Redaktionelles Selbstverständnis und Terminologie

Die Redaktion setzt sich aus Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. – Oder sollte es besser heißen „mit und ohne sichtbare Behinderung“? – Hier fängt es schon an. Denn einen offiziellen Leitfaden zur Auswahl politisch korrekter Begriffe rund um Behinderung  gibt es nicht. Dafür viele unterschiedliche Ansichten und Termini.

 

Über Behinderung berichten

Gedanken darüber, wie die Medien über Menschen mit Behinderung berichten, haben sich z. B. die Autoren von Leidmedien.de gemacht. Sie wollen Medienschaffende dafür sensibilisieren, vielseitig über behinderte Menschen zu berichten und gängige Klischees zu vermeiden. Dazu gehört ihrer Ansicht nach auch ein achtsamer Umgang mit Begrifflichkeiten. Dazu haben sie eine ganze Menge relevanter Wendungen beleuchtet. Im Folgenden hat die Redaktion diejenigen zusammengestellt, die Menschen mit Querschnittlähmung betreffen können.

 

  • Besondere Bedürfnisse
    Die Wendung „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ bleibt recht unkonkret, hat sich aber in einem behinderungsspezifischen Kontext etabliert. Dabei haben wohl auch Feinschmecker, Extremsportler oder Kunstsammler besondere Bedürfnisse. Die Autoren von Leidmedien meinen zudem: „Die Fähigkeiten und Bedürfnisse behinderter Menschen sind nicht ‚besonders‘, sondern genauso vielfältig wie die nichtbehinderter Menschen.

 

  • Menschen mit Behinderung – behinderte Menschen
    Beides okay und in aktuellen Print- und Online-Publikationen sowie bei Behörden Usus. Kritik gibt es lediglich für „Behinderte/r“: Die Substantivierung reduziere zu sehr auf einen Aspekt, meinen viele. Wer von „Menschen mit Behinderung“ spreche, unterstreiche damit, dass es um Menschen gehe – mit einem besonderen Merkmal.

 

  • Behindert werden
    Angestoßen durch die Disability Studies – Wissenschaft und Forschung über Menschen mit Behinderung durch Menschen mit Behinderung selbst – und die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) verändert sich derzeit der Behinderungsbegriff. Die Sichtweise auf Behinderung nimmt zunehmend gesellschaftliche, politische, kulturelle und ökonomische Rahmenbedingungen mit ins Blickfeld. Demnach hängt das Ausmaß einer Behinderung eng mit dem Umfeld zusammen, in dem behinderte Menschen sich bewegen. „Eine nicht barrierefreie Umwelt ist es, die behindert, – behindert ist man nicht, behindert wird man“, finden die Autoren von Leidmedien.de.
    Die UN-BRK fordert daher eine inklusive Gesellschaft, an der alle teilhaben können.

 

  • Handicap
    Die Entstehung des Begriffs wird unterschiedlich verortet:

    • In Verbindung mit bettelnden behinderten Kindern erinnert er an die Hand in der Kappe (hand-in-cap), mit der Almosen gesammelt wurden. In diesem Sinne wäre der Ausdruck diskriminierend und sein Gebrauch fragwürdig
    • Andere Erklärungen führen seine Entstehung auf den Tauschhandel zurück. Hier sei u. a. mithilfe einer Kappe, in der ein Pfandgeld steckte, verhandelt worden. Später seien die Regeln dieser Form des Tausches auf Pferderennen übertragen worden. Dort habe das überlegene Pferd ein zusätzliches Gewicht tragen müssen, das „Handicap“.

Während der Begriff im angloamerikanischen und britischen Sprachgebrauch kaum noch verwendet wird, findet sich in Deutschland ein meist progressiv verstandener Umgang. Auf Leidmedien.de vermissen die Redaktionsmitglieder bei diesem Begriff allerdings den sozialpolitischen Kontext. Dieser sei im Terminus „behindert“ im Sinne von „behindert sein“ und „behindert werden“ viel eher berücksichtigt.

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  • Inklusion – Integration Siehe auch: Inklusion vs. Integration
    Während die Integration im Zeichen einer Öffnung der Gesellschaft für von Ausgrenzung betroffene Menschen steht, kann Inklusion nur stattfinden, wenn alle Teile einer Gesellschaft von vornherein mitgedacht werden und an ihrem Aufbau beteiligt sind. In der Erkenntnis, dass Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- wie umweltbedingten Barrieren entsteht, hat sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-BRK 2009 zum Aufbau einer inklusiven Gesellschaft verpflichtet.

