Blasenkrebs als seltene Folgeerkrankung bei Querschnittlähmung

Blasenkrebs ist eine selten auftretende Krebsform. Menschen mit Querschnittlähmung erkranken häufiger als der Rest der Bevölkerung. Wieso dem so ist, ist noch nicht abschließend geklärt.

Gezeichnete Krebszelle in weiß auf rosa Untergrund.

Häufigkeit von Blasenkrebs

Jedes Jahr erkranken in Deutschland ca. 17.800 Menschen (ca. 0,02% der Gesamtbevölkerung) an Harnblasenkrebs. Männer sind mit ca. 13.000 (ca. 74%) deutlich häufiger betroffen als Frauen mit ca. 4.790 (ca. 26%). Das mittlere Erkrankungsalter liegt für Männer bei 74, für Frauen bei 77 Jahren.

Verschiedene Studien haben sich mit dem Auftreten von Blasenkrebs als Langzeitfolge von Querschnittlähmung befasst. Die Ergebnisse variieren, doch haben mehrere Studien eine erhöhte Rate an Blasenkrebs festgestellt. Eine Studie aus dem Jahr 2002 ergab, dass Menschen mit Querschnittlähmung ein 15,2-mal höheres Risiko haben, an Blasenkrebs zu erkranken, als andere (Craig, 2026).

Eine Studie aus dem Jahr 2021 deutet darauf hin, dass die Unterbrechung des Rückenmarks selbst ein Auslöser für die Entstehung von Harnblasenkrebs sein kann. Die Harnblasentumoren von Querschnittpatienten unterscheiden sich erheblich von denen nicht-gelähmter Personen. Zum Zeitpunkt der Diagnose waren die Studienteilnehmer, die an Blasenkrebs erkrankten, im Schnitt rund 20 Jahre jünger als die Allgemeinbevölkerung. Zudem erkrankten sie signifikant häufiger als nicht-gelähmte Personen an Tumoren, die bereits in die Muskulatur der Blase eingewachsen sind. Diese invasive Tumorvariante ist aggressiver als oberflächliche Tumore. Welche Mechanismen hierfür verantwortlich sein können, zeigt die Studie nicht (Böthig et al, 2021). (Siehe auch: Internationale Rückenmarksgesellschaft würdigt Forschung zu Querschnittlähmung als Risikofaktor für Harnblasenkrebs)

Vorwiegend Plattenepithelkarzinome bei Menschen mit Querschnittlähmung

Die häufigsten Blasenkrebsarten sind Übergangszellkarzinome und Plattenepithelkarzinome. Während erstere nicht überdurchschnittlich oft mit Querschnittlähmung in Verbindung gebracht werden, scheinen letztere häufiger aufzutreten. Infektionen und Reizungen (und evtl. auch die Verwendung von Dauerkathetern) können zur Bildung von Plattenepithelzellen in der Blase führen; diese Zellen können sich zu Krebszellen entwickeln (Craig, 2026).

Risikofaktoren

  • Rauchen

Der wesentliche Risikofaktor für die Entstehung von Blasenkrebs ist (auch bei Menschen mit Querschnittlähmung) das Rauchen von Zigaretten. Schätzungsweise sind etwa 30 bis 70 Prozent aller Blasenkrebserkrankungen auf das Rauchen zurückzuführen. Siehe auch: Rauchen und Querschnittlähmung.

  • Chronische Blasenreizung

Chronische und wiederkehrende Reizung der Blase erhöhen das Blasenkrebsrisiko. Bei Querschnittlähmung ist es möglich, dass aufgrund der Blasenfunktionsstörung, die Häufigkeit und Art der Reizungen, denen die Blase ausgesetzt ist, erhöht sind.

  • Harnwegsinfektionen

Harnwegsinfektionen sind ein bedeutender Reizfaktor für die Blase bei Querschnittlähmung. Je häufiger und schwerer sie auftreten, desto mehr Probleme können sie verursachen.

Zusätzlich zu den Reizungen, die sie verursachen, vermuten einige Forscher, dass Harnwegsinfektionen die Freisetzung einer Substanz namens Nitrosamin in der Blase verursachen (Consortium of Spinal Cord Injury, 2006). Diese Substanz selbst kann die Entstehung von Krebs in ähnlicher Weise begünstigen wie Zigarettenrauch die Entstehung von Krebs in der Lunge.

  • Blasensteine

Auch Blasensteine können, wenn sie nicht zeitnah entfernt werden, Reizungen verursachen. Zudem können sie das Auftreten von Harnwegsinfektionen begünstigen, die wiederum Reizungen verursachen. (Siehe auch: Blasensteine als Komplikation bei neurogenen Blasenfunktionsstörungen)

  • Die Frage nach dem Dauerkatheter

Häufig wird die Verwendung eines Dauerkatheters als Risikofaktor genannt. Verschiedene Studien ergaben, dass die Krebsinzidenz bei Menschen mit Verweilkathetern höher ist als bei Menschen, die eine andere Art des Blasenmanagements wählen. Karzinome scheinen an den Stellen zu entstehen, an denen der Katheter dauerhaft an der Blasenwand anliegt. Ein weiterer katheterbezogener Risikofaktor scheint auch die Zeit, seit der der Dauerkatheter Anwendung findet,  zu sein. Laut einer Literaturrecherche des Consortium of Spinal Cord Injury (2006) steigt das Risiko, an Blasenkrebs zu erkranken, bei Personen, die langfristig Verweilkatheter verwenden, nach acht bis zehn Jahren.

Die Ergebnisse einer Studie aus dem Jahr 2021 brachte die Verwendung von Dauerkathetern hingegen nicht mit der Entstehung von Blasenkrebs in Verbindung (Böthig et al, 2021).

Weitere Faktoren

Laut der Deutschen Krebshilfe gibt es weitere Risikofaktoren:

  • Bestimmte Berufsgruppen, die hohen Konzentrationen von Karzinogenen aussetzt sind, z. B. Lkw-Fahrer, Textilarbeiter, Beschäftigte in der chemischen Industrie, Lederindustrie, Friseure, Maschinisten, Metallarbeiter, Drucker, Beschäftigte in der Gummiindustrie und Maler
  • Strahlentherapie im kleinen Becken
  • Einige Medikamente, die bei einer Chemotherapie eingesetzt werden
  • Langfristige Einnahme des Wirkstoffs Phenazetin (in Schmerzmitteln)
  • Infektionskrankheiten mit dem tropischen Schädling Bilharziose
  • In seltenen Fällen erbliche Veranlagung.

Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch medizinische Fachpersonen.
Der-Querschnitt ist ein Informationsportal. Die Redaktion ist nicht dazu berechtigt, individuelle Beratungen durchzuführen.