Meine Querschnittlähmung und ich: „Heul leiser.“

Die Querschnittlähmung ist an allem schuld, wussten Sie das? Nicht die Beförderung gekriegt? Wegen der Querschnittlähmung. Bei der Traumfrau abgeblitzt? Wegen der Querschnittlähmung. Keine Brötchen mit Mohn mehr beim Bäcker? Ganz klar. Wegen der Querschnittlähmung. Manche meiner Mitmenschen im Rollstuhl denken so. Und das geht mir ein bisschen auf den Sender.

Erstmal vorweg: Die Querschnittlähmung kann an so einigem schuld sein! Neben den offensichtlichen Einschränkungen, was die Mobilität angeht, gibt es da noch die Kreislauf-, Blasen- und Darmdysfunktion, die anders funktionierende Sexualität, die Dekubitusgefahr, Schmerzen und Schlafstörungen… Und auch die Gefahr der Diskriminierung steigt erheblich, wenn man nicht der allgemein gängigen Norm entspricht.

Wenn man sich allerdings ständig benachteiligt sieht, kann man in die Falle tappen, alle Unbillen des Lebens der Behinderung anzukreiden. Die Eigenverantwortung gibt man damit ab und hat die schöne Ausrede, dass man selber ja gar nichts dafür kann, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sollen.

Gerade mit der Suche nach der Traumfrau ist das so eine Sache. Kurz nach Eintritt meiner Querschnittlähmung war mein ganzes Körperbild und meine Selbstwahrnehmung beim Teufel und ich stellte mir die Frage: „Bin das überhaupt noch ich? Ist das noch mein Körper? Wird eine Frau mich so jemals anziehend finden können?“ Im Lauf der Jahre und mit Hilfe einer Psychotherapie, habe ich es schließlich geschafft mich mit meiner neuen Situation in all ihren Fassetten anzufreunden. Und die Verantwortung hatte ich niemals woanders gesucht als bei mir.

Nicht so Bjarne, den ich neulich im Sanitätshaus kennenlernte, und der das Leid der Welt auf seinen Schultern trägt.

Eigenverantwortung? Nein, danke.

Da wir nichts anderes zu tun haben – er wartet auf den nächsten freien Mitarbeiter und ich auf meine Frau, die während meines Termins Besorgungen machen wollte –  können wir uns ja unterhalten, denke ich, und positioniere mich neben dem einzigen anderen Rollstuhlfahrer im Wartebereich.

Schon kurz darauf bereue ich es ganz erheblich, ihn angesprochen zu haben. Auf meine unverfängliche Frage „Und, wie geht’s so?“, antwortet er: „Och, ja. Geht.“ Eine Pause. „Es muss ja…“ Er lässt den Kopf hängen und seufzt schwer. „Weißt du… meine Freundin hat gerade mit mir Schluss gemacht.“

Oh, das ist hart, will ich gerade sagen, doch Bjarne wartet nicht auf eine Interessensbekundung meinerseits und fährt resigniert fort: „Meine absolute Traumfrau… Wir haben so toll miteinander geschrieben.  Fast zwei Monate lang. Alles hat gepasst! Mit ihr hätte es klappen können, wenn nicht…“, er deutet auf den Rollstuhl. „Du weißt schon…“

Geschrieben, denke ich. Aha, Online-Dating. Damit hatte ich kurz nach Eintritt meiner Querschnittlähmung auch so meine Erfahrungen gemacht. An anderer Stelle habe ich bereits darüber berichtet (Meine Querschnittlähmung und ich: Als Rollstuhlfahrer im Dating-Dschungel).

„Ja, online ist so ein Ding. Man kann Frauen aber ja auch woanders kennenlernen“, sage ich. „Zum Beispiel bei der Arbeit.“

Bjarne sieht mich verständnislos an. Und deutet wieder auf seinen Rollstuhl. „Wie soll ich denn arbeiten?!“

Ich arbeite auch, denke ich, und das trotz Rollstuhl und in meinem Fall eingeschränkter Handfunktion. Aber vielleicht hat er ja andere Gründe für seine Berufsunfähigkeit. Ich lasse das also so stehen und sage: „Über Freunde?“

„Ach, die haben sich doch alle verpisst nach dem Unfall. Fast zehn Jahre habe ich von denen keinen mehr gesehen. Und die Leute, die ich in der Reha kennengelernt habe, melden sich auch nur, wenn sie mir was vorheulen wollen.“

Mir schwant Ungutes, trotzdem ringe ich mich zur Frage „Hobbys?“ durch.

