Mit den Augen fühlen – Faszienbehandlung bei Querschnittlähmung

Menschen mit Querschnittlähmung erleben ihren Körper nach einer Verletzung häufig anders als zuvor. Berührungen können verändert, abgeschwächt oder an einer anderen Stelle wahrgenommen werden. Gleichzeitig werden bestimmte Körperbereiche – insbesondere Schultern, Nacken und Rumpf – durch das Rollstuhlfahren stark beansprucht.

Genau hier setzt ein besonderes Behandlungskonzept an: die Verbindung einer sanften Gantke® Faszienbehandlung mit gezielt eingesetzten Spiegeln. Die Idee dahinter ist einfach und zugleich außergewöhnlich: den eigenen Körper während der Behandlung nicht nur zu fühlen, sondern auch zu sehen.

Der eigene Körper wird sichtbar

Während der Behandlung ermöglichen Spiegel über und neben der Behandlungsliege verschiedene Perspektiven auf den eigenen Körper. So kann die behandelte Person beobachten, wo eine Berührung stattfindet, wie der Körper auf der Liege positioniert ist und welche Bereiche gerade behandelt werden.

Für Menschen mit eingeschränkter oder veränderter Sensibilität kann diese visuelle Rückmeldung eine besondere Bedeutung haben. Sehen und Fühlen werden miteinander verknüpft. Die Aufmerksamkeit richtet sich bewusst auf den eigenen Körper und auf das, was während der Behandlung geschieht.

Das Ziel ist dabei nicht allein die körperliche Entspannung. Die visuelle Wahrnehmung kann helfen, den eigenen Körper bewusster zu erleben und wieder stärker als Teil der eigenen Person wahrzunehmen.

Wenn das Auge etwas anderes sieht, als der Körper fühlt

Ein Behandlungsraum mit Ganzkörperspiegeln an zwei Seiten und der Decke. Die Behandlungsliege hat einen grauen Bezug; darauf liegt eine gefaltete graue Decke. Der Raum ist mit gelbem Licht sanft beleuchtet.

Wie eindrücklich diese Erfahrung sein kann, zeigt Maximilian Spörl. Er ist seit 2019 inkompletter Tetraplegiker mit einer Lähmungshöhe von C4. Berührungen kann er teilweise wahrnehmen, ihre Intensität und genaue Position jedoch nicht immer eindeutig zuordnen.

Bei seiner ersten Behandlung im Frühjahr 2026 machte er mithilfe der Spiegel eine überraschende Beobachtung: Während er eine Berührung beispielsweise am Knöchel zu spüren glaubte, konnte er im Spiegel sehen, dass tatsächlich die Mitte der Wade behandelt wurde. Ähnliche Abweichungen bemerkte er an mehreren Stellen seines Körpers.

„Ohne den Spiegel hätte ich diese Unterschiede zwischen tatsächlicher Berührung und eigener sensorischer Wahrnehmung nicht erkennen können“, sagt er.

Für Spörl wurde der Spiegel dadurch zu mehr als einer Möglichkeit, die Behandlung zu beobachten. Er half ihm dabei, sich intensiv mit der eigenen Wahrnehmung auseinanderzusetzen und Berührungen visuell zu überprüfen.

Sich selbst wieder ausgestreckt sehen

Eine weitere Erfahrung war für Spörl besonders eindrücklich: sich selbst auf der Behandlungsliege vollständig ausgestreckt zu sehen.

Im Alltag sitzt er überwiegend im Rollstuhl. Zwar trainiert er unter anderem vor Spiegeln, dabei sieht er jedoch vor allem seinen Oberkörper. Den eigenen Körper über längere Zeit vollständig ausgestreckt zu betrachten, war für ihn eine ungewohnte Erfahrung.

Gerade darin sah er einen großen Mehrwert der Behandlung. Das Sehen seines Körpers und die gleichzeitige Berührung führten dazu, dass er sich intensiver mit seinem eigenen Körpergefühl beschäftigte. Er beschrieb das Gefühl, dadurch wieder stärker „bei sich angekommen“ zu sein.

Tiefe Entspannung nach der Behandlung

Neben dieser veränderten Körperwahrnehmung bemerkte Spörl auch deutliche körperliche Veränderungen. Nach seiner ersten, rund zweistündigen Behandlung fühlte er sich tiefenentspannt. Seine Spastik war nach eigener Aussage für etwa 72 Stunden deutlich geringer, insbesondere der Hüftbeuger fühlte sich wesentlich entspannter an.

Für ihn war die Erfahrung so überzeugend, dass er trotz einer Anfahrt von rund einer Stunde und 40 Minuten wiederkommen möchte.

