Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie: Reflexentleerung als Therapieoption

Menschen mit einer hohen Querschnittlähmung (oberhalb T10) oder Tetraplegie entwickeln meist eine bestimmte Blasenfunktionsstörung: die Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie. Der Blasenmuskel (Detrusor) zieht sich unkontrolliert zusammen, während der Schließmuskel (Sphinkter) sich nicht richtig öffnet. Ist Katheterisieren nicht möglich, kann man die Blase unter anderem mit einer Reflexentleerung entleeren. In den meisten Fällen muss dazu entweder der Schließmuskel (Sphinkterotomie) eingeschnitten oder ein Harnröhren-Stent gesetzt werden. Ein Vergleich.

Volle Blase mit erschlafftem Detrusor („Harnaustreiber“) und kontrahiertem Sphinkter (Blasenschließmuskel). Links daneben eine Blase während des Wasserlassens, mit kontrahiertem Detrusor und erschlafftem Sphinkter.

 

Je nach Höhe und Ausmaß der Rückenmarksschädigung treten bei der Blase unterschiedliche Lähmungsmuster auf. Bei Schädigungen im unteren Rückenmark (S2-S4) entwickelt ein querschnittgelähmter Mensch meist eine sogenannte „schlaffe Blase“ (Lower Motor Neuron Lesion, LMNL-Blase). Liegen die Schädigungen höher, entwickelt er eine Reflexblase oder spastisch gelähmte Blase (Upper Motor Neuron Lesion, UMNL-Blase). Mehr zu den medizinischen Grundlagen im Beitrag  Blasenfunktion bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de.

Was passiert in der spastischen Blase?

Normalerweise erschlafft der innere Schließmuskel, wenn der Detrusor sich zusammenzieht und macht so den Weg für den Urin frei. Bei hohen Lähmungen funktioniert die Kommunikation zwischen den beiden nicht mehr. Blasenmuskel (Detrusor) und Schließmuskel (Sphinkter) arbeiten gleichsam gegeneinander.

Das Problem: Die sogenannten sakralen Reflexbögen sind noch intakt und regen die Blase reflexartig zum Zusammenziehen an. Das Gehirn jedoch hat keine Chance, diesen Vorgang willentlich zu steuern, da die entsprechenden Nervenbahnen durchtrennt sind.

Die Folgen: Die Blase leert sich häufig unkontrolliert, aber nicht vollständig. Was wiederum zu Restharnbildung und möglicherweise zu Blaseninfektionen führen kann.

Zum Katheterisieren fehlen die Handfunktionen

Um die Blase sicher, regelmäßig und vollständig zu entleeren, müsste man 4- bis 6-Mal täglich katheterisieren. Das in regelmäßigen zeitlichen Abständen durchgeführte, intermittierende Katheterisieren (IK) gilt als Goldstandard bei Neurogener Dysfunktion des unteren Harnstrakts. (Mehr zu diesem Thema im Beitrag Intermittierender Katheterismus: Standards und Hilfsmittel – Der-Querschnitt.de)

Menschen mit hoher Querschnittlähmung oder Tetraplegie ist es aufgrund ihrer eingeschränkten Mobilität und/oder fehlender Handmotorik meist nicht möglich, ohne fremde Hilfe zu katheterisieren. Ist nun aber das IK durch eine Assistenz nicht möglich, oder nicht gewollt, müssen Betroffene ihrem chronischen Harnverhalt auf anderem Wege entgegenwirken, um Komplikationen wie Harnwegsinfektionen vorzubeugen.

Blasenentleerungsmethoden ohne IK

Eine Möglichkeit stellt die Versorgung mit Dauerkathetern dar. Bei dieser sogenannten suprapubischen Zystostomie wird durch eine Öffnung oberhalb des Schambeins („suprapubisch“) ein Bauchdeckenkatheter angelegt, durch den der Harn permanent abgeleitet wird.

Eine andere Option ist die Reflexentleerung mithilfe von Triggern. Eine Methode, die in den letzten Jahren zumindest im deutschsprachigen Raum etwas in Vergessenheit geraten ist.

Das Triggern nutzt den nach wie vor bestehenden Entleerungsreflex aus. Dazu reizt man die Blase durch Beklopfen mit der Faust oder der Handkante, woraufhin die Blase sich zusammenzieht und entleert.

