Leben mit inkompletter Tetraplegie: Ihre Blasinstrumente lassen Brigitte Sensenschmidt die chronischen Schmerzen vergessen
„Musik, vor allem die Blasinstrumente, waren immer mein Hobby“, sagt Brigitte Sensenschmidt. Seit einem Glatteis-Unfall vor fünf Jahren lebt sie mit inkompletter Tetraplegie. Die Folge: „Die Hände sind nicht mehr das, was sie mal waren. Und auch die Lungenfunktion ist nicht mehr so toll“. Eigentlich denkbar schlechte Voraussetzungen für eine Frau, die Blasinstrumente liebt. Außer, sie hat die richtigen Instrumente. Und die hat Brigitte Sensenschmidt.

„Nachdem ich dann nach der Klinik wieder zuhause war und mich zurechtgekramt hatte, dann fing das wieder an mit der Musik“, erzählt die heute 77-Jährige. Sie spielt nach wie vor mit großer Begeisterung in einem Orchester. Ihre Instrumente: Horn und Alphorn. Beide kann sie ohne Modifizierungen nutzen.
Für das Alphorn braucht man keine Hände
Das Alphorn entpuppt sich überraschenderweise als völlig unkompliziertes Instrument für Menschen, deren Handfunktion eingeschränkt ist. Denn zum Spielen braucht man keine Hände. Die Töne entstehen allein durch das Zusammenspiel von Lippenspannung, Atemtechnik und Artikulation, ganz ohne Ventile oder Grifflöcher.
Brigitte Sensenschmidt spielt im Stehen, das ist ihr mit ihrer inkompletten Lähmung möglich. Man kann aber auch im Sitzen Alphorn blasen.

Das Gewicht des Alphorns ist bei Auftritt kein Problem
Aber es gibt natürlich auch Einschränkungen. Ein Alphorn ist nun einmal ein großes Instrument. Wessen Arm- und Handfunktion so beeinträchtigt ist, dass er das Horn nicht halten kann, muss sich eine Halterung bauen lassen, damit das Mundstück die passende Höhe hat.
„Als ich aus dem Querschnitt-Zentrum entlassen wurde, habe ich wieder mit dem Alphorn-Spielen angefangen“, erzählt Sensenschmidt. „Das war praktisch. Das Instrument ist zwar schwer, aber es steht am Boden, deshalb spielt das beim Blasen keine Rolle.“
Leichte Instrumente aus Carbon
Beim Transport macht sich das Gewicht aber durchaus bemerkbar. Da es aus Holz gefertigt ist, wiegt es meist rund 5 Kilogramm. „Und das ist schon ganz schön schwer, wenn man sich das in der Transporttasche auf den Schoss legen will“, sagt Sensenschmidt. (Hinweis für Nicht-Alphorn-Bläser: Man kann das Instrument in mehrere Teile zerlegen.)

Brigitte hat sich deshalb einen großen Luxus geleistet: Ein Alphorn aus Carbon, das nur rund ein Kilogramm wiegt. „Das war sehr teuer, kostet doppelt so viel wie eines aus Holz. Aber es ist auch sehr praktisch, weil ich das auch auf meinen Elektrorollstuhl mitnehmen kann.“ Und in den Bergen war sie damit auch schon – in den Anden. (Mehr Informationen zu diesem Instrument gibt es auf diesem externen Link: L’AlpFlyingHorn, das Swiss Carbon Alphorn – Das teleskopische Alphorn aus Kohlefaser.)
Lungenfunktion wird immer besser
Die Musik ist für Sensenschmidt mehr als nur ein Hobby. Ein bisschen wirkt sie auch wie Medizin. „Wie bei jedem Blasinstrument braucht man Luft. Meine Lungenfunktion hat sich dadurch gebessert. Am Anfang hatte ich Luft nur für einen halben Takt. Mittlerweile habe ich fast wieder normal Luft und kann eine ganze Phrase durchhalten.
Ich habe da eine kontinuierliche, kleinschrittige Verbesserung gemerkt. Tatsächlich habe ich auch im Alltag recht wenig Lungen-Probleme.“ Sie habe einmal auch einen Arzt, der auf Querschnittlähmungen spezialisiert ist, auf dieses Phänomen angesprochen. „Der hat mich ermutigt: Machen sie da auf jeden Fall weiter!“
Musik als Mittel gegen die chronischen Schmerzen
Hätte sie auch ohne ärztlichen Rat. Denn das Musizieren tut ihr in vielerlei Hinsicht richtig gut. „Mein Hauptproblem sind chronische Schmerzen, wie bei so vielen Inkompletten. Da ist die Musik, da ist jeder Takt eine gute Ablenkung. Für mich ist sie wirklich Teil meiner multimodalen Schmerztherapie.“
Natürlich gäbe es auch andere Methoden, um den Schmerz in den Hintergrund treten zu lassen. „Den Querschnitt-Leuten wird ja auch immer der Sport ans Herz gelegt, das geht ja auch in diese Richtung“, sagt Sensenschmidt. „Aber wer vor der Querschnittlähmung keine Sportlerin war, wird damit danach wohl auch nicht richtig aktiv anfangen. Ich zumindest war schon immer musikbegeistert.“
Erstes Instrument: Ein Waldhorn
Aber auch eine Spätberufene. Erst mit 44 Jahren hatte sie die Musik für sich entdeckt. Ihr Sohn war der erste in der Familie, der zum Blasinstrument griff. Dann zog ihr Mann nach, schließlich auch eine Tochter. Und irgendwann machte sie das Familienquartett dann eben komplett.
Brigitte Sensenschmidt entschied sich damals für das Waldhorn. Ein anspruchsvolles Instrument, bei dem es auf die richtige Lippentechnik ankommt und auf Fingerfertigkeit. Denn die linke Hand bedient die Ventile, mit deren Hilfe man die Tonhöhe verändern kann.
Musizieren mit dem Waldhorn ohne Fingerfunktion kaum möglich
Nach Eintritt der Querschnittlähmung konnte Sensenschmidt ihr geliebtes Instrument kaum noch spielen. „In meiner linken Hand war die Kraft weg und die Handfunktion. Für einen Choral hat das vielleicht noch gereicht, aber nicht für irgendwelche schnellen Läufe oder längere Stücke.“

Der Zufall und ein Umzug in die Nähe von Bonn lösten dieses Problem. Brigitte trat dort in das Bad Godesberger Kammerorchester (externer Link) ein, bei dem ihr Mann Bernd schon länger Mitglied war. Wie es sich für Ensembles aus der Nähe von Bonn gehört, hat dieses Orchester viele Stücke von Ludwig van Beethoven, einem gebürtigem Bonner, im Repertoire, aber auch von Joseph Haydn, der als Förderer des jungen Beethoven gilt, und anderen „klassischen“ und romantischen Komponisten bis Mitte des 19. Jahrhunderts.
Die Lösung: Alte Instrumente
„Deren Stücke sind gar nicht fürs Ventil-Waldhorn komponiert. Das gab es zu deren Lebzeiten nämlich noch gar nicht“, hat Sensenschmidt herausgefunden. „Stattdessen müsste man eigentlich, auch wegen der historischen Aufführungspraxis, mit Inventionshörnern spielen. Das sind Waldhörner ganz ohne Ventil. Je nachdem, in welcher Tonart das Stück geschrieben ist, hängt man einfach den passenden Stimmbogen, eine Rohrverlängerung, in das Instrument ein. Gestern haben wir zum Beispiel eine Schubert-Sinfonie geprobt, da brauchte ich nur den Es-Bogen.“
Das ursprüngliche Instrument hat für die Teraplegikerin gleich zwei Vorteile: Zum einen muss sie keine Ventile bedienen. Zum anderen ist das Instrument deutlich leichter als ein Ventil-Waldhorn, bei dem alle Bögen für die verschiedenen Tonart fest verbaut sind.
Ein Geschenk, in der Gemeinschaft zu musizieren
„Es ist ein Geschenk, dass ich noch Musik machen kann. Vor allem auch, dass ich im Orchester spielen kann. Es ist es ein besonders schönes Geschenk, wenn man gemeinsam musizieren kann. Da kommt es auf jeden einzelnen an, aber allein kommt man nicht weit. Außerdem spielt meine Behinderung da überhaupt keine Rolle … die Orchestermitglieder waren sehr erstaunt, als sie erfahren haben, dass ich eine Tetraplegikerin bin. Das haben die erst gemerkt, als sie gesehen haben, mit welchem Instrument ich spiele, und nachgefragt haben.“
Tägliches Üben hält auf Trab
„Mein Mann ist genauso ein begeisterter Musiker wie ich. Wir üben jeden Tag. Das ist eine gewisse Verpflichtung, damit man es nicht zu bequem macht…“, sagt die 77-Jährige. Mit ihrem Mann Bernd wohnt sie in einem Altenheim. „Dort gibt es sogar ein Theater. Das ist prima. Da können wir jeden Nachmittag üben, weil wir da Platz haben und Gas geben können.“
Das Hobby ist also intensiv, aber nicht völlig geprägt von Leistungsdruck. „Wer Klavier spielt, muss so gut werden, dass man Konzerte spielen kann … bei so einem Blasinstrument kann man halt einfach mit anderen spielen. Außerdem ist man im Stil nicht festgelegt und kann eine musizierende Gruppe für sich finden. Das ist sehr schön.“