Dabei macht sein Erfahrungsbericht zugleich deutlich, dass die Behandlung nicht pauschal für jeden Menschen mit Querschnittlähmung gleich geeignet oder gleich wirksam sein muss. Einen besonderen Mehrwert sieht er vor allem für Menschen, die sich intensiver mit ihrem Körper beschäftigen und eine neue oder stärkere Beziehung zu ihm aufbauen möchten.

Faszienbehandlung und Körperwahrnehmung verbinden

Die Behandlung verbindet zwei Ebenen miteinander. Zum einen wird mit langsamen und sanften Techniken am Fasziensystem gearbeitet. Ziel ist es, Spannungsmuster und Verklebungen zu lösen und stark beanspruchte Körperbereiche zu entlasten.

Zum anderen spielt die bewusste Wahrnehmung eine zentrale Rolle. Durch die Spiegel kann die behandelte Person jederzeit sehen, was geschieht. Die Berührung wird dadurch nicht nur körperlich wahrgenommen, sondern gleichzeitig visuell nachvollziehbar.

Ergänzend erfolgt eine individuelle Betrachtung der Körperstruktur. Dabei werden unter anderem Bewegungsmuster von Armen, Kopf und Nacken sowie mögliche Einschränkungen und Fehlstellungen im Rumpf berücksichtigt.

Sicherheit und Vertrauen als Teil der Behandlung

Christina Gerstner bei einer Behandlung.

Eine Behandlung dauert etwa zwei Stunden. Mit An- und Ausziehen sowie notwendigem Umlagern sollte insgesamt mit ungefähr drei Stunden gerechnet werden.

Diese Zeit ermöglicht einen ruhigen Ablauf ohne Zeitdruck. Gerade bei Menschen mit Querschnittlähmung sind individuelle Bedürfnisse, Lagerung und körperliche Voraussetzungen sehr unterschiedlich und müssen entsprechend berücksichtigt werden.

Spörl beschreibt rückblickend nicht nur die körperliche Wirkung. Besonders wichtig war für ihn auch das Gefühl, während seines Aufenthalts gut aufgehoben zu sein. Trotz der insgesamt rund drei Stunden in der Praxis habe er sich sehr geborgen gefühlt und die individuelle Begleitung als ausgesprochen positiv erlebt.

Ein Konzept aus der praktischen Arbeit

„Entstanden ist die Idee aus der Arbeit mit Menschen mit Querschnittlähmung. Dabei zeigte sich immer wieder, wie schwierig es für manche Patienten sein kann, während einer Behandlung einen bewussten Zugang zu ihrem Körper zu finden“, sagt Therapeutin Christina Gerstner.

Daraus entwickelte sich der Ansatz, die manuelle Faszienbehandlung um die visuelle Ebene zu erweitern. „Der Spiegel soll dabei nicht einfach nur zeigen, was behandelt wird“, so Gerstner weiter. „Er soll dabei helfen, Sehen, Berührung und Körperwahrnehmung miteinander in Beziehung zu bringen. Durch die emotionale Verknüpfung, mit dem, was man im Spiegel sieht, kann eine Tiefenentspannung erreicht werden, die sich positiv auf das Wohlbefinden auswirkt.“

Das Konzept wird bereits praktisch eingesetzt und erhält positive Rückmeldungen. Behandelt werden sowohl Menschen mit Para- als auch mit Tetraplegie. Die Praxis in Königsbrunn ist barrierefrei und verfügt über einen eigenen Rollstuhlparkplatz direkt vor der Tür.

Im Mittelpunkt steht dabei ein Gedanke: Den eigenen Körper nicht nur behandeln zu lassen, sondern ihn wieder bewusst zu sehen, wahrzunehmen und zu erleben. Oder anders gesagt: mit den Augen fühlen.

Eine grundsätzlich gute Idee


Dr. Yorck-Bernhard Kalke, medizinischer Leiter des Querschnittgelähmtenzentrums in Ulm, sagt: „Sensorische und visuelle Erfahrungen miteinander zu verbinden, halte ich grundsätzlich für eine gute Idee. Frau Gerster engagiert sich sehr beim Stammtisch der Fördergemeinschaft des Querschnittzentrums Ulm. Mit derselben Energie, mit der sie dort auftritt, widmet sie sich auch ihrem Angebot in Königsbrunn. Methoden, die dazu beitragen können, dass sich Menschen besser fühlen, sind es aus meiner Sicht wert, von Betroffenen in Betracht gezogen zu werden.“


Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch medizinische Fachpersonen.
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