Meine Querschnittlähmung und ich: Ein Schmerz wie ein Hammerschlag

Als alter Hase im Rollstuhl hatte ich gedacht, dass ich schon alles erlebt habe, was unangenehme Langzeitfolgen der Querschnittlähmung angeht. Spastik, chronische Schmerzen, wiederkehrende Harnwegsinfekte… ich war versorgt. Aber dann traf mich ein akuter Schmerz im Nacken – so heftig, als würde ein nordischer Gott mit einem Hammer auf mich eindreschen.

Das Herbstwetter war schon kühl, aber gerade noch gut genug, als ich mit dem Handbike unterwegs war.

Seit meinem Ausflug ins Unterholz im letzten Sommer (siehe: Fährt er in den Graben, fressen in die…) mache ich längere Touren ja nur noch in Begleitung, aber an dem Tag hätte es nur ein kurzer Drei-Kilometer-Trip auf einem vielbefahrenen Radweg sein sollen. Und dashalb war ich allein, als der Schmerz in meinem Nacken explodiert. Ich brachte das Handbike zum Stehen. Mein Magen drehte sich um und mir wurde kurz schwarz vor Augen, als etwas, das sich anfühlte wie flüssiges Blei, begann meinen Hinterkopf zu überziehen.

Zu dem Schmerz kam nun die Angst. Ich dachte an einen Bandscheibenvorfall, an Osteoporose in der Wirbelsäule oder Syringomyelie. Meine Lähmungshöhe war ja schon im Halswirbelbereich! Welche Funktionen würde ich noch verlieren, wenn ich eine aufsteigende Lähmung hatte? Die Angst war fast schlimmer als der Schmerz. Aber nur fast.

Jede Bewegung war ein neuer Hammerschlag

Ich war nicht mehr weit von zuhause entfernt, also biss ich die Zähne zusammen und fuhr weiter. Jede Kurbelbewegung war wie ein neuer Hammerschlag auf meinen Nacken auf Höhe von, wie ich schätzte, C 1 oder 2. Ich muss weiß gewesen sein, wie ein Laken, denn meine Frau brachte nicht einmal eine Frage zustande, als sie mich sah.

„Irgendwas ist kaputt“, sagte ich, den Tränen nahe. „Irgendwas hinten an meinem Hals. Weit oben. Oberhalb der Läsion.“

Wir beschlossen in die Notaufnahme zu fahren. Aber vorher würde ich duschen. Diskutieren wollte ich darüber nicht, weil reden auch weh tat. Und weil meine Frau mich nicht quälen wollte, ließ sie mich machen.

Das heiße Wasser verschaffte mir zunächst Erleichterung, weil der Temperaturreiz auf meiner Haut an Kopf und Gesicht die Schmerzwahrnehmung überdeckte. Ich fühlte den Schmerz zwar noch, aber eben auch Hitze, und weil da nun zwei Gefühle um meine Aufmerksamkeit buhlten, war der Schmerz nicht mehr ganz so schlimm. Dann begannen meine Nackenmuskeln sich zu entspannen. Und der Schmerz ließ nach.

„Dann brauchen wir wohl doch keine Notaufnahme“, sagte ich zunächst zu mir selbst und dann zu meiner Frau.

Die Suche nach dem Übeltäter

Zum Arzt ging ich aber natürlich schon, und es folgten langwierige Untersuchungen (Gespräche, Röntgen, MRT, etc.) auf der Suche nach dem Übeltäter. Schlimmeres ließ sich zum Glück schnell ausschließen. Mein Arzt hatte die Vermutung, dass meine Muskulatur im Schulter-Nackenbereich schlicht überlastet war, und die Verkrampfung diese wiederkehrenden Spannungskopfschmerzen verursachten. Ja. Wiederkehrend. Denn bei diesem einen Mal war es nicht geblieben.

Die überraschend einfache Lösung

Verschrieben wurden mir Physiotherapie und Massagen. Ich bemühte mich meine Transfers wieder ordentlich (ja, manchmal werde ich dabei schlampig) und damit weniger belastend für die Schultern auszuführen. Außerdem verbrachte ich viel Zeit mit autogenem Training und anderen Entspannungsübungen. Der Erfolg blieb überschaubar.

Bei einem der folgenden Kontrollbesuche sage ich zu meinem Arzt: „Es bringt alles nicht richtig was. Ich ärgere mich jetzt fast wöchentlich mit Thor herum, der mit seinem Hammer auf meinen Nacken schlägt.“

„Mit Mjölnir?“ fragt mein Arzt und wir freuen uns beide kurz ungemein darüber, dass wir im jeweilig anderen ein Mitglied der Marvel-Fangemeinde gefunden haben. („Wie zwei kleine Jungs“, sagt meine Frau später dazu, aber ich weiß, dass sie meine Comics liest, wenn sie denkt, dass ich nicht hingucke.)

Natürlich hüpfen nordische Götter gerne im Norden herum. Wo es kalt ist. Was meinen Arzt zu der Frage führt, ob ich denn auch immer warm genug angezogen sei. Ich zeige ihm meine Alpakawollunterwäsche (siehe: Ich bin ein Mann, verdammt nochmal), weil ich vor meinem Arzt keine Geheimnisse habe.

„Ja, aber dein Nacken. Der ist ungeschützt. Da sind deine Muskeln so ausgeprägt“, er berührt meine Hals links und rechts der Wirbelsäule, „dass die, wenn sie kalt werden, sich verhärten, und dann trifft dich das natürlich…“, er überlegt kurz und endet lahm, „…, ja, wie ein Hammer.“

Ich trage zum Handbiken jetzt eine Skimütze, die Kopf und Hals bedeckt.

Damit ist das Problem aber nur halb gelöst, denn ich schlafe gerne bei offenem Fenster, was je nach Wetterlage ja auch kalte Zugluft bedeuten kann. Dass ich die Skimütze aber auch im Bett trage, findet meine Frau nicht so prickelnd. Sie hätte schließlich keinen Panzerknacker geheiratet, sagt sie. Geduldig erkläre ich ihr, dass Panzerknacker ihre Masken über den Augen tragen. Mit Sehschlitzen. Wie Zorro. Sie könne da gerne eine Literaturrecherche machen. In meinen Comics. Sie wüsste ja wo die wären. Bei dem vernichtenden Blick, den sie mir zuwirft, schwant mir, dass ich Kopf und Kragen gerade aus ganz anderen Gründen riskiere.

Später einigen wir uns auf ein Halstuch. Das bereitet uns beiden viel weniger Kopfschmerzen.


Quer Schnittchen ist eine fiktive Figur. Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit querschnittgelähmten Menschen. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leserschaft von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteurinnen gerne an dieser Stelle auf.

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