Bjarne schnaubt verächtlich: „Da habe ich andere Ansprüche!“

Ich traue mich gar nicht erst zu fragen, was für Hobbys das sind, wo teilnehmende Frauen nicht Bjarnes Ansprüchen entsprechen und sehe mich unauffällig nach Hilfe um. Der nächste freie Mitarbeiter? Meine Frau? Marodierende Barbaren, die das Sanitätshaus stürmen? Wo stecken die, wenn man sie braucht?

Bjarne füllt die Gesprächslücke mit Informationen, die ich nicht gebraucht hätte. „Ich habe mir sogar ein Haustier angeschafft. So was macht dich für die Mädels interessant, habe ich mir sagen lassen. Aber weißt du, was so ein Gecko an Ausrüstung braucht? Wärmelampen? Wer kann sich denn sowas leisten? Nach fünf Wochen ist mir das Vieh verreckt. Hat also auch nichts gebracht. Wenn der Rollstuhl nicht wäre, bräuchte es das alles nicht.“

Niemand will mit Bjarne, dem Tierquäler, zusammen sein. Komisch.

„Bist du denn sicher, dass es am Rollstuhl liegt?“, frage ich. Bjarne sieht zunächst wieder so aus, als verstünde er die Frage nicht. Dann sagt er: „Natürlich. An was denn sonst?“

„An deinem Charakter“, denke ich und schäme mich sofort dafür, dass ich jemanden verurteile, den ich noch keine zehn Minuten kenne. Dann tut mir Bjarne den Gefallen, alle Zweifel, die ich bis dahin noch hege, souverän aus dem Weg zu räumen: „Merkst du doch selber! Im Rollstuhl ist es vorbei! Als ich die Diagnose hörte, da wusste ich, dass es vorbei ist. Früher habe ich gedacht, für was leben die denn noch, wenn ich Behinderte gesehen habe… Und jetzt… Muss ja klar sein, dass mich keine mehr haben will.“

Tja. Wenn ich eine Frau wäre, würde ich Bjarne auch nicht zum Partner haben wollen. Ich will ihn nicht als Freund oder als Bekannten. Nicht mal im selben Raum will ich mit ihm sein. Zum Glück kommt endlich meine Frau, bei deren Anblick Bjarne die Augen aus dem Kopf fallen, und ich verabschiede mich eiligst und mit dem Versprechen an mich selbst, dass Bjarne mich nur dann wiedersehen wird, wenn ich ihn nicht zuerst sehe.

Was macht Menschen attraktiv für andere?

Es wird Sie vielleicht oder vielleicht auch nicht überraschen zu erfahren, dass es da draußen deutlich weniger Unterwäsche-Models gibt, als man annehmen möchte. Gemessen an dem Standard, den die Medien uns aufschwätzen wollen, hat ja quasi jeder jenseits der 30 das Verfallsdatum bereits überschritten und muss zu Cremes, Schönheits-OPs und Filtern greifen, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Wenn Sie sich dann aber im richtigen Leben so umblicken, werden Sie feststellen, dass es durchaus Leute mit Falten, grauen Haaren, Brillen, Übergewicht, Körpergrößen jenseits des Standards, Fu-Manchu-Bärten und Behinderungen gibt, die die Liebe gefunden haben. Und zwar nicht wenige.

Vielleicht könnten sich manche Menschen fragen; „Was haben diese Leute, was ich nicht habe?“

Ein engerer Kontakt mit der Realität könnte eines dieser Dinge sein. Und auch eine Portion Eigenverantwortung kann bei der Suche nach der Liebe nicht schaden. Ständig rumzuflennen hat noch nie jemanden attraktiver für potenzielle Partner gemacht.  Damit meine ich nicht, dass man Probleme, ob nur persönliche oder gesellschaftliche, nicht ansprechen darf. Ein bisschen weniger „Oh, ich armes Ding!“ und etwas mehr Lösungsorientierung darf es aber schon sein.