 

  • Invalide
    In der Schweiz ist der Begriff noch heute im Sprachgebrauch fest verankert, z. B. in der „Invalidenversicherung“. Im Wortursprung bedeutet er so viel wie „kraftlos“, „schwach“ und findet daher ansonsten kaum noch Verwendung.

 

  • Krüppel
    Bis in die 1930er-Jahre war diese Bezeichnung üblich für Menschen mit körperlichen Behinderungen (mittelniederdeutsch: der „Gekrümmte“). Während der Krüppel zum Schimpfwort wurde und andere Begriffe neutraler nachrückten (die heute z. T. ebenfalls zu Schimpfwörtern geworden sind), griff die Behindertenbewegung der 1980er-Jahre den Ausdruck bewusst provokant auf. Die selbsternannte „Krüppelbewegung“ kämpfte für ihre Rechte in Pflegeheimen, Werkstätten und Psychiatrie.

 

  • Medizinischer Kontext
    Die Weltgesundheitsorganisation WHO unterscheidet in ihrer “International Classification of Functioning, Disability and Health” (ICF) folgende Termini, die insbesondere im medizinischen und sozialpolitischen Zusammenhang Verwendung finden können (z. B. in einem sozialmedizinischen Gutachten):

Behinderung: Bezeichnet die Schädigung an sich, aber auch die Beeinträchtigung der Aktivität und Teilhabe, die aus der Schädigung in Kombination mit bestimmten Kontextfaktoren entstehen kann. Auch hier findet sich also ein Verständnis von „behindert sein“ und „behindert werden“.

Kontextfaktoren: Sie stellen den Lebenshintergrund einer Person dar und gliedern sich in Umweltfaktoren und personbezogene Faktoren (z. B. Bewältigungsstrategien, Verhaltensmuster, Alter). Erst unter Berücksichtigung aller dieser Einflüsse entsteht ein ganzheitliches Bild.

Funktionsfähigkeit: Die Funktionsfähigkeit leitet sich ab aus dem Verhältnis von Behinderung und Kontextfaktoren und bestimmt letztlich Aktivitäten und Teilhabe. Während „Behinderung“ eine Beeinträchtigung, Passivität und Ausgeschlossenheit meint, steht die Funktionsfähigkeit für Aktivität und Teilhabe bei vorhandener Schädigung.

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  • Normal und gesund
    Ein Mensch kann nur „normal“ sein, wenn ein anderer „unnormal“ oder „abnorm“ ist. Aber was ist „normal“? – Eine Definition gibt es nicht. Ebenso schwierig ist die Unterscheidung in „gesund“ und „behindert“, denn behinderte Menschen sind nicht krank und nicht behinderte Personen nicht unbedingt gesund. Die Konstruktion „nicht behindert“ mag nicht das Gelbe vom Ei sein, findet aber aus Mangel an Alternativen durchaus Verwendung.

 

  • Abwertender Gebrauch
    Die Begriffe „Spastiker“, „behindert“ oder „Wasserkopf“ sind für sich genommen neutrale Bezeichnungen und erhalten erst dann eine abwertende Bedeutung, wenn sie auch so gemeint sind. Betroffene bevorzugen oft Fachausdrücke wie „Hydrocephalus“, die bislang kaum Eingang in die Alltagssprache gefunden haben.

 

Respektvolle Sprachvielfalt

Der Redaktion ist es selbstverständlich ein Anliegen, Termini zu wählen, in denen sich Leser adäquat angesprochen fühlen*. Dennoch ist es nicht unser Ziel, Texte zu vereinheitlichen. Vielmehr wird zum Ausdruck kommen, dass an Der-Querschnitt.de zahlreiche Autoren arbeiten, die ihren eigenen Umgang mit Begrifflichkeiten haben. Auch dieser kann sich ändern. Einige Texte richten sich eher an Pflegekräfte und Fachleute, andere vorwiegend an Leser mit Querschnittlähmung – auch das kann die Wortwahl beeinflussen.

Die Diskussion über Begrifflichkeiten bringt ebenso viele Meinungen wie Termini hervor.  Für den einen ist eine achtsame Wortwahl ein wesentlicher Schritt auf dem Weg in eine veränderte Gesellschaft, für den anderen nimmt sie schlicht zu viel Raum ein. „Das ärgert mich, weil es nicht entscheidend ist“, sagt etwa der Cartoonist Phil Hubbe: „Entscheidend ist, wie jemand mit einem Behinderten umgeht, wenn er ihn vor sich hat“ (aus einem Interview mit Der-Querschnitt.de, Hahn 2014).

 

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird hier, wie auf Der-Querschnitt.de insgesamt, auf die weibliche Form verzichtet.

 

 

 

Quellen: