Leben mit Querschnittlähmung: Bernhard Kähny über Pferde, Hühner und sein ökologisches Engagement
Bernhard Kähny ist seit über 30 Jahren querschnittgelähmt. Daran, dass seine Liebe zu Tieren in seinem Leben immer ein wichtige Rolle spielte, änderte der Einstieg in den Rollstuhl nichts. In der Vergangenheit machte er sich international als Wagenfahrer im Pferdesport einen Namen, und gegenwärtig engagiert er sich für die Zukunft des Planeten.

Das Wagenfahren
„Die Arbeit mit Pferden, hat mir schon immer einen Riesenspaß gemacht“, erzählt Kähny. „Vor meinem Unfall hatte ich eine Ausbildung zum Landwirt gemacht, wobei Bereiche aus der Forstwirtschaft abgedeckt wurden – da wird viel mit Pferden im Wald gearbeitet. Sie ziehen Stämme und sind auf dem weichen Boden deutlich effektiver als schwere Maschinen.“
„Nach dem Unfall hat mir der Sport geholfen, die Diagnose zu akzeptieren“, so Kähny. Schon im ersten Jahr nach Eintritt der Querschnittlähmung trainierte er für die Weltmeisterschaften in den Disziplinen Diskuswerfen, Speerwerfen, Kugelstoßen und Rennrollstuhlfahren (siehe auch: Bewegungstraining für mehr Lebensqualität). In den frühen 90zigern entdeckte er dann das (Pferde-) Wagenfahren für sich und errang 1993 seine erste Goldmedaille. Bei weitem nicht der einzige Erfolg, den er in dieser Sportart für sich verbuchen konnte. Seine Investition in die Ausbildung zum Fahrer bis zum Viererzug und sein intensives Training, sowie in ein eigenes Pferd nebst Wagen bescherten ihm nationale und internationale Anerkennung. Die Teilnahme an Meisterschaft und Fahr-Events führte ihn in aller Herrn Länder, u. a. nach England, wo er mit der Mannschaft den ersten Platz und den sechsten Platz im Einzel-Marathon erlangte, oder nach Dubai, wo er im Rahmen der Rehab 96 – The International Exhibition and Conference for Rehabilitation oft he Disabled – als Wagenfahrer tätig war. An diese Zeit erinnert sich Kähny mit Stolz und Freude zurück.
Dankbar sagt er: „In all der Zeit hatte ich riesiges Glück durch die Hilfe meiner Familie, von Freundinnen und Freunden, Gönnerinnen und Gönnern… Und ich hatte auch immer eine sehr gute gesundheitliche Versorgung, was alles was ich tat ungeheuer erleichterte“.
Para-Fahrsport für Menschen mit Querschnittlähmung

Der Para-Fahrsport kann ein interessantes Hobby für Menschen mit Querschnittlähmung sein. Auf nationaler Ebene können sich Mitglieder in Vereinen organisieren. Die Interessengemeinschaft Fahren für Menschen mit Behinderung e.V. gibt Auskunft zu verschiedenen Fragen und auf was geachtet werden muss. Auf www.fahren-mit-behinderung.de heißt es:
„Um einem behinderten Menschen eine Teilnahme am Fahrsport und eine möglichst große Chancengleichheit bei Turnieren zu ermöglichen, gibt es, wie auch im Para-Reitsport, den Sportgesundheits-Pass. Hierfür werden alle Fahrer/innen von einem Sportmediziner untersucht, es wird die Behinderung, die einen Einfluss auf die Ausübung des Fahrsportes hat, festgestellt und festgelegt, welche Hilfsmittel diese Einschränkungen ausgleichen können. Mögliche kompensatorische Hilfsmittel sind z. B. spezielle Leinen, Bremskraftverstärker, Podeste mit Schlaufen im Fußraum, Aufstiegshilfe oder Spezialsitze – je nach Lähmungshöhe und Einschränkung.
Alle Para-Fahrer fahren im Regelsport und treten gegen nicht behinderte Fahrer an. Dies macht den Para-Fahrsport zu einer Sportart, die Inklusion im höchsten Maße umsetzt. Schon die Fahrausbildung wird – unter Verwendung der genehmigten Hilfsmitteln – gemeinsam mit nicht-behinderten Fahrern absolviert.
Beratend tätig sind u. a. auch die „Interessengemeinschaft Fahren für Menschen mit Behinderung“, bei dem Kähny Gründungsmitglied ist, oder das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V..
Der Hühnerhof
Pferde hält Kähny 2023 keine mehr. Auf seinem 1.300 m² großen Grundstück im baden-württembergischen Hilsbach hat er aber einen kleinen Hühnerhof eingerichtet. Zuerst waren es drei Hennen, die Kähny zum Geschenk gemacht wurden, und seine Frau und ihn seither mit Eiern versorgen.

„Ich hätte ja nicht gedacht, dass ausgerechnet Hühner so faszinierend sein können. Sie besuchen mich morgens auf der Terrasse vor dem Schlafzimmer und gucken, ob ich schon wach bin. Und sie kommen gelaufen, wenn sie mich hören, wie ich mit Rollstuhl und Zuggerät auf dem Gelände unterwegs bin.“ Inzwischen ist die kleine Hühnerschar um zwei Hennen gewachsen und in der Nachbarschaft ist ein Hahn eingezogen. „Das hat unsere Conchita zunächst verwirrt, dass plötzlich ein Hahn da war. Denn bis dahin war sie die Chefin gewesen und hat sogar versucht zu krähen. Sie hatte sich wohl gedacht, dass irgendjemand den Job ja übernehmen muss, so ganz ohne Gockel. Aber jetzt hat sie sich an die neue Situation gewöhnt.“

Seine gefiederten Freunde halten Kähny auf Trapp. Nicht nur das tägliche Füttern, sondern auch die Grundstückpflege und das Basteln am Hühnerstall gehören zu den Aufgaben, die ihn mit seinen Tieren und der Natur verbindet. Der Gedanke der Nachhaltigkeit ist ihm dabei besonders wichtig, doch seine Mobilität als Mensch mit Querschnittlähmung ist ein Thema. „Ich wohne auf einem umgebauten Bauernhof. Und auf dem unbefestigtem, unebenem Boden hier, komm ich im manuellen Rollstuhl nicht weit. Für die Arbeit auf dem Grundstück, im Garten und mit den Hühnern bin ich mit einem motorisierten Zuggerät mobil. Dadurch spare ich Kraft, die ich dann anderweitig einsetzen kann.“ Z. B. in seinem Tabakschopfen, in dem er Nistkästen für einheimische Vögel baut. „Das Bauen und Anbringen von Nistkästen ist, laut Naturschutzbund e. V. (NABU), aktiver Naturschutz. Und da mach ich natürlich gerne mit.“
Das ökologische Engagement
Kähny, der 2023 67 Jahre alt wurde, ernährt sich abgesehen von den Eiern seiner hauseigenen Hühner weitgehend vegan, d.h. frei von allen Produkten tierischen Ursprungs. „Ich möchte meinen Kindern einen Planten hinterlassen, der nicht ganz kaputt ist. Und da liegt die Verantwortung bei vielen Entscheidungsträgern, aber eben auch ein stückweit beim Einzelnen. Ich kann ja schlecht verlangen, dass alles von oben für mich geregelt wird, und mich dann selbst benehmen, wie die Axt im Wald. Was ich tun kann, das tu ich auch“, begründet Kähny seine Ernährungsweise. „Dass es immer noch Leute gibt, die den Klimawandel leugnen, ist mir völlig unbegreiflich. Und wenn man da mit einer bewussten Ernährung gegensteuern kann, wieso sollte man es dann nicht machen?“
Einen Nachteil sieht er für sich in der veganen Ernährung nicht. „Der Genuss kommt dabei auf gar keinen Fall zu kurz. Im Gegenteil ist es so, dass ich viele leckere Dinge probiert habe, die ich vorher nicht auf dem Speiseplan hatte. Die vielen Ballaststoffe, die ich täglich zu mir nehme, helfen mir bei der Verdauung, die bei Querschnittlähmung ja nicht immer ohne Probleme abläuft. An Energie fehlt es mir nicht und über die Eiweißversorgung mache ich mir auch keine Sorgen. Die stimmt schon, wenn man es richtig macht.“
Ausnahmen bei diesem konsequenten Wunsch nach einer Welt mit Zukunft, macht Kähny dann, wenn er auf Reisen ist. „Wenn ich zuhause koche, weiß ich, dass meine Mahlzeiten genug Nährstoffe haben, und dass ich danach satt bin und genug Energie habe. Aber wenn ich unterwegs bin, sieht das ein bisschen anders aus. Als vegane Option gibt es oft nur einen Salat. Und damit werde ich weder satt noch glücklich. Aber unter den vegetarischen Gerichten finde ich immer was.“
Bedarf an Eiweiß und Ballaststoffen bei Querschnittlähmung

Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sollte die durchschnittliche Menge an Eiweiß, die man täglich zu sich nimmt, etwa 15% der gesamten aufgenommenen Nahrung stellen. Für Menschen mit Querschnittlähmung liegen diese Mengen etwas höher, nämlich bei 15-20% der täglichen Nahrung. Dies entspricht 0,8 bis 1,0 g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht (siehe auch: Pflanzliches Eiweiß: Keine Angst vor Tofu und Co.).
30 g Ballaststoffe sollten am Tag verzehrt werden. So lautet die Empfehlung der DACH für nicht von einer Querschnittlähmung betroffene Fußgänger. Von dieser Empfehlung kann auch für den querschnittgelähmten Patienten ausgegangen werden (siehe auch: Ballaststoffe für die Verdauung).
100 g Falafel (etwa fünf Stück) enthalten je nach Rezept bis zu 13 g Eiweiß und 11 Gramm Ballaststoffe (Quelle). In 100 g Haferlocken stecken vergleichbare Werte (Quelle).
Special Needs for Future
Kähny engagiert sich leidenschaftlich für Klima- und Umweltschutz. Er ist an der Gründung einer Gruppe beteiligt, die sich in Anlehnung an die „Fridays-for-Future“-Bewegung „Special-Needs-for-Future“ nennt.

Er sagt: „Das eigene, auf die besonderen Bedürfnisse technisch angepasste Auto, als kompensatorisches Hilfsmittel zu nutzen, halte ich für komplett in Ordnung. Es lässt sich halt nicht vermeiden. Aber ich kann mich ja dann immer noch dafür entscheiden auf der Autobahn nur 100 km/h zu fahren.“ Sein Fazit: „Auch mit einer schweren Behinderung kann man Beiträge zum Klima- und Artenschutz leisten“.
„Klima- und Artenschutz lassen sich im persönlichen All- und Spezialtag jedes Menschen gut, mit wohltunender seelisch- geistig- und körperlicher Bewegung verbinden.“
Im Frühsommer 2023 war Kähny zu einer Klima-Konferenz eingeladen, wo er seine Meinung über die Gefahren des Klimawandels aus der Sicht von Menschen mit Behinderungen teilte. Über die Zukunft macht er sich keine Illusionen, doch er zitiert seinen Bekannten Gustel Huber mit den Worten: „Es kommt gar nicht so sehr darauf an, welche Ziele ich erreiche, sondern darauf, worum ich mich bemühe!“
Jeder könne etwas beitragen, davon ist Kähny überzeugt und geht mit den oben genannten Beispielen voran. „Den eigenen ökologischen Fußabdruck so oft wie möglich zu optimieren, das macht Sinn in diesen Zeiten.“
Kähny und seine Gruppe suchen weitere Mitstreiter. Interessenten können sich gerne unter special.needs.for.future (@) posteo.de an ihn wenden.
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