„In diesem Sinne: Heul leiser, Bjarne!“…

…schreibe ich und veröffentliche die Kolumne.

Du A****loch?

… ein paar Tage später klingelt es an meiner Haustür. Als ich öffne, bin ich überrascht meinen Handbike-Kumpel Viktor zu sehen, der sonst nicht unangemeldet vorbeikommt.

Noch überraschter bin ich, als Viktor mir aufs Maul haut. Nun, er haut mich nicht wirklich. Nicht körperlich. Aber verbal. „Du bist so ein arrogantes Arschloch!“ sagt er. „Wie kommst du dazu dir in der Kolumne solche Sachen auszudenken?“

„Ich habe mir das nicht ausgedacht“, sag ich. „So ist es passiert.“

„Erzähl keinen Scheiß!“

„Okay“, räume ich ein. „Der Typ heißt nicht Bjarne. Aber der Rest… ja, doch… an manchen Stellen wörtlich.“

Das nimmt Viktor, der mich offenbar für einen rechten Lügenbaron gehalten hat, ein bisschen den Wind aus den Segeln. Ich bitte ihn rein und bei einem gemeinsamen Bier erklärt er mir, was ihn so in Rage gebracht hat.

„Du bestärkst das negative Bild, das die Gesellschaft eh schon von Leuten mit Behinderung hat. Ewig rumnörgeln, nichts gebacken kriegen. So sieht uns die Welt doch.“

Bei letzterem bin ich mit Viktor tatsächlich einer Meinung. „Genau“ sag ich. „Und deshalb finde ich es ja so wichtig, dass wir Eigenverantwortung da sehen, wo sie ist, und die Dinge, die wirklich im Verantwortungsbereich der Gesellschaft liegen, laut – lauter als jetzt – einfordern. Meine Forderungen nach einem rollstuhlgerechten Zugang zum Amtsgericht und Chancengleichheit im Beruf werden vermutlich ernster genommen, wenn ich nicht gleichzeitig verlange, dass ausschließlich gutaussehende Frauen sich in mich verlieben müssen.“

Viktor wirkt plötzlich müde und traurig. „Hast du überhaupt eine Ahnung wie privilegiert du bist? Wie viel Glück du hattest? Mit einer Familie, die dich von Anfang an unterstützt hat? Mit Freunden, die zu dir stehen? Und jetzt sitzt du hier in deinem schönen Haus, mit deiner schönen Frau, deinem niedlichen Sohn und äußerst dich herablassend über Leute, die weniger glücklich sind.“

An dieser Stelle werde ich sehr, sehr kleinlaut. Ich mache den Mund auf, um zu sagen, dass ich nichts geschenkt bekommen habe, und dass ich mich, ob all der Dinge, die die Querschnittlähmung mit sich bringt, so was von gar nicht privilegiert fühle. Aber dann denke ich daran, wie glücklich ich trotz all meine Probleme tatsächlich bin. Wie sehr ich mich auf jeden neuen Tag freue, wie viel Liebe und Bestätigung ich erfahre. Und daran, dass ich mit all den Dingen, die die Querschnittlähmung mit sich bringt, vielleicht gar nicht so gut umgehen könnte, wenn ich diese Liebe nicht hätte.

Ja, es gibt so etwas wie Eigenverantwortung. Es gibt aber auch so etwas wie Demut. Ich bin Viktor (der ebenso wenig Viktor heißt, wie Bjarne Bjarne) sehr dankbar, dass er mich darauf aufmerksam gemacht hat.


Quer Schnittchen ist eine fiktive Figur. Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit querschnittgelähmten Menschen. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leserschaft von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteurinnen gerne an dieser Stelle auf.

Einfach eine E-Mail an info(a)der-querschnitt.de schicken – die Redaktion freut sich auf spannende Ideen und Anregungen!