Triggern als Entleerungsoption

„Lange Jahre war das Triggern die übliche Methode, die wir Pflegenden bei Menschen mit hoher Lähmung oder bei Tetraplegikern anwandten“, erinnert sich Veronika Geng, die bei der Manfred-Sauer-Stiftung das Beratungszentrum für Menschen mit Querschnittlähmung leitet. „Dazu mussten wir die Blase alle drei bis vier Stunden beklopfen. Zusätzlich wurde einmal am Tag katheterisiert, um sicherzustellen, dass sich nicht dauerhaft Restharn in der Blase befindet.“

Diese Methode funktionierte gut, barg (und birgt) aber ein großes Risiko, so die Expertin weiter: „Triggert man die Blase nicht sorgfältig oder klopft zu weit oben oder im falschen Winkel, kann es passieren, dass Harn zurück Richtung Nieren getrieben wird.  Das wiederum kann zu einer der gefürchteten Nierenbeckenentzündung führen, früher eine der Haupttodesursachen bei Menschen mit Querschnittlähmung.“

Sollte man die Reflexentleerung also dauerhaft ins anatomische Museum in die Abteilung „veraltete Methoden“ verbannen?

Vergleichsstudie belegt Wirksamkeit

Die Querschnittspezialisten Jens Wöllner, Judith van Beek, Jörg Krebs und Jürgen Pannek vom Schweizer Paraplegiker Zentrum Nottwil (externer Link) stellten auf der Jahrestagung 2025 der DMGP (Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie, externer Link) eine Vergleichsstudie vor.

Der Vortrag mit dem schönen Titel „Reflexentleerung bei Männern mit Querschnittlähmung – die Rückkehr der Dinosaurier“ kommt zu folgender Schlussfolgerung: Neben Einlage der suprapubischen Zystostomie stellt die Reflexentleerung eine Therapieoption dar, so die Experten. „Im Langzeitverlauf zeigen die Patienten mit Reflexentleerung stabile Nierenwerte (Cystatin C bei 62% Patienten normwertig nach 15 Jahren), ohne sekundäre Komplikation des oberen Harntraktes (Reflux-Inzidenz 2,9%, Sonografie: 97% unauffälliges Parenchym).“

Sphinkterotomie versus Harnröhren-Stent

Damit der Harn beim Triggern problemlos abfließen kann, muss in den meisten Fällen der Weg für den Urin frei gemacht werden. Zwei Methoden stehen zur Verfügung:

  • Sphinkterotomie: Dabei wird der Schließmuskel operativ eingekerbt, damit der Urin ungehindert abfließen kann.
  • Harnröhren-Stent: Dabei wird ein kleines Röhrchen (ein Stent) in die Harnröhre eingesetzt. Dieses hält den Schließmuskel offen.

Allerdings gebe es zwischen Sphinkterotomie und Stent Unterschiede in der Wirksamkeit. In der retrospektiven Datenbankanalyse hatten die Mediziner einerseits die Werte von 103 Männern mit Sphinkterotomie, mit einem Follow-up von 5 Jahren, bei 34 Patienten sogar von 15 Jahren. Bei 45% von ihnen war keine erneute Intervention nötig (bei 31,3% war eine Re-Intervention, bei 23% mehr als zwei Interventionen).

Andererseits musste bei den 43 betrachteten Männern mit Stent innerhalb der ersten 5 Jahre gewechselt werden (bei 18.6% wurde der Stent einmal, bei 16% 2 oder häufiger gewechselt). Im Verlauf mussten 55.8% der Implantate wieder entfernt werden. „Gründe waren Inkrustierung, Steinbildung, Interventionen an der Blase (TUR-B) sowie Dislokation“, so das zitierte Abstract.

Insgesamt zeigt sich die Stenteinlage „bezüglich Langzeitverlauf und Komplikation“ der Sphinkterotomie unterlegen, so die Schweizer Wissenschaftler. Sie kommen zu dem Schluss: „Bei regelmäßigem video-urodynamischem Monitoring sollte den Patienten“ die Reflexentleerung weiterhin als „Therapieoption angeboten werden“.

Das Studien-Abstract steht hier (externer Link) zum Download bereit:  DMGP_2025 Abstractband.

Inkontinenz


Bei einer spastischen Blase kann es zu einer unkontrollierten Entleerung der Blase kommen, gerade auch nach Stentanlage oder Sphinkterotomie. Um unangenehme Inkontinezereignisse zu vermeiden, sollten betroffene Männer ein Kondomurinal tragen, das den Urin nicht-invasiv direkt in einen Beutel ableitet. Mehr zu diesem Hilfsmittel im Beitrag Das Kondom-Urinal – oft Stiefkind in der Hilfsmittelversorgung bei Inkontinenz – Der-Querschnitt.de.


Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch medizinische Fachpersonen.
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