Sturzangst und Sturzprävention bei Querschnittlähmung
Etwa 70 Prozent der querschnittgelähmten Rollstuhlnutzer und 75 Prozent der Gehfähigen trifft es mindestens einmal im Jahr: Sie stürzen. Einige kommen mit dem Schrecken davon, einige ziehen sich jedoch auch körperliche Verletzungen zu. Aber in fast jedem Fall scheint der Sturz innerlich etwas mit ihnen zu machen: Er kann Unsicherheiten oder Sturzangst wecken – und so die Betroffenen langfristig ausbremsen.

Stürze werden sich bei einer Querschnittlähmung wohl kaum komplett vermeiden lassen. Aber das Risiko lässt sich durch gezielte Maßnahmen verringern. Welche Möglichkeiten der Prävention gibt es? Und wie können Betroffene verhindern, in eine Spirale aus Sturzangst und damit verbundenem erhöhtem Sturzrisiko zu geraten?
Dazu hat Der-Querschnitt.de Skadi Marie Gröning befragt, die als Physiotherapeutin Im Querschnitt-Zentrum des BG-Klinikums Hamburg arbeitet. Die Expertin hat sich unter anderem in ihrer Bachelorarbeit intensiv mit dem Thema beschäftig. Vorgestellt wurde die Arbeit 2025 auf dem Kongress der DMGP (Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie e.V., externer Link).
Welche Faktoren „begünstigen“ Stürze?
Gröning: Stürze bei Menschen mit Querschnittlähmung entstehen in der Regel multifaktoriell. Dazu zählen körperliche Ursachen wie Muskelschwäche, Gleichgewichtsprobleme, Spastik, Schmerzen oder Sensibilitätsstörungen, aber auch Umweltfaktoren wie unebene Böden, Treppen oder schwierige Transfersituationen.
Daneben gibt es verhaltensbezogene Faktoren, die eine wichtige Rolle spielen können: Unachtsamkeit, Ablenkung im Alltag, Selbstüberschätzung oder eine hohe Risikobereitschaft können Stürze begünstigen. Interessanterweise zeigen mehrere Studien, dass besonders aktive Menschen mit einem hohen funktionellen Niveau teilweise häufiger stürzen. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass diese Personen sich mehr zutrauen und ihre Gehfähigkeit intensiver im Alltag nutzen.
Dadurch steigt automatisch die Exposition gegenüber Risikosituationen. Zudem kann ein großes Vertrauen in die eigene Mobilität dazu führen, dass dem Gehen weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird. Bei Rollstuhlnutzenden erhöhen vor allem unsichere Transfers, unzureichendes Rollstuhlhandling oder fehlende Erfahrungen im Umgang mit Bordsteinen, Steigungen oder unebenes Gelände das Sturzrisiko.
Welche Maßnahmen helfen, das Sturzrisiko zu reduzieren?
Gröning: Wichtig ist zunächst, dass die Sturzprävention individuell angepasst werden sollte, da es starke Unterschiede hinsichtlich Mobilitätsniveau, Hilfsmittelnutzung und Alltagsherausforderungen gibt. Bei gehfähigen Menschen machen wir die Erfahrung, dass Training von Gleichgewicht, Kraft, Reaktionsfähigkeit und sicherem Gehen im Vordergrund stehen sollte mit Fokus auf therapeutisch begleitetes Training von Alltagssituationen.
Zudem spielt natürlich auch die korrekte Nutzung von Orthesen oder Gehhilfen eine Rolle. Außerdem rufen wir als Therapeut*innen die Betroffenen auch immer zu Selbstwirksamkeit auf. Durch bewussten und aufmerksamen Umgang mit der eigenen Mobilität, regelmäßiger körperlicher Aktivität zu der auch Krafttraining gehören sollte, das Vermeiden von Hektik und der Anpassung der Wohnumgebung können die Menschen viel dazu beitragen, ihr Sturzrisiko zu vermindern.
Rollstuhlnutzende profitieren besonders von Transfertraining und Rollstuhltraining im Alltag. Studien zeigen außerdem, dass es wichtig ist, Sturzprävention frühzeitig in die Rehabilitation zu integrieren und nicht erst nach einem Sturz darüber zu sprechen.
Offenbar erhöht die Angst vor Stürzen das Sturzrisiko. Könnten Sie dieses Paradox kurz erläutern?
Gröning: Wie können Betroffene sich aus dieser Zwickmühle befreien? Dieses scheinbare Paradox wird in der Literatur tatsächlich häufig beschreiben. Einerseits kann Angst vor Stürzen sinnvoll sein, weil sie Menschen vorsichtiger handeln lässt. Ist die Angst aber sehr ausgeprägt, kann das negative Auswirkungen auf Bewegung, Gleichgewicht und Selbstvertrauen haben. Langfristig kann das auch zu Muskelabbau, Unsicherheit und einer Verschlechterung der Mobilität führen – und dadurch das tatsächliche Sturzrisiko erhöhen.
Gleichzeitig entsteht häufig ein Kreislauf: Wer gestürzt ist, entwickelt Angst vor weiteren Stürzen, und diese Angst kann wiederum die Mobilität negativ beeinflussen. Wichtig ist deshalb ein ausgewogener Umgang mit dem Thema. Ziel sollte nicht unbedingt sein, jede Angst vollständig „aus der Welt zu schaffen“, sondern ein realistisches Sicherheitsgefühl in Bezug auf die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.
Wir empfinden es häufig als hilfreich, schwierige Alltagssituationen im sicheren Setting zu üben, eine Art „Falltraining“ zu absolvieren, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und vor allem viel mit Edukation und Aufklärung zu arbeiten. Viele Menschen profitieren unser Erfahrung nach davon, einerseits wieder Vertrauen in ihre Fähigkeiten aufzubauen aber auch gleichzeitig ihre persönlichen Grenzen besser einschätzen zu lernen. Da spielen sowohl körperliches Training als auch psychologische Faktoren eine wichtige Rolle.
Warum ist Sturzprävention bei Querschnittlähmung so wichtig?
Gröning: Stürze können schwere körperliche Folgen wie Frakturen oder längere Immobilität verursachen. Darüber hinaus zeigen Studien, dass Stürze und insbesondere die Angst davor die soziale Teilhabe deutlich beeinflussen können.
Viele Betroffene ziehen sich zurück, vermeiden Aktivitäten oder verlieren das Vertrauen in die eigene Mobilität. Das kann zu Isolation, Einschränkungen im Alltag und einer verminderten Lebensqualität führen. Da Gehfähigkeit, beziehungsweise Mobilität, für viele Menschen mit Querschnittlähmung eng mit Selbstständigkeit und Lebensqualität verbunden ist, bedeutet Sturzprävention deshalb nicht nur „Unfälle vermeiden“, sondern vor allem den Erhalt der Selbstständigkeit und soziale Teilhabe zu ermöglichen, Mobilität zu fördern und Selbstvertrauen zu stärken, um somit hoffentlich dann auch einen Teil der Lebensqualität zu sichern.
Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch medizinische Fachpersonen.
Der-Querschnitt ist ein Informationsportal. Die Redaktion ist nicht dazu berechtigt, individuelle Beratungen durchzuführen.