Leben mit Querschnittlähmung: „Menschen mit Behinderung werden nicht als Akteure wahrgenommen“

1981. Ronald Reagan wird US-Präsident. Auf Papst Johannes Paul II. wird ein Attentat verübt – und in Graz baut ein querschnittgelähmter Künstler eine Rampe für Rollstühle. Wolfgang Temmel initiiert sie, damit er überhaupt in den Raum gelangen kann, in dem er seine Werke zeigen soll. Anfang der 1980er-Jahre sorgt eine derartige Aktion für Aufsehen; ein Jahr später bekommt Temmel für seine „Rampe in die Öffentlichkeit“ sogar einen Preis.

Wolfgang Temmel vor seinem Bild „Ein Lichtjahr“.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Das Jahr 1981 haben die Vereinten Nationen zum „International Year of Disabled Persons“, zum internationalen Jahr der Behinderten, erklärt.  

Neuer Zugang zum Kulturbetrieb

Ein Bewusstseinswandel liegt in der Luft. Die Behindertenbewegung formiert sich, erste Staaten beginnen, über Gesetze und Programme zur Gleichstellung von behinderten und nicht-behinderten Menschen nachzudenken. (Siehe dazu auch den Beitrag Der lange Weg zum Bundesteilhabegesetz (BTHG) – Der-Querschnitt.de.)

Die „Rampe für die Öffentlichkeit“.

In diese Aufbruchstimmung hinein realisiert Temmel seine Installation „Rampe für die Öffentlichkeit“.  Der Titel ist doppeldeutig. Denn die 1.500 Kilogramm schwere Stahlrampe, die ins Grazer Künstlerhaus führt, ist tatsächlich öffentlich nutzbar. Zugleich steht sie symbolisch für den Anspruch, jene in die Öffentlichkeit zu bringen, die bisher kaum sichtbar waren: Menschen mit Behinderung.

Die Rampe war also mehr als ein funktionales Bauwerk. Sie ist bewusst als Kunstwerk, und politisches Statement konzipiert. 1982 erhält das Projekt, das Temmels damalige Galerie „H“ finanziert hatte, eine Auszeichnung, den „Förderpreis für bildende Kunst des Landes Steiermark“. Nicht für innovative städtebauliche Veränderungen, sondern für die künstlerische Idee.

Die Rampe veränderte ganz konkret den Zugang von Menschen mit Behinderung zum Kunstbetrieb. Zumindest in Graz. Zumindest für ein paar Jahre. Irgendwann ließ die Stadt das Kunstwerk wieder abmontieren, „weil es zu wenig genutzt wurde“, erinnert sich Temmel. Eine offizielle Baugenehmigung hatte es ohnehin nie gegeben.

„Nichtsichtbarkeit“

Seinen Elan hat das offensichtlich nicht gebremst. Auch mit über 70 Jahren arbeitet er weiterhin erfolgreich als bildender Künstler und Musiker. Ein Thema begleitet ihn dabei bis heute: Die „Nichtsichtbarkeit von Behinderten“.  Vor allem stört ihn ein Aspekt: „Behinderte werden nicht als Akteure gedacht“.

Temmel hat sich „nie was g´schissn!“

Diese Erfahrung zieht sich seit Jahrzehnten durch seine öffentlichen Auftritte und Ausstellungen. Da eine Galerie, die für Menschen im Rollstuhl unzugänglich ist. Dort ein Backstage-Bereich oder eine Bühne, die mit dem Rollstuhl und ohne fremde Hilfe nicht zu erreichen sind. „Das sagt viel aus über die Gesellschaft und darüber, wie sie die Fähigkeiten von Menschen einschätzt, die mit einer Behinderung leben. Sie sind als Zuschauer inzwischen durchaus vorstellbar – als Akteure aber immer noch nicht.“  Er selbst sieht sich als einen der ersten, der sich „nie was g´schissn hat“. Auch deshalb hat er einiges bewegt, auch wenn es oft „mühselig war“, wie er sagt.

Etikettierung: „Dünnes Eis!“

Temmel sitzt seit einem Mopedunfall im Jahr 1971 im Rollstuhl. Ursprünglich wollte er direkt nach der Matura, dem österreichischen Abitur, ein Kunststudium beginnen, doch der Unfall durchkreuzte diese Pläne. Mit einer Querschnittlähmung auf Höhe Th6 musste er zunächst in die Reha. Erst ab 1972 konnte er in Graz Malerei studieren. Anschließend arbeitete er als Kunsterzieher an einem Gymnasium, blieb parallel dazu stets künstlerisch aktiv. Seit 1989 arbeitet er hauptberuflich als freischaffender Künstler.

Wer ihn als „Künstler mit Behinderung“ etikettiert, begibt sich „auf dünnes Eis“. Der Steirer hat dazu eine klare Haltung: „Ihr könnt gern erwähnen, dass ich im Rollstuhl sitze – aber dann müsst ihr auch dazuschreiben, dass Dolly Parton blond ist.“ (Eigentlich verweist Temmel auf ein anderes markantes Merkmal der US-Amerikanischen Musikerin. Die Redaktion hat sich entschieden, eine abgeschwächte Version zu verwenden.)

Querschnittlähmung nicht ständig Thema

„Ich sehe keinen Grund, meine Querschnittlähmung ständig zu thematisieren“, sagt er im Telefon-Interview. Entsprechende Gespräche haben für ihn schnell den Beigeschmack der Stigmatisierung. „Wenn ich das schon höre: Der Arme sitzt im Rollstuhl! Immer: Der Arme! Der Arme! Dann denk ich mir: DU bist arm, weil du damit nicht umgehen kannst, nicht ich.“

Die Frage, ob ihm seine Kunst dabei geholfen hat, das Trauma der Querschnittlähmung zu verarbeiten, scheint er nicht gerne zu hören. „Wenn alles, was Behinderte machen, Therapie ist – was machen denn dann die anderen? Ist das nicht Therapie? Eigentlich bräuchte so gesehen doch jeder eine Therapie!“

Blick in eine Ausstellung mit einigen von Temmels Werken.

Statements gegen das Bestehende

Wie stark solche Etikettierungen wirken, zeigt ein frühes Beispiel. In der Ausstellung „Europa 79“ in Stuttgart wurde Temmel neben zwei anderen (von rund hundert) Künstlern im Nachrichten-Magazin „Der Spiegel“ besprochen – als jemand, der „seine Kunst auch als einen Weg der Rehabilitation angeht“ (siehe externer Link Klotz gemalt – DER SPIEGEL). Eine andere Kritik formulierte: „Man schlägt den Katalog zu, und stellt entsetzt fest: Temmel ist körperbehindert!“ Keine wirklich falsche Aussage. Aber eben auch eine Aussage, die nichts über Temmels Kunst aussagt.

Wenn er Behinderung thematisiert, dann als politisches Statement. Beispielsweise 2003, als Graz sich anschickte, europäische Kulturhauptstadt zu werden.

Temmel war zu einem vorbereitenden Meeting eingeladen, in dem darüber gesprochen werden sollte, inwieweit die Kulturhauptstadt überhaupt barrierefreiwar. Kein großes Thema für Temmel. „Ich schlug vor, dass nur die Baugesetze einzuhalten seien.“ Aber spontan kam mir die Idee eines Kunstprojektes, das Behinderung thematisiert.  Der Rahmen – Graz als europäische Kulturhauptstadt – wäre ideal, erstmals „Behinderung  mit internationalen KünstlerInnenpositionen als zeitgenössisches Kunstprojekt zu zeigen“.

Temmel wurde „Mastermind und Namensgeber“ des Kollektives sinnlos, in dem sich auch eine Kunsthistorikerin, ein Journalist und ein Fotograf sich engagierten. Das Projekt thematisierte mit Ausstellungen, Performances, Konzerten, Radiosendungen, Web-Art-Projekten und Vorträgen die Methoden der Be- und Verhinderung im alltäglichen Leben, in der Gesellschaft sowie in der Kunst – und bewegte offenbar etwas in den Menschen. Temmel erinnert sich: „Das klappte sehr gut. Die Verstörung war 2003 noch immer sehr groß.“ Hier und dort seien Sätze wie „Das ist ja geschmacklos“ zu hören gewesen. (Siehe dazu auch: temmel.org/project.2003_sinnlos&plink sowie  senseless-Mechanisms-Disablement-Methoden-Behinderung, externe Links).

Musikalische Projekte

Dieses politische Interesse ist jedoch nur ein Teil seines künstlerischen Schaffens. Wolfgang Temmels Schaffen bewegt sich zwischen Malerei, Skulptur und experimenteller Musik. In der Malerei widmet er sich häufig abstrakten, prozesshaften Bildwelten. Parallel dazu entwickelte er eine eigenständige musikalische Welt, in der er mit ungewöhnlichen Klangquellen, zum Beispiel den Speichen seines Rollstuhls, Alltagsgegenständen und performativen Elementen arbeitet.

Einige Beispiele für Temmels Musikschaffen kann man unter diesen externen Links anhören:

Ach ja – und etwas sehr Rollstuhl-Spezifisches macht der Steirer auch noch: Er entwirft Speichenschutz. Mehr zu diesem Thema im Beitrag: „Mein Rollstuhl soll schöner werden“: Speichenschutz und Co – Der-Querschnitt.de.

Mehr Informationen zu dem Künstler auf (externer Link) www.temmel.org.


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