Arbeit als Perspektive und Ressource: Frauen in der Rehabilitation nach einem Unfalltrauma mit Querschnittlähmung als Folge
Claudia Miler, MSc, weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr ein Unfall das gesamte Leben verändern kann. Mit 16 Jahren erlitt sie im Jahr 1998 eine Querschnittlähmung. Von einem Moment auf den anderen veränderte sich nicht nur ihre körperliche Situation, sondern auch ihr gesamtes bisheriges Leben: Zukunftspläne, Selbstbild, Alltag, soziale Rollen und die Frage, wie ein Leben mit Behinderung überhaupt aussehen kann.

Besonders prägend war für sie die Zeit der Rehabilitation. Während körperliche Funktionen intensiv trainiert wurden, blieb ein anderer Bereich weitgehend unbeachtet: die berufliche Zukunft. Fragen wie „Kann ich jemals wieder arbeiten?“, „Welche Möglichkeiten habe ich überhaupt?“ oder „Wie soll mein Leben später aussehen?“ wurden kaum thematisiert. Unterstützung bei der Rückkehr in die Arbeitswelt fehlte weitgehend. Claudia Miler musste ihren Weg alleine finden.
Arbeit: Motor für den Genesungsprozess
Rückblickend beschreibt sie gerade diesen Weg zurück in die Arbeitswelt als einen absoluten Wendepunkt — psychisch wie körperlich. Arbeit bedeutete plötzlich weit mehr als finanzielle Absicherung. Sie wurde zu einer Ressource, zu einem Ziel und zu einem entscheidenden Motor für den Genesungsprozess.
„Arbeit als Perspektive und Ressource – Frauen in der Rehabilitation nach einem Unfalltrauma mit Querschnittlähmung als Folge“
Genau daraus entstand die Motivation für ihre Masterarbeit „Arbeit als Perspektive und Ressource – Frauen in der Rehabilitation nach einem Unfalltrauma mit Querschnittlähmung als Folge“ (Wer Interesse an der Arbeit hat, kann sie hier (externer Link) anfragen). Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welchen Einfluss die Aussicht auf einen Arbeitsplatz auf Frauen mit einer frischen Querschnittlähmung während der Rehabilitation hat und welche Bedeutung berufliche Perspektiven für Motivation, Identität und psychische Stabilisierung besitzen.
Im Rahmen einer qualitativen Studie führte Claudia Miler Interviews mit sechs Frauen aus Österreich, die nach ihrer Querschnittlähmung wieder berufstätig wurden. Die Ergebnisse zeigten eindrucksvoll, dass Arbeit im Genesungsprozess eine wesentlich größere Rolle spielt, als häufig angenommen wird.
Alle interviewten Frauen beschrieben, dass die Aussicht auf Arbeit ihre Motivation während der Rehabilitation massiv beeinflusste. Die Vorstellung, wieder einen Arbeitsplatz zu haben, Kollegen zu sehen oder in einen Alltag zurückzukehren, gab vielen Frauen erstmals wieder ein Ziel. Dadurch entstand ein stärkerer Antrieb, die Rehabilitation aktiv mitzugestalten und möglichst selbstständig zu werden.
Viele berichteten, dass sie plötzlich bereit waren, körperliche Grenzen immer wieder neu herauszufordern. Tätigkeiten, die zuvor unmöglich erschienen, wurden trainiert und geübt, weil sie direkt mit dem Wunsch verbunden waren, später wieder arbeiten zu können. Das selbstständige Anziehen, Transfers, Mobilität mit dem Rollstuhl oder das Bewältigen von Alltagssituationen bekamen dadurch eine tiefere Bedeutung.
Rehabilitation wurde nicht mehr nur als medizinische Maßnahme erlebt, sondern als Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben. Besonders deutlich wurde dabei, welche psychischen Ressourcen Arbeit aktivieren kann. Arbeit vermittelte Hoffnung, Perspektive und Zukunftsorientierung in einer Phase, die von Unsicherheit, Kontrollverlust und Angst geprägt war. Die Frauen beschrieben, dass sie sich durch berufliche Ziele weniger ausschließlich über ihre Behinderung definierten. Stattdessen rückten wieder Fähigkeiten, Kompetenzen und persönliche Stärken in den Vordergrund.
„Ich fühle mich wieder mehr als Teil der Gesellschaft.“
Viele der Interviewpartnerinnen berichteten außerdem, dass die Aussicht auf Arbeit ihre Akzeptanz der neuen Lebenssituation erleichterte. Nicht die Behinderung stand plötzlich im Mittelpunkt, sondern die Frage: „Wie kann ich mein Leben gestalten?“
Arbeit bedeutete Zugehörigkeit, soziale Teilhabe und Normalität. Einige Frauen beschrieben, dass sie sich durch ihre berufliche Rolle wieder als „Teil der Gesellschaft“ fühlten und nicht ausschließlich als Patientin oder behinderte Person wahrgenommen wurden.
Ein weiterer zentraler Aspekt war die Wiedergewinnung von Selbstwirksamkeit. Nach einem Unfall erleben viele Betroffene einen massiven Kontrollverlust. Arbeit kann diesem Gefühl entgegenwirken. Die Möglichkeit, Aufgaben zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und gebraucht zu werden, stärkt das Selbstwertgefühl enorm. Einige Frauen beschrieben sogar, dass sie sich durch ihre berufliche Tätigkeit körperlich stabiler fühlten, weil sie wieder Ziele hatten und aktiv bleiben wollten.
Auch soziale Ressourcen spielten dabei eine große Rolle. Unterstützung durch Arbeitgeber, Kollegen oder ein Arbeitsumfeld, das an die Fähigkeiten der Frauen glaubte, wirkte häufig hoch motivierend. Einige Interviewpartnerinnen wurden bereits während der Rehabilitation von ihren Arbeitgebern besucht. Alleine diese Besuche hatten einen starken psychischen Effekt: Sie vermittelten das Gefühl, weiterhin willkommen und wertvoll zu sein.
Gleichzeitig zeigte die Arbeit aber auch deutliche Defizite im österreichischen Rehabilitationssystem. Keine der interviewten Frauen berichtete von einer strukturierten beruflichen Rehabilitation. Unterstützung bei der Rückkehr in die Arbeitswelt, berufliche Beratung oder Begleitung im Wiedereinstieg fehlten fast vollständig. Viele Frauen mussten ihren Weg selbst organisieren und Lösungen eigenständig entwickeln.
Mehr Stellenwert für die berufliche Rehabilitation
Gerade deshalb fordert Claudia Miler in ihrer Arbeit, berufliche Rehabilitation wesentlich früher und stärker in Rehabilitationsprozesse zu integrieren. Arbeit sollte nicht erst am Ende einer Rehabilitation thematisiert werden, sondern bereits früh als möglicher Zukunftsanker sichtbar gemacht werden. Denn die Forschungsergebnisse ihrer Arbeit zeigen deutlich: Berufliche Perspektiven können Motivation, psychische Stabilität und den gesamten Genesungsprozess positiv beeinflussen.
Über die Autorin

Heute arbeitet Claudia Miler als Psychotherapeutin in Wien und erlebt auch in ihrer therapeutischen Arbeit täglich, welche Bedeutung berufliche Teilhabe für Menschen haben kann — nicht nur für Menschen mit körperlichen Behinderungen, sondern ebenso für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Arbeit kann Struktur geben, soziale Isolation reduzieren, Selbstwert stärken und das Gefühl vermitteln, wieder Einfluss auf das eigene Leben zu haben.
Gleichzeitig zeigt ihre Erfahrung, dass Arbeit nur dann zur Ressource werden kann, wenn Menschen ausreichend begleitet und unterstützt werden. Nicht Leistungsdruck steht dabei im Vordergrund, sondern die Möglichkeit, wieder Perspektive, Selbstständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe zu erleben.
Die Arbeit von Claudia Miler verbindet persönliche Erfahrung mit wissenschaftlicher Forschung und macht sichtbar, wie eng psychische Stabilisierung, Identität und berufliche Perspektiven miteinander verbunden sein können. Sie zeigt, dass Arbeit im Rehabilitationsprozess nicht nur ein später Schritt zurück in den Alltag ist — sondern oft bereits während der Rehabilitation selbst zu einer entscheidenden Ressource für Hoffnung, Motivation und Genesung wird.
Die Redaktion bedankt sich herzlich bei der Autorin. Auf Der-Querschnitt.de spricht sie auch über psychologische Aspekte bei Querschnittlähmung im Beitrag „Viele Männer weigern sich, Schwäche zu zeigen.“