwas zerfasert. Aber ich habe mir öfters gewünscht, etwas mehr eingebunden zu werden“, sagt sie. Es fehle dem Gremium eine feste Plattform, ein monatlicher Jour Fixe zum Austausch. „Ein Treffen einmal im Jahr finde ich zu wenig, eine gewisse Kontinuität wäre wichtig.“
Wichtigstes Thema: Inklusion
Beizutragen hätte Anna Schaffelhuber, die elf WM-Titel holte und sechsmal den Gesamtweltcup gewann, auf jeden Fall genug. Ihr wichtigstes Thema ist naturgemäß die Inklusion, sie versteht sich als eine Art Bindeglied zwischen paralympischem, olympischem und nicht-olympischem Sport. Außerdem möchte sie ihre Erfahrungen aus zwei sehr erfolgreichen Paralympics – 2018 in Pyeongchang holte sie zwei weitere Goldmedaillen und einmal Silber und wurde im Nachgang zur Parasportlerin des Jahrzehnts gewählt – in die Planung und Durchführung der Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele im Zeitraum 2036 bis 2044 einbringen. „Meine größte Stärke ist sicherlich, dass ich die Sichtweise einer früheren Athletin mit Insiderwissen aus dem Parasport verbinden und den gesellschaftlichen Wert für alle Menschen mit Behinderung herausstreichen kann, den die Ausrichtung Paralympischer Spiele bringen würde“, sagt sie.
„Parasport fehlt gesicherte Struktur“
Sehr gern würde sie sich darüber hinaus auch in die anstehenden Verhandlungen um ein neues Sportfördergesetz einbringen, weil sie auf dem Feld des Fördersystems noch zu viele Unterschiede ausgemacht hat. „Wenn wir ehrlich sind, fehlt im Parasport weiterhin eine gesicherte, grundlegende Struktur. Mir wird manches dort viel zu schöngeredet. Parasport ist immer noch mit vielen Stereotypen behaftet, und auch die gestiegene Präsenz in den Medien hat nicht zwangsläufig zu einer gesteigerten Qualität in der Berichterstattung geführt. Da haben wir weiterhin viel Optimierungspotenzial“, sagt sie. Von den Spielen in Norditalien erwarte sie in erster Linie, „dass sie aufzeigen, wie groß der Reformbedarf auch im Parasport wirklich ist.“
Ausrichtung von Heimspielen würde die größten Chancen bieten
Ehrliche Worte sind das, und sie schließen inhaltlich an das an, was aktuell im Nachgang der Olympischen Winterspiele diskutiert wird: Wie stellen wir die Sportförderung in Deutschland künftig erfolgversprechender auf? Anna Schaffelhuber sieht dafür einen Königsweg: „Ich bin sehr klar der Überzeugung, dass die Ausrichtung von Olympischen und Paralympischen Spielen im eigenen Land die größten Chancen bieten würde. Für die Sichtbarkeit des Parasports sind Spiele quasi vor der Haustür in Italien zwar ein Pluspunkt, aber einen echten, nachhaltigen Effekt auf Themen wie Barrierefreiheit und gelebte Inklusion hätten nur Spiele in Deutschland“, sagt sie.
Die Prioritäten in der Förderung würden sich verschieben, durch eindeutige Zeitfenster sei die Vorgabe klar: „Spiele im eigenen Land wären der Anlass, sich bewegen zu müssen, unser gesamtes Sportsystem würde dadurch einen enormen Schub bekommen. Deshalb sollten wir alles dafür tun, dass unsere Bewerbung erfolgreich wird!“
„Prozesse dauern zu lang“
Anna Schaffelhuber räumt ein, dass sie „nicht der allergeduldigste Mensch“ sei; einige Prozesse dauern ihr deutlich zu lang. „Mich nervt, wenn ewig über Dinge gesprochen wird, die dann doch nicht umgesetzt werden. Besonders beim Thema Inklusion ist das oft der Fall. Manchmal habe ich das Gefühl, dass echte, tiefgreifende Veränderung gar nicht gewollt ist“, sagt sie.
Dabei mitzuhelfen, derlei Veränderung anzuschieben, wird auch weiterhin ein wichtiges Ziel für sie bleiben. Ob sie im Dezember zur Wiederwahl ins Gremium der Persönlichen Mitglieder antritt, hat sie noch nicht final beschlossen. „Aber gerade weil ich das Gefühl habe, dass noch einiges unerfüllt ist, glaube ich, dass ich es gern weitermachen möchte.“ Dass ihre Expertise gebraucht wird, steht außer Frage.
Die Persönlichen Mitglieder
Die Persönlichen Mitglieder im DOSB sind bis zu 15 engagierte Persönlichkeiten aus allen Gesellschaftsbereichen, die einen Sportbezug haben und vom Präsidium und der Athletenkommission vorgeschlagen und durch die Mitgliederversammlung gewählt werden. Dies passiert alle vier Jahre, das nächste Mal wieder im Dezember dieses Jahres. Weitere Informationen zu den aktuell zwölf Mitgliedern gibt es (externer Link) hier. Unter diesem Link finden sich unter anderem Portraits von Sportschützin Manuela Schmermund und der ehemaligen Bahnradsportlerin Kristina Vogel.
Den komplette Beitrag des DOSB gibt es unter diesem externen Link zum Nachlesen: Leistung statt Lamentieren: Beharrliche Kämpferin für die Belange des Parasports.