Meine Querschnittlähmung und ich: Fährt er in den Graben, fressen ihn die….

Hilfe? Brauch ich nicht. Probleme? Gibt’s nicht. Jedenfalls keine, die ich nicht allein lösen kann. So dachte ich lange. Bis es mich vor ein paar Monaten heftigst in den Graben legte. Jetzt habe ich einen Notfallplan.

An einem schönen Sommertag war ich mit meinen Handbike-Kumpels im Grünen unterwegs. Wir fuhren hintereinander, ich an letzter Stelle, auf einer Straße, die durch ein Waldstück einen Abhang hinunterführte. Plötzlich hörte ich es rumsen, dann ging es mit mir abwärts. Runter von der Fahrbahn, ab in den Wald und durch die Lücke zwischen zwei Bäumen. Der Busch dahinter stoppte meine Fahrt. Da ich angeschnallt war, fiel ich nicht raus aus dem Handbike, aber richtig auf dem Sitz saß ich auch nicht mehr. Irgendetwas tat mir weh, aber ich war nicht sicher was.

Ab da hörte der Spaß auf.

„Hilfe?“, sagte ich, redete aber mit mir selbst, denn von Niklas und Theo war weit und breit nichts zu sehen. Sie hatten zwar bemerkt, dass ich plötzlich weg war, aber erst mussten sie wenden, dann mussten sie mich suchen, und als sie schließlich die Stelle entdeckt hatte, an der ich mit der Natur auf Tuchfühlung gegangen war, wussten sie – beide Tetraplegiker – nicht, wie sie an mich rankommen sollten.

Wir unterhielten uns rufend – wenigsten wusste ich jetzt, dass die beiden da waren – und sie erteilten mir die hilfreiche Aufforderung, dass ich ganz ruhig und auch erstmal da bleiben sollte, wo ich war. Ja, wo sollte ich auch hingehen? Ich konnte mich ja nicht mal richtig hinsetzen, weil ich so blöde eingeklemmt war. Und mein Handy konnte ich auch nicht erreichen, aus demselben Grund.

Jetzt rächte es sich, dass wir eine Strecke gewählt hatten, die nicht vielbefahren war. Es kam einfach kein Auto vorbei, das die Jungs hätten anhalten können. Schließlich fuhr Niklas los, auf der Suche nach Netz (in der Talsenke hatten wir keins) und Hilfe, während Theo bei mir blieb und mir von der Straße aus gut zuredete. Ich war froh, dass er da war, denn in den Ästen über mir sammelten sich Vögel, die mich hungrig zu beäugen begannen. Entweder das oder ich hatte eine Gehirnerschütterung.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Niklas mit zwei Rennradfahrern an, die mich samt Handbike aus dem Dickicht zogen. Und auch meine Frau hatte Niklas inzwischen verständigen können, die nun mit dem Auto unterwegs war, um mich zu einzusammeln.

So sah es aus, mein Handbike mit Achsenbruch…

Auf den Notfall vorbereitet sein

Schnell stellten sich nun drei Dinge heraus: Ich war ein bisschen lädiert, aber unverletzt. Das Handbike hatte einen Achsenbruch und war vermutlich nicht mehr zu retten. Meine Frau war nicht begeistert – und ließ es mich wissen. Aber ich hatte den Achsenbruch ja nicht verursacht, also war da schnell die Luft raus.

Sie verpuffte noch ein bisschen Energie auf der Suche nach einem Schuldigen, bis sie schließlich zum Kernproblem kam: Jedem kann jederzeit irgendetwas Unvorhergesehenes passieren. Auch ihr. Auch mir. Und wir waren beide auf den Notfall überhaupt nicht vorbereitet.

„Das muss sich ändern“, beschlossen wir und ließen Worten Taten folgen.

  • Wir kümmerten uns endlich um Testament, Patientenverfügung und Generalvollmacht.
  • Wir machten Termine zu lang anstehenden Vorsorgeuntersuchungen.
  • Wir frischten unsere FSME-Impfungen auf. (Das die ablaufen können, war mir gar nicht klar gewesen).

Und dann gab es noch ein paar Dinge, die nur mich wegen der Querschnittlähmung betrafen.

  • Ich kam im 21sten Jahrhundert an und richtete auf meinem Handy die Sprachsteuerung ein. Sollte ich in Zukunft aus welchem Grund auch immer mal wieder nicht an das Display kommen, muss ich nur sagen „Hey, Siggi, ruf Herzblatt an.“
  • Lange Touren mache ich wirklich nur noch in Begleitung.
  • Ich habe eine Liste mit Medikamenten, die ich derzeit nehme, in einem Amulett um den Hals.
  • Und ich trage einen Notfall-Ausweis zur Autonomen Dysreflexie in meiner Brieftasche mit mir herum.

Wir fühlen uns jetzt beide besser. Und sollte ich demnächst mal wieder in den Graben fallen, muss ich mir keine Sorgen machen, dass mich die Raben fressen.


Quer Schnittchen ist eine fiktive Figur. Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit querschnittgelähmten Menschen. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leserschaft von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteurinnen gerne an dieser Stelle auf